Intersexualität Wenn das Kind weder Mädchen noch Junge ist – eine Mutter erzählt

Von epd

Intersexuelle Menschen haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Die Behandlung zwischengeschlechtlicher Kinder stellt Ärzte und Eltern vor schwierige Fragen. Foto: Florian Schuh/dpaIntersexuelle Menschen haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Die Behandlung zwischengeschlechtlicher Kinder stellt Ärzte und Eltern vor schwierige Fragen. Foto: Florian Schuh/dpa

Intersexuelle Menschen haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Die Behandlung zwischengeschlechtlicher Kinder stellt Ärzte und Eltern vor schwierige Fragen. Eine Mutter erzählt.

Sonja sollte ein Mädchen sein. Das sagten zumindest die Ärzte in der Schwangerschaft zu Katharina Berg (Namen geändert). Doch kurz nach der Geburt war klar: Das Baby, das Sonja heißen sollte, war kein Mädchen. Aber auch kein Junge: Die Ärzte konnten sein Geschlecht nicht eindeutig bestimmen. „Wir nannten unser Kind dann erst mal Bärchen“, erzählt Berg.

Intersexuelle Menschen können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf. Es gibt viele Variationen, und nicht alle sind sofort an einem auffälligen Genital sichtbar. Manche intersexuellen Menschen sehen weiblich aus, haben aber statt Gebärmutter und Eierstöcken Hoden im Bauchraum. Experten schätzen, dass in Deutschland im Jahr 150 bis 200 Kinder mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt kommen. Ihre Behandlung stellt Ärzte und Eltern vor schwierige Fragen.

Mütter und Väter stellten sich anfangs meist weniger medizinische Fragen als ganz praktische, sagt die Bochumer Sozialwissenschaftlerin Anike Krämer, Co-Autorin einer noch unveröffentlichten Studie über die Versorgung zwischengeschlechtlicher Kinder in NRW: „Wie rede ich mein Kind an? Was ziehe ich ihm an? Auf welche Toilette soll es später mal gehen?“

Katharina Berg machte sich nach der Geburt Sorgen. Die größte: dass sich ihr Kind irgendwann outen muss. Deshalb beschlossen sie und ihr Mann schnell, offen mit seiner Intersexualität umzugehen. „Das war die Erlösung“, sagt die Mutter heute. Mit ihrer Offenheit ernteten die Bergs Überraschung, Interesse und Neugier - aber nie Ablehnung.

Bärchen nannten sie dann doch Sonja. Von klein auf wusste Sonja, dass sie nicht nur ein Mädchen ist. Sie sagte bald selbstbewusst: „Ich bin beides.“ Dass Sonja trotzdem mit weiblichem Namen und eher weiblichem Körper aufwuchs, liegt auch an den Ärzten, die sie nach der Geburt behandelten.

Sie empfahlen eine Entfernung der Hoden, die Sonja im Bauchraum hatte, wegen des erhöhten Krebsrisikos. „Aber auch, weil die Ärzte sich ein - sei es vorübergehendes - Aufwachsen in einem nicht festgelegten Geschlecht nicht vorstellen konnten“, vermutet Katharina Berg. Heute sieht sie den Rat der Ärzte kritisch. Niemand habe gefragt, ob der Eingriff nicht die Rechte eines Kindes verletzt, das nicht selbst über seinen Körper entscheiden kann.

Noch bis vor 15 oder 20 Jahren sei meist versucht worden, das Geschlecht intersexueller Kinder nach dem medizinischen Stand „bestmöglich“ festzulegen, erklärt die Psychologin Katinka Schweizer vom Institut für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Selbsthilfegruppen wie der Verein „Intersexuelle Menschen“ prangern diese sogenannten geschlechtsangleichenden Operationen heute als Menschenrechtsverletzung an.

Zwar sind nach Schweizers Einschätzung mittlerweile viele Ärzte deutlich zurückhaltender. „In der Praxis kommt der Druck aber oft auch von Eltern, die wollen, dass ihr Kind ‚normal‘ aussieht.“ Gründe dafür seien meist Ängste und Unsicherheit. Schweizer fordert deshalb wie die Sozialwissenschaftlerin Krämer mehr Beratung. Die Bochumer Forscher sind zudem für ein Verbot rein kosmetischer Operationen, denen die betroffenen Menschen nicht selbst zustimmen können.

Katharina Berg würde heute anders über die Operation entscheiden. „Ich weiß jetzt, dass es möglich ist, ein Kind geschlechtsoffen zu erziehen“, sagt sie. Zwar sei ein solcher Weg nicht immer leicht, aber es gebe Hilfe. Der Verband „Intersexuelle Menschen“ bietet etwa Peer-Beratungen und Selbsthilfegruppen an. „Gespräche mit anderen Eltern sind uns bis heute eine große Stütze“, sagt Berg.

Heute würde sie warten, bis sich ihr Kind selbst äußern kann. Tatsächlich fand Sonja schon mit vier Jahren deutliche Worte. Sie sagte, diese „Mädchentabletten“ - die Hormonersatztherapie, von der ihre Eltern erzählt hatten - werde sie nicht nehmen. Inzwischen ist Sonja zwölf und bezeichnet sich als intersexuellen Menschen, der zu den Jungs gehört. Bald wird er anfangen, männliche Hormone zu nehmen. Und wahrscheinlich heißt Sonja bald nicht mehr Sonja, sagt Katharina Berg. Seinen neuen Namen solle sich ihr Kind selbst aussuchen.


Intersexualität

Intersexuelle Menschen können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf. Der medizinische Fachbegriff lautet „Disorders of sex development“ („Störungen der Geschlechtsentwicklung“, DSD). Es gibt viele Varianten.

So haben Menschen mit kompletter Androgeninsensitivität (CAIS) einen XY-Chromosomensatz und bilden im Embryonalstadium Hoden aus. Die körpereigenen Rezeptoren reagieren aber nicht auf die ausgeschütteten Androgene, weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt. Beim Androgenitalen Syndrom (AGS) dagegen werden bei Embryos mit weiblichem XX-Chromosomensatz wegen einer Fehlfunktion der Nebennierenrinde zu viele Androgene ausgeschüttet. Betroffene kommen oft mit vergrößerter Klitoris zur Welt.

Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder nach den medizinischen Möglichkeiten einem Geschlecht zuzuordnen - meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter herzustellen schien. Selbsthilfeverbände wie der Verein „Intersexuelle Menschen“ verurteilen diese Eingriffe heute als Menschenrechtsverletzung.

Mittlerweile empfehlen neue Leitlinien, beispielsweise von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, größte Zurückhaltung bei der Behandlung und eine Einbeziehung der Kinder. Umstritten ist aber, inwiefern eine Entfernung von im Bauchraum liegenden Hoden wegen eines höheren Krebsrisikos nötig ist. Analysen zufolge variiert das Risiko je nach Form der Intersexualität. Seit 2013 kann bei Kindern mit uneindeutigem Geschlecht die Angabe im Geburtenregister offengelassen werden. (epd)

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