Warnung an die Bundesliga DFL geht beim Neujahrsempfang in die Offensive



Frankfurt. Kritik an den Kritikern – und an der Bundesliga: Beim elften Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga schickte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert eine Alarmrakete an den Fußball-Himmel. Auf Freundlichkeiten und Umschreibungen verzichtete der mächtigste Mann im deutschen Ball-Business und sprach Klartext.

Als Moderator Patrick Wasserziehr vom Liga-Partner Sky um 13.10 Uhr die Arme ausbreitete und 400 Vereinsvertretern, Sponsoren und Journalisten fröhlich „Guten Appetit!“ wünschte, da hatten einige der Gäste im Frankfurter Thurn und Taxis Palais schon vor dem Gang zum Buffet zu schlucken.

Als „Jahr der verpassten Chancen“ bewertete Seifert 2017, und er ließ keine Zweifel zu, wem das galt: „Es wurde in den internationalen Wettbewerben die Chance verpasst zu zeigen, dass die Bundesliga eine der stärksten Ligen der Welt ist.“ Und, so der nächste Vorwurf: „Es wurde verpasst, fundiert zu analysieren, woran das liegen könnte.“

Der Jahresumsatz der 36 deutschen Proficlubs nähert sich der Vier-Milliarden-Euro-Marke. Fast zwei Drittel der Bundesligisten setzen pro Saison mehr als 100 Millionen Euro um. Im Durchschnitt verdient jeder der gut 500 Bundesligaprofis eine Million Euro pro Jahr – der Wachstumskurs hält seit Jahren an.

Doch diese Bilanz der Rekorde, mit der man sich sonst gern geschmückt hat, erwähnte Seifert nicht. Und es war keine Mahnung, sondern eine Warnung, als er sagte: „Nur wenn wir dauerhaft eine intakte Spitze haben mit mehreren Clubs, die in Europa mithalten und sich national einen spannenden Wettbewerb liefern, erfüllt die Bundesliga ihre Versprechen – das erwarten die Zuschauer im Stadion und am Fernsehen, die Sponsoren und die Medienpartner, rund um den Globus.“

Der DFL-Chef forderte ein Bekenntnis zum Kommerz: „Es geht im Fußball um viel Geld. Die Bundesliga hat großen wirtschaftlichen Erfolg, aber wir müssen aufhören, uns dafür zu rechtfertigen. Und wir müssen ehrlich sein – auch die Schere zwischen Profis und Amateuren wird weiter auseinandergehen.“

Da war der nächste Wink mit dem Zaunpfahl an die Vereine, die Seifert zu einem „ehrlichen, offenen Dialog“ mit den kritischen Fangruppen aufforderte: „Wir müssen offen sagen, was geht, aber auch, wo es Zwänge oder keine Spielräume gibt – alles andere weckt nur Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind und nur neue Enttäuschungen produzieren.“

Seifert machte deutlich, dass die DFL eine größere Verantwortung sieht und wahrnimmt, als die Umsätze der Clubs zu steigern. „Die DFL ist kein abstraktes Monstrum. Wir handeln mit Augenmaß und werden das Rad nicht überdrehen“, sagte der Manager und nannte als Beispiele die vergleichsweise geringen Anstoßtermine, die frühe und ausführliche Berichterstattung im Free-TV, den Erhalt der Stehplätze und den Verzicht auf einen Liga-Namenssponsor: „Das ist in Deutschland Normalität – aber im internationalen Fußball nicht.“

Da hatten die Kritiker ihr Fett schon bekommen. Denn 2017 war auch das Jahr, in dem der Fußball für viele Fehlentwicklungen mediale Prügel bekommen hatte. Kürzlich würzte das Fachmagazin „Kicker“ seine aufsehenerregende Artikelserie mit dem Titel „Der Absturz“ scharf mit Polemik.

In der Berichterstattung ersetze die Empörungskultur in einigen Medien die Diskussionskultur, warf Seifert den Journalisten vor. Das kurz vor dem Beginn des Empfangs gekürte Unwort des Jahres („Alternative Fakten“) nahm der Liga-Chef nicht in den Mund, doch es hat ihm möglicherweise auf der Zunge gelegen, als er Berichten widersprach, das System Fußball sei krank, und die Menschen würden sich abwenden: „Das ist falsch und widerspricht den Fakten: Es gibt so viele Bundesliga-Interessierte wie noch nie, die Zuschauerzahlen im Stadion sind auf extrem hohem Niveau, und die Fernsehquoten steigen weiter.“

Jahrelang hat die DFL versucht, den Spagat zwischen Kommerz und Tradition, zwischen Geld und Werten leise und unauffällig wegzumoderieren. Jetzt, so scheint es, ist da jemandem der Geduldsfaden gerissen. Klare Kante ist das Gebot der Stunde. „Sich waschen, ohne dabei nass werden zu wollen, ist eine deutsche Spezialdisziplin“, sagte Seifert, „aber die funktioniert nicht mehr – nicht mal im Fußball.“


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