Interview mit Ronny Blaschke Was Fans, Spieler und Journalisten bei der Fußball-WM in Russland tun können

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Berlin. Seit März ist Ronny Blaschke auf Deutschland-Tour, erst am Eröffnungstag der Fußball-Weltmeisterschaft ist Schluss: Bis dahin informiert der Journalist und Buchautor bei einer groß angelegten Vortragsreihe über die gesellschaftspolitischen Hintergründe der WM in Russland.

„Spielwiese Menschenrechte“ – unter dieser Überschrift und in diesem Interview informiert Blaschke über die Lage in Russland und die Besonderheiten des russischen Fußballs. Und er gibt Empfehlungen, wie sich Fans, Spieler und Journalisten in der autokratischen Umgebung positionieren können.

Herr Blaschke, wo würden Sie Russland im Jahr 2018 zwischen den Extrempunkten „lupenreine Demokratie“ und „verkappte Diktatur“ einordnen?

Fakt ist, dass es zuletzt gravierende Einschränkungen der Versammlungs- und Pressefreiheit gegeben hat. In den Jahren 2014, 2015 und 2016 sind in Russland rund 1000 Demonstranten festgesetzt worden, vergangenes Jahr waren es schon 4000. Von 400000 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Jahr 2012 sind nur noch 220000 übrig geblieben. Sie sind, sofern sie Förderung aus dem Ausland erhalten, als „ausländische Agenten“ registriert. Kritische Medien, Blogs und Zeitungen werden kontrolliert, mehr als 90 Prozent der Russen informieren sich nur über das Fernsehen, das unter staatlicher Kontrolle steht. Nur sieben Prozent der Menschen interessieren sich für Politik. Eine Zivilgesellschaft nach westlichen Maßstäben existiert nicht. Ich würde sagen, dass Russland immer mehr zur Autokratie wird.

War es also falsch, die WM nach Russland zu vergeben?

Nein. Ich finde, dass ein Land mit großer Fußballtradition und in dem etwa 150 Millionen Menschen leben, grundsätzlich ein Weltereignis wie eine WM verdient hat. Rein statistisch könnte man argumentieren, dass die Debatte um Menschenrechte auch nur in einem Sechstel der Welt überhaupt geführt wird. Natürlich ist es wünschenswert, dass die FIFA ihre Vergabe und auch die großen Sponsoren ihre Zuwendungen konsequenter an humane Vergabebedingungen knüpfen: Einhaltung von Arbeitsrechtstandards auf den Stadionbaustellen, Garantie der Pressefreiheit, Nachhaltigkeitskonzepte bezüglich der Sportstätten. Andererseits freuen sich etliche NGOs in Russland über die WM – sie stärkt ihre Chance auf internationale Vernetzung, was auf Dauer wertvoller sein kann als Geldspenden, die sie nur auf die schwarze Liste der ausländischen Agenten bringen kann.

Bei der letzten EM in Frankreich haben die Ausschreitungen russischer Hooligans die Schlagzeilen gemacht.Wie groß ist die Gefahr, dass sich so etwas in Russland selbst nun wiederholt?

Es gibt in russischen Stadien massive Verstrickungen zwischen Fußballfans und rechtsextremen Hooligans. Im Untergrund agiert eine gewaltbereite Szene, gut trainiert und kampfsporterprobt. Ich denke trotzdem, dass diese bei der WM keine größere Rolle spielen wird. Das liegt am Interesse des russischen Staates, der negative Schlagzeilen während der WM unbedingt vermeiden will und eine ganz eigenwillige Interpretation von Prävention hat: Personen, die Krawall machen könnten, unterliegen schon längst Repressionen, werden von Spielstätten ferngehalten. Die Nachteile: Die Chance, über Fanprojekte nach deutschem Vorbild Präventionsarbeit zu etablieren, wurde verpasst. Und wenn das Raumschiff WM wieder weiterfliegt und die Welt nicht mehr hinschaut, könnten die Probleme wieder aufflackern.

Aber die Fanszene in Russland muss doch vielfältiger sein als nur von Krawall geprägt?

Ist sie auch. Ich war in Moskau mit ZSKA-Fans unterwegs, die angesichts der Zustände ein Bündnis gegründet haben, das sich explizit gegen Rassismus wendet. Es gibt einen schwul-lesbischen Sportverband. Diese Eigeninitiative aber wird nicht belohnt, weil die Zivilgesellschaft nicht als Partnerin, sondern als Gegenbewegung des Staates wahrgenommen wird.

Woran liegt das?

Man muss verstehen, dass Fußball dort anders funktioniert als bei uns. Die Vereine werden nicht von Mitgliedern und Fans geprägt, sondern liegen komplett in der Hand von regional verwurzelten Oligarchen oder halbstaatlichen Konzernen. Die sehen Fußball nicht als Familienevent, sondern als Profitmaschine und Instrument zum eigenen Machterhalt. In diesem System konnten Regionalfürsten mit dem Zuschlag als WM-Spielort und Stadionbau-Aufträgen gut befriedigt werden. International betrachtet, ist das einseitige und oberflächliche Russlandbild, das im Westen vorherrscht, ein weiterer Grund. Der in Russland vielfach als belehrend wahrgenommene Ton der Europäer, die ansagen, wie etwas zu laufen hat, sorgt dort oft für Frust. Und auch hierzulande wird man, wenn man zu etwas eine Meinung hat, gleich einsortiert: Entweder als Putin-Gegner – oder als Putin-Versteher und Verharmloser.

Wobei ja niemand abstreiten kann, dass Putin die WM politisch für sich nützt.

Natürlich hat schon die Dekade der Sport-Großereignisse in Russland – Leichtathletik-WM, Biathlon, Olympia – innenpolitisch gewirkt. Putin kann sich als Macher inszenieren, gleichzeitig wird der Nationalismus im Land gestärkt. Es gibt sogar Experten, die sagen, Putin hätte die Annexion der Krim nicht so durchziehen können, wenn ein paar Wochen vorher die Winterspiele in Sotschi für ihn nicht so optimal gelaufen wären. Was aktuell die WM betrifft, kann man aber auch sagen: Skandale um Korruption bei Stadionbaustellen wie in St. Petersburg hat es schon vielfach vorher gegeben, siehe Südafrika oder Brasilien. Auch dass soziale Gruppen auseinanderdriften, wenn an den frisch herausgeputzten Spielorten die Immobilienpreise steigen, ist keine neue und auf Russland reduzierbare Erkenntnis.

Ziel sollte sein, die Zivilgesellschaft zu stärken. Was kann der Fan vor Ort tun?

Offen auf alle Menschen zugehen – auch wenn diese Möglichkeiten angesichts vorhandener Sprachbarrieren vielleicht begrenzt sind. Jeder Fan sollte sich zudem bewusst sein, dass er selbst Teil der globalen Fußball-Geldmaschine ist – wenn er Trikots trägt, die von meist jungen Näherinnen in Asien zusammengenäht werden, und das unter unwürdigen Bedingungen. Oder wenn er mit seinen Gebühren schätzungsweise 150 Millionen Euro, die ARD und ZDF für die WM-Übertragungsrechte bezahlen, mitfinanziert. Das hält dann vielleicht davon ab, gewisse Dinge zu sehr zu glorifizieren auf Kosten anderer.

Worauf sollte der Fan sonst noch achten?

Grundsätzlich kann er sich in dem autokratisch geführten Land sehr sicher aufhalten und bezüglich der Sehenswürdigkeiten auch unter touristischen Gesichtspunkten ein überragendes Turnier erleben. Er sollte sich aber schon gut informieren, in welches Land er fährt, und sich an die dortigen Gesetze halten. Ob es eine gute Idee ist, mit der Regenbogenflagge als schwul-lesbisches Symbol über den Roten Platz zu rennen? Der Ex-Nationalspieler und heutige Antirassismusbeauftragte Alexei Smertin hat jüngst bei einer FIFA-Konferenz mit zittriger Stimme gesagtt, das solche Flaggen bei der WM erlaubt seien. Was zu beweisen wäre.

Was können die Nationalspieler tun?

Sie stecken angesichts der massiven Öffentlichkeit in keiner leichten Lage: Sobald sich einer kontrovers äußert, stürzen sich alle gleich drauf, sodass sie dann tagelang die Schlagzeilen dominieren in einer Phase, in der sie Ruhe brauchen und sich konzentrieren müssen auf den sportlichen Erfolg. Differenzierte Interviews wie das von Philipp Lahm 2012 vor der EM in der Ukraine über Julia Timoschenko wären schön – zumindest sollten aber alle Spieler auf plumpe Anbiederei verzichten. Der öffentliche Dankesbrief von Julian Draxler beim Confed-Cup war hier nicht gerade ein leuchtendes Beispiel.

Was kann der DFB tun?

Mehr Veranstaltungen und Begegnungen organisieren wie den Fantreff Anfang Mai in Moskau oder das U-18-Länderspiel in Wolgograd vor der WM. Wünschenswert wäre der verstärkte Austausch von Fanprojekten und Pädagogen wie 2012 in Polen und der Ukraine. Beim Petersberger Dialog hat DFB-Präsident Reinhard Grindel das 2017 sehr differenziert gemacht: Er hat verbindende Fußball-Anekdoten in den Mittelpunkt gestellt, aber auch Werte der Demokratie und der Zivilgesellschaft angesprochen: kein oberlehrerhaftes Auftreten, aber auch keine naives Anbiedern.

Und was können die Journalisten tun?

Sie sollten versuchen, abseits der dominierenden Handlungsträger von FIFA und Fußball die Vielfalt der russischen Gesellschaft darzustellen. Sie sollten sich vor Ort – trotz eventueller Sprachbarriere – so gut wie möglich vernetzen und natürlich auf die Glaubwürdigkeit ihrer Quellen achten. Und sie sollten, wenn der Ball dann mal rollt, mit dem Spektakel moderater umgehen und die Geschehnisse auf dem Rasen weniger stark überhöhen. Das ist ein Wunsch – aber ich weiß jetzt schon, dass das eine Illusion bleiben wird.


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