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28.03.2018, 18:01 Uhr KOLUMNE

Verpasst Torwart Neuer die WM in Russland?



Frankfurt. Wird Manuel Neuer die WM verpassen? Und wer wird für ihn im deutschen Tor stehen? Die Fußball-Geschichte hat einige Beispiele für überraschende Beförderungen zur Nummer 1 parat – manche verliefen erfolgreich, manche eher nicht.

Auch gestern stand er wieder nicht zwischen den Pfosten, die die Fußballwelt bedeuten. Das Tor des Weltmeisters hüteten die Stellvertreter des Stellvertreters, während die Nummer 1 schon seit 17 Monaten durch Abwesenheit glänzt. Deutschland ohne Manuel Neuer – ein längst gewohntes Bild. Auch die Bayern-Fans haben ihn ja schon wieder eine Weile nicht gesehen. Inzwischen nimmt der besorgniserregende Gedanke Gestalt an, was denn eigentlich wäre, wenn…?

Ohne Neuer fahren wir zur WM? Bitte nicht, schreit die Nation. Aber der Gedanke ist in der Welt, schon kann man Geld mit ihm verdienen. Der Wettanbieter bet90 bietet Quoten für beide Möglichkeiten, noch ist es nicht sonderlich rentabel, positiv zu denken (1,35). Die Kehrseite – Neuers WM-Verzicht – brächte dagegen schon das Dreifache des Einsatzes.( Weiterlesen: Der DFB und seine Sünder)

Ter Stegen die Nummer 1?

Nicht wetten kann man derzeit darauf, ob wir denn mit Marc-André ter Stegen den Titel verteidigen könnten. Und das ist auch gut so, weil es respektlos wäre. Und geschichtslos. Nicht zum ersten Mal würde Deutschland bei einem großen Turnier mit einem Torwart spielen, den keiner auf der Rechnung hatte. Es ging zwar nicht immer gut aus, zweimal sogar besonders schlecht, aber nie lag es an der „falschen Eins“. 1938 gab der Wiener Rudolf Raftl bei der WM in Frankreich sein Debüt im deutschen Dress. Nach dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland waren die Österreicher plötzlich „Ostmärker“, und ihre Fußballer durften für Deutschland spielen. Als dann die unangefochtene Nummer 1, der Regensburger Hans Jakob, wegen eines Todesfalls in der Familie das WM-Trainingslager verließ, kam Raftl zum Zug. Am schmählichen Aus gegen die Schweiz in der ersten Runde trug er keine Schuld.

Der Fall Fahrian/Tilkowski

1962 in Chile kam das Aus auch früher als erwünscht – im Viertelfinale. Im Tor stand Wolfgang Fahrian vom Zweitligisten TSG Ulm 46. Es war eine Sensation. Bundestrainer Sepp Herberger sagte, er habe nie einen reaktions-schnelleren Torwart als Fahrian gesehen, nahm ihn mit der Erfahrung eines Länderspiels mit nach Chile und beförderte ihn am Tag vor dem WM-Auftakt zur Nummer 1. Rivale Hans Tilkowski randalierte im Zimmer und bat um sein Rückflugticket. Der Wechsel war nicht gut für das Binnenklima, aber sportlich gab es keine Einwände. Nur Glück brachte er nicht.

Während bei Bundestrainer Helmut Schön nach Rückkehrer Tilkowski (1966) immer nur Sepp Maier spielte, hatte Jupp Derwall nach Maiers Autounfall 1979 gleich vor seinem ersten Turnier ein Torwartproblem. Mal spielte Nigbur, mal Burdenski, mal Schumacher. Letzteren stellte er dann mit der Erfahrung von drei Länderspielen 1980 in Italien ins Tor – und wurde Europameister. Für „Toni“ Schumacher war es der Durchbruch zu einer großen Karriere.

Lehmann wird zum WM-Helden 2006

Ein Sonderfall war Jens Lehmann, der 2006 kein heuriger Hase mehr war, aber sechs Jahre lang eben nur Statthalter von Oliver Kahn. Ehe Jürgen Klinsmann dessen Monopolstellung hinterfragte, ein nervenaufreibendes Wechselspiel veranstaltete und schließlich Lehmann bei unserer Heim-WM in sein erstes Turnier schickte. Er machte seine Sache gut und wurde beim Elfmeterschießen gegen die Argentinier zum Helden der Nation.

Dann wäre da noch Manuel Neuer, der den verletzten René Adler unmittelbar vor der WM 2010 in Südafrika ablöste und so gut vertrat, dass er seitdem die Nummer 1 ist. Auch wenn er mal ein Jährchen nicht spielt. Doch muss uns das dazu zwingen, den Glauben an das Torhüter-Land Deutschland zu verlieren? Nein. Und wenn seine Stellvertreter in Barcelona und Paris spielen, ist das keine schlechte Referenz. (Weiterlesen: Die Geschichte der Breslau-Elf)

Weltmeister wird man übrigens, indem man mehr Tore als der Gegner schießt – und das ist der Job der zehn anderen auf dem Platz.

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