Interview mit DFB-Chefausbilder DFB-Ausbilder Frank Wormuth über die Einfachheit des Fußballs und den Trainerjob in Almelo

Meine Nachrichten

Um das Thema Fussball Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Frank Wormuth hat zehn Jahre lang die deutsche Elite der Fußball-Trainer ausgebildet. Jetzt steigt der 57-Jährige beim DFB aus und übernimmt den niederländischen Ehrendivisionär Heracles Almelo. Im Interview erklärt er warum.

Der Taktik-Experte und Vertraute von Bundestrainer Joachim Löw prägte Inhalt, Struktur und Image der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef, wo alljährlich zwei Dutzend Trainer in einem zehnmonatigen Lehrgang das Fußballlehrer-Diplom erwerben. Wormuth reformierte und modernisierte die Ausbildung, die so anspruchsvoll und intensiv ist wie nie zuvor. Zahlreiche Vertreter der neuen Trainergeneration, die im Profifußball durchstarten, sind durch die Schule von Wormuth gegangen. Doch jetzt ist Schluss: Der 57-Jährige kehrt zurück in den Job als Profitrainer.

Herr Wormuth, zehn Jahre haben Sie Trainer ausgebildet – jetzt wollen Sie wieder selbst einer sein. Warum?

Jeder gute Ausbilder hat das Gen in sich, auch Trainer sein zu wollen. Diese Lust hat sich bei mir verstärkt, seit ich die U-20-Nationalmannschaft abgeben musste. Seitdem hat mir etwas gefehlt. Irgendwann verstärkte sich auch das Gefühl, dass es das noch nicht alles gewesen sein konnte. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass ein Ausbilder die Arbeit mit einer Mannschaft braucht, um die Balance zwischen Theorie und Praxis zu halten. Das war immer sehr fruchtbar – für mich und für die angehenden Fußballlehrer.

Beim DFB hätten Sie bis zur Rente sicher und gut weiterarbeiten können…

Wahrscheinlich. Ich habe meinen erwachsenen Kindern immer gesagt: Geht raus, entwickelt euch, geht ins Ausland. Meine Tochter hat dann einmal geantwortet: Und was ist mit dir? Nun, da hatte sie nicht unrecht. Ich bin jetzt 57, ich habe nur dieses eine Leben und bekomme eine solche Chance auch nicht mehr oft.

Da konnte selbst das Angebot, die deutsche Frauennationalmannschaft zu übernehmen, nichts an Ihrem Entschluss ändern?

Ohne Zweifel eine reizvolle Aufgabe, aber die Anfrage kam zu spät, denn da war der Wunsch, zurückzugehen in die freie Wildbahn, schon übermächtig. Ich wollte noch mal als Profitrainer täglich mit Mannschaft und Trainerteam arbeiten, auch im Bewusstsein, wie unangenehm dieses Leben sein kann.

Es gab mehrere Angebote. Was hat den Ausschlag für Heracles Almelo gegeben?

Ja, es hatte sich rumgesprochen, dass mein Vertrag auslief – obwohl viele gedacht haben: Der verlässt die Komfortzone beim DFB nie. Almelo klang von Beginn an spannend, das hat gekribbelt. Der Verein hat einen guten Ruf, die Rahmenbedingungen sind gut, und sie wollten einen deutschen Trainer. Ich habe mich auf Anhieb wohlgefühlt. Heracles erinnert mich an den SC Freiburg zu Beginn der Ära Finke. (Weiterlesen: Interview mit Frank Wormuth)

Bringen Sie ein Trainerteam mit?

Nein, das wollte weder ich noch der Verein. Ein Club sollte eine Idee, eine Philosophie haben und sich dazu einen Trainer suchen. Ein Trainerteam mitbringen hat Vor-, aber auch Nachteile. Ich wollte die konstruktive Reibung mit einem Team ums Team, nur so kann man sich entwickeln. Heracles hat ein gewachsenes Trainerteam. Die Kollegen waren übrigens alle bei meinem Bewerbungsgespräch dabei – das ist nicht normal, hat mir aber gefallen und mich in meinen Eindruck bestätigt: Das ist ein etwas anderer Verein.

Nun sind alle gespannt, wie der Mann, der Trainertalente wie Domenico Tedesco, Julian Nagelsmann oder Florian Kohfeldt ausgebildet hat, im Profialltag klarkommt.

In zehn Jahren Ausbildungsarbeit und U-20-Tätigkeit habe ich für mich den Fußball entschlüsselt und in seiner Einfachheit erkannt und gelehrt. Aber das garantiert natürlich keine Siege. Das Wichtigste ist neben der Kaderzusammenstellung der Umgang mit Menschen, das Führen, das Coachen, die Sozialkompetenz. Auf diesem Gebiet habe ich mich intensiv und gezielt weitergebildet, unabhängig vom Fußball.

Der Fußballlehrer-Lehrgang ist zum Karriere-Sprungbrett für junge Trainer geworden…

Ja, der Beruf bietet immer mehr Möglichkeiten; es gibt viel mehr Stellen als früher…

…was aber auch den Konkurrenzkampf um die begehrten Cheftrainerstellen erheblich ausgeweitet hat.

Ebenfalls ja. Früher gab es rund 25 Kandidaten für 18 Plätze auf dem Bundesliga-Karussell. Wenn mal einer runterflog, wusste er: Ich bin schnell wieder drauf. Heute ist das anders, da gibt es schon im eigenen NLZ zwei, drei Kandidaten. Da ist ein Talentfördersystem für Trainer entstanden, was natürlich dazu führt, dass es für die Plätze auf dem Karussell viel mehr Kandidaten gibt…

…und, dass viel öfter junge, unbekannte Trainer ihre Chance bekommen.

Das Modell Mainz. Manager Christian Heidel hatte den Blick für solche Trainertalente und den Mut, sie durchzusetzen – Thomas Tuchel war der Erste, der auf diesem Weg direkt vom Jugendtrainer zum Chefcoach in der Bundesliga aufstieg. Und mit Domenico Tedesco hat er es ja wieder erfolgreich exerziert.

Wie oft haben sich Vereine bei Ihnen nach einem Trainertalent erkundigt?

„Hast du den nächsten Tedesco?“ Solche Anrufe hat es gegeben, klar. Aber ich habe nie konkret geantwortet, denn wir sehen die Trainer nur in dem Mikrokosmos des Lehrgangs. Oft habe ich gefragt: Was ist denn euer Anforderungsprofil? Was braucht ihr? Welcher Trainertyp könnte zu eurer Mannschaft passen? Aber ebenso oft fehlte es dann an konkreten Vorstellungen, im Moment scheint jung, schlau und unbekannt für einige schon fast das Gütekriterium zu sein. (Weiterlesen: So stoppt man Cristiano Ronaldo – Taktik-Kolumne mit Frank Wormuth)

Wie findet man denn den richtigen Trainer?

Man kann neben dem Spiel auch das Training beobachten. Man kann mit ihm fußballerische Fachfragen diskutieren, zum Beispiel: Welches System spielst du am liebsten? Glaubst du, dass unsere Spieler dazu passen? Und so weiter. Aber dann muss auf der anderen Seite – auf der des Sportdirektors oder Managers – auch ein Fußball-Fachmann sitzen.

Im Moment häuft sich die Kritik an der Bundesliga, der Fußball werde unattraktiv, das Spiel gegen den Ball stehe im Vordergrund. Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Wir haben vorhin über das Karussell gesprochen. Die Zahl der Plätze ist gleich geblieben, aber es gibt viel mehr geeignete Kandidaten als früher. Jeder Trainer weiß: Ich habe nur einen, höchstens zwei Versuche. Und er weiß auch, dass er nach drei Niederlagen bei Medien, Sponsoren und im Verein massiv unter Druck steht. Also – was tut er: Er spielt mehr auf Ergebnis und Effektivität, weniger auf Attraktivität. Soll man ihm das vorwerfen?

War das nicht immer so? Der Trainer als schwächstes Glied in der Kette…

Es ist schlimmer und extremer geworden. Mehr denn je muss der Trainer deshalb das stärkste Glied in der Kette sein! Hinter ihm muss der Verein stehen, er braucht Zeit und Vertrauen. Je mehr Mühe man sich vorher bei der Auswahl gegeben hat, desto leichter fällt es dann, zum Trainer in einer sportlichen Krise zu stehen.

Auch, wenn es um die Existenz des Vereins geht?

Wenn ich das schon höre… Eine Niederlage ist kein Unglück und ein Abstieg kein Weltuntergang. Fragen Sie mal nach in Stuttgart, was die nach dem Abstiegsjahr in der 2. Bundesliga erlebt haben – so viele glückliche Menschen habe ich in Stuttgart noch nie gesehen. Da wurde nämlich wieder gewonnen, alle hatten Spaß am Fußball. Und wenn der HSV absteigt, geht es auch da weiter. Möglicherweise ganz anders, als man sich das heute ausmalt. Die Zuschauer werden die Siege genießen, alles wird sich erholen von dieser bleiernen Zeit. Und auch der Trainer hat wieder Zeit und einen Bonus. Das ist wie eine Selbstreinigung. Der Verein muss nur seine Hausaufgaben richtig machen.


Frank Wormuth wurde am 13. September 1960 in Berlin geboren, aufgewachsen ist er in Baden: Frank Wormuth spielte für den SC Freiburg (mit Joachim Löw) und Hertha BSC in der 2. Bundesliga (1981 bis 1986). Seine Trainerlaufbahn begann als Assistent von Löw bei Fenerbahce Istanbul. Den SC Pfullendorf führte er in die Aufstiegsspiele zur 2. Bundesliga, später trainierte er in der drittklassigen Regionalliga den SSV Reutlingen (Foto), Union Berlin und VfR Aalen. 2008 übernahm Wormuth – auch auf Wunsch von Löw und DFB-Manager Oliver Bierhoff – die Leitung der Fußballlehrer-Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef. Ab Juli 2018 trainiert Wormuth den niederländischen Ehrendivisionär Heracles Almelo.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN