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01.03.2018, 18:29 Uhr KOLUMNE

Der HSV in Abstiegsnot: Schutz für die Verlierer


Muss sich rechtfertigen: Heribert Bruchhagen. Foto: dpaMuss sich rechtfertigen: Heribert Bruchhagen. Foto: dpa

Frankfurt. Die Niederlage am Wochenende im Nordderby hat den HSV noch mehr in Abstiesgsnot gebracht. Viele Fußball-Experten und solche, die sich dafür halten, haben danach auf den Bundesliga-Dino und seine Mannschaft eingedroschen. Unser Kolumnist Udo Muras will eine Lanze brechen für den Klub aus Hamburg.

Das 108. Nord-Derby ist ja nun auchschon wieder ein paar Tage her und auf allen Kanälen rauf und runter analysiert worden. Viel Gutes für den Fußball war nicht dabei. Berechtigte Kritik am Niveau des Spiels, an den Pyro-Idioten, an den „Leuten“ im Kölner Keller und am ganzen HSV, der sich den Abstieg nach allgemeiner Lesart ja nun wirklich mal verdient hat.

Respektloser Umgang mit den Verantwortlichen

Es ist mir ein Bedürfnis, den laut Kicker „auf allen Ebenen zweitklassigen“ ewigen Erstligisten mal zu beschützen und auf einen Missstand im Umgang mit Verlierern hinzuweisen. Was mich am meisten aufgeregt hat vor dem Bildschirm, war die Respektlosigkeit gegenüber den HSV-Vertretern, die sich in der Stunde der Not den Medien stellten. Für manchen nach Abpfiff tief frustrierten Fan war das Interview von André Hahn, voller Adrenalin und Pathos, vor allem aber Kampfgeist, der einzige Gänsehautmoment des Abends. „Wir sind der HSV, wir haben es noch immer geschafft!“, schrie er geradezu ins Mikrofon. Die Branche tut das gewöhnlich als Durchhalteparole ab, die wiederum ein anderes Wort für Blauäugigkeit oder Zweckoptimismus ist. Aber eigentlich glaubt doch keiner mehr dran, wenn solche Parolen gedroschen werden. Wer Hahn ins Gesicht sah, der spürte: Dem Jungen ist nichts im Leben so wichtig wie der Klassenerhalt mit dem HSV. Als Trainer würde ich ihn immer spielen lassen. Und was geschieht am Sonntagmorgen im Doppelpass von Sport1? Der Europameister Thomas Strunz regt sich darüber auf, dass Hahn dieses Interview überhaupt gegeben hat. „Einfach nichts sagen, in die Kabine gehen“, empfiehlt er. Die Runde pflichtete ihm bei. Anschließend wird dann wieder auf die Mannschaft eingedroschen, und es werden die Stereotype der überbezahlten Kicker, die in der Elbmetropole ein schönes Leben haben, bemüht. Was wäre wohl gewesen, hätte Hahn die weiße Fahne gehisst – zehn Spiele vor Schluss? Sie hätten ihn verrissen, so einer sei es nicht wert, das Trikot Uwe Seelers zu tragen. ( Weiterlesen: Retro und Romantik in der Bundesliga)

Gute Replik von Bruchhagen

Auch Vorstandsboss Heribert Bruchhagen musste sich im Sportstudio ernstlich fragen lassen, wieso er eigentlich noch Hoffnung habe. „Sollen wir den Spielbetrieb etwa einstellen?“, war die passende Reposte des alten Fuhrmanns, der sicher die schwerste Zeit seiner Karriere als Funktionär durchlebt. Aber er bekennt sich offen zu seiner Verantwortung, obwohl er weniger Schuld hat als die Vorgänger, deren Erblast er nun tragen muss. Allein dafür gebührt ihm Respekt.

Gründungsmitglied der Bundesliga

Der HSV war mal ein großer Verein, mit großen Mannschaften und Spielern und dementsprechendenErfolgen. Seit 1987 hat er keinen Titel mehr gewonnen, seitdem ist es sein größter Stolz, der Dino der Bundesliga zu sein. Auf der ganzen Welt kennt man diese Initialen, die schon lange nicht mehr für Erfolg stehen. Aber eine Bundesliga ohne ihn ist bis dato schlicht unvorstellbar. Bloß dass diese sich rasant verändert. Ihm geht es wie vielen Traditionsclubs, die ihren Platz in der neuen Fußballwelt suchen müssen, wenn sie ihn schon nicht verteidigen können. Aber eins hebt sie immer ab von den Hoffenheims und Wolfsburgs: Es ist nie egal, wie sie spielen. Und so fiebern dieser Tage immer noch viele mit diesem Club, deren Herz eigentlich einem anderen gehört. Das wird Hoffenheim wohl nie so gehen. Natürlich schießt die Tradition keine Tore, aber sie lässt einen Verein auch nicht so schnell untergehen. Auch wenn sich gerade im Berufsstand der Journalisten oder der Experten mit Freude einige darin üben, sie mit Häme zu überschütten. ( Weiterlesen: Warum die Bundesliga nicht mehr spannend ist)

Wenigstens der Abstiegskampf ist spannend

Der Umgang mit sportlichen Verlierern ist ein weiterer Tiefpunkt dieser ohnehin äußerst mäßigen Saison. Ob der HSV oder auch die Kölner absteigen werden, steht noch nicht fest. Wir haben noch nicht mal März. Es ist ihre Pflicht, gegenüber Dauerkartenkäufern, Sky-Abonnenten, Gebührenzahlern und der Bundesliga, den Wettbewerb nicht zu verzerren – und das tun sie. Sie dafür dann noch zu belächeln, ist schäbig. Köln geht seit Rückrundenstart mit gutem Beispiel voran. Und das ist gut so, sonst fällt in diesem Jahr neben dem Titelkampf auch der Abstiegskampf aus. Will das jemand?

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