Fußball-Kolumne Schluss ist im Fußball, wenn der Schiedsrichter abpfeift

Von Udo Muras


Frankfurt. Im Zweitligaspiel von Union Berlin bei Arminia Bielefeld beendete wie in allen Fußballspielen der Pfiff des Schiedsrichters die Partie. Sehr zum Unmut der Unioner, die Sekunden nach dem Pfiff noch ein Tor erzielten – es wäre das Siegtor gewesen. Die Fußballgeschichte kennt einige Teams, denen es ähnlich ergangen ist.

Zu den größten Sätzen, die der weise Sepp Herberger gesagt haben könnte, gehört gewiss dieser: „Schluss ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift.“ Er befindet sich zwar nicht in der längst legendären Sprüchesammlung des Weltmeistertrainers von 1954, ist aber wie all die anderen, die sich darin befinden, von erdrückend schlichter und unfehlbarer Weisheit.

Der Schiedsrichter hat das letzte Wort, das gilt auch in Videobeweiszeiten noch, und das pflegt er mit der Pfeife auszudrücken. Immer noch. Von daher konnte auch am Montagabend im Zweitligaspiel zwischen Arminia Bielefeld und Union Berlin jeder, der Ohren hat, mitbekommen, wann Schluss ist. Bloß hätten die Berliner gerne etwas länger gespielt, nur ein Sekündchen, dann hätten sie das Ergebnis bekommen, das ihnen passt. Der junge Herr Reichel pfiff nämlich in der ohnehin schon überzogenen Nachspielzeit nach einer Faustparade des Arminen-Keepers ab. Das hielt einen Berliner Kicker nicht davon ab, den Ball volley ins Tor zu dreschen. Aber das zählte nun nicht mehr, es blieb beim 1:1. Absolut regelkonform, aber, wie alle vor die Mikrofone gezerrten Veteranen des Spiels befanden, „unglücklich“.

Da es ja zu den ungeschriebenen Gesetzen gehört, es so lange laufen zu lassen, bis eine Szene sozusagen beendet ist. Oder bis die Bayern ihr Tor noch schießen, wie Spötter spätestens seit dem Ausgleich in Berlin im Vorjahr in der 97. Minute sagen.

Mich erstaunte an dem Vorkommnis weniger der Pfiff des Schiedsrichters. Sondern mehr, dass man so tat, als habe sich in jener Montagnacht auf der Alm das achte Weltwunder ereignet. Der Union-Trainer wollte nur mal „im Basketball“ Ähnliches gesehen haben, und auch in der Expertenrunde von Sky 90 fiel keinem etwas Vergleichbares ein. Dabei saßen da die Herren Lienen und Rangnick, die, das darf man doch annehmen, bei der WM 1978 vor dem Fernseher saßen – alt genug sind sie. Da ereignete sich beim Spiel Brasilien gegen Schweden genau das Gleiche, nur dass das Tor für Brasilien nach einer Ecke fiel. Die ließ der walisische Schiedsrichter Mister Thomas noch ausführen, aber Zicos Kopfball interessierte ihn nicht mehr. „Das ist unglaublich, so was habe ich noch nicht erlebt“, schimpfte Brasiliens Trainer Coutinho. Ihm ist das sogar zu glauben, jedenfalls konnte er 1951 nicht im Fernsehen verfolgen, was in Dublin passierte. Weil es nämlich noch keines gab und das Länderspiel zwischen Irland und Deutschland im Radio kam – nur die zweite Halbzeit. Beim Stand von 3:2 für die Iren gab es in letzter Minute eine Ecke für Deutschland, Felix Gerritzen fand den Kopf von Jakob Streitle, der noch nie ein Länderspieltor gemacht hatte. Der englische Schiedsrichter Ling fand wohl, dass das schon seine Richtigkeit habe für einen Verteidiger. Auch er pfiff zwischen Kopfball und Tor ab, zeigte zur Mitte und marschierte in die Kabine. Erst jubelten die Deutschen, dann die Iren. Minutenlang wusste keiner, was los war, und die Zuschauer gingen nicht eher nach Hause, bis der Stadionsprecher das Ergebnis durchsagte: 3:2 für Irland. „Wir zogen bedeppert in unsere Kabine ab. Herberger hatte es nicht leicht, uns wieder aufzumöbeln.“, vertraute Fritz Walter der Leserschaft in seinen Memoiren an.

Es gab gewiss auf den zigtausend Fußballplätzen dieser Welt noch Hunderte derartiger Vorfälle, auch wenn die meisten nicht die große Bühne eines Fernsehspiels hatten. Womit ich nur den natürlich für jede Aufregung dankbaren Kollegen sagen will: Sagt niemals nie! Der Fußball ist viel zu alt, um sich immer noch was Neues ausdenken zu können. Jedenfalls auf dem Spielfeld. Das war jetzt aber nicht von Herberger.