Eltern und ihre Namenswahl Vornamen: „Superman habe ich nicht erlaubt, Batman schon“


Osnabrück. „Namen machen Leute“ schreibt Namenforscherin Gabriele Rodríguez in ihrem gleichnamigen Buch. Im Interview spricht sie über den „Kevinismus“ und erklärt, warum ein Vorname wie Adolf nicht für immer tabu sein muss.

„Und, wie soll das Kind heißen?“ Diese Frage kann schnell zu Streit führen, denn Namen sind nicht einfach nur Namen: Sie wecken Emotionen, können den Bildungsstand der Eltern verraten und manchmal auch über die Karrierechancen der Kinder entscheiden.

Nachfrage also bei Gabriele Rodríguez, die in der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig arbeitet und dort Eltern und Standesämter berät.

Frau Rodríguez, warum darf in Deutschland ein Mädchen „Nazi“ genannt werden?

Das ist ein sehr beliebter türkischer weiblicher Vorname, der „niedlich“ bedeutet und „Nasi“ ausgesprochen wird. Eltern, die ihn für ihre Tochter wählen, empfehle ich jedoch wegen der Assoziationen, die dieser Name hierzulande weckt, entweder den Namen mit S zu schreiben oder die Kurzform „Naz“ zu wählen.

Was war für Sie der außergewöhnlichste Name, den Sie in den vergangenen Zeiten zugelassen haben?

Den Namen „Superman“, angelehnt an den Comic-Helden, habe ich abgelehnt. Den Namen „Batman“ jedoch nicht. Eine Familie aus Berlin mit jüdischem Hintergrund wollte ihren Sohn so nennen. Bei meinen Nachforschungen stellte sich heraus, dass der Name tatsächlich eine jüdische Tradition hat. Dann habe ich die Familie kontaktiert: Ihnen war der Name wichtig, es war nicht die Comicfigur gemeint, und zudem sollte es nicht der einzige Name sein. Also habe ich ihn zugelassen.

Was raten Sie jungen Eltern bei der Namenswahl sonst noch?

Rat Nummer eins: Stellen Sie sich doch mal vor, Sie würden selbst so heißen: Wie würde Sie sich dann fühlen? Ein weiterer Tipp ist, darauf zu achten, dass der Vorname mit dem Familiennamen harmonisiert und man ihn nicht verballhornen kann. Am sichersten sind natürlich zeitlose Namen, mit denen könne Eltern eigentlich nichts falsch machen.

Gibt es denn immer mehr „neue“ Namen?

Wenn wir die Statistiken der Namen der Neugeborenen auswerten, sehen wir, dass sich der Anteil der am häufigsten vergebenen Vornamen stark verringert hat. Die Gefahr, dass in einer Schulklasse mehrere Kinder mit dem gleichen Namen sitzen ist heute also nicht mehr so groß wie noch vor zehn oder 20 Jahren. Gleichzeitig wächst der Anteil von Namen, die neu vergeben werden, von Jahr zu Jahr.

Wie viele neue Namen sind es im Jahr?

Wir gehen davon aus, dass jedes Jahr mindestens 1000 neue Namen in Deutschland eingetragen werden. Noch vor 100 Jahren haben bei der Wahl des Vornamens ganz andere Mechanismen gewirkt. Es gab die Familientradition – und der erste Sohn erhielt den Namen des Großvaters. Die Religiosität war noch viel größer, das Kind wurde nach einem Heiligen oder dem Taufpaten benannt. Neue Namen hatten so gar keine Chance. In der Wissenschaft nennen wir dies „gebundene Namengebung“.

Heute ist sie eher ungebunden, weil ...

... die Gesellschaft sich verändert hat. Sie ist sehr individualistisch geworden und zudem bunter, was sich auch in der Namengebung wiederfindet. Eltern sind heute viel entscheidungsfreudiger bei der Namenwahl und bilden diese auf der Basis von vorhandenen Namen, beziehungsweise verändern deren Schreibweisen. Damit werden sie als „neu“ eingestuft.

Die Anfragen an Sie haben sich daher vermehrt?

Ja. Aber die Eltern fragen nicht nur, ob der Name überhaupt vergeben werden kann, sondern auch, ob er negative Auswirkungen haben und dem Kind schaden könnte. Ich habe jede Woche Anfragen, bei denen es um die Änderungen von Vornamen geht: Beispielsweise sind die Eltern der Meinung, dass der von ihnen gewählte Name englisch ausgesprochen wird und dadurch sofort einer bildungsfernen Schicht zugeordnet wird. „Das können wir unserem Kind nicht zumuten“, heißt es dann. (Weiterlesen: Warum die Osnabrücker ihre Namen ändern lassen)

Stichwort „Kevinismus“, also das Phänomen, wonach ein Kind mit diesem Namen aus einem bildungsfernen Milieu stammt?

In gewisser Weise ja. Zur Erklärung: Der Name Kevin wurde im Jahr 1975 nur fünfmal vergeben. Doch Anfang der 1990-er Jahre erlebte er einen Boom: Der Schauspieler Kevin Costner war ein großer Star, und der Film „Kevin – Allein zu Haus“ lief erfolgreich im Kino. Kevin wurde immer beliebter und häufiger – bis die Stimmung kippte.

Kevin (Macaulay Culkin): Erst war er allein Zuhaus, danach allein in New York – und sorgte so zusammen mit Kevin Costner für den Boom des Vornamens. Foto: dpa/20th Century Fox Film Corporation

„Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, habe ich mal auf einem T-Shirt gelesen …

Dabei ist es eigentlich ein schöner, einfacher Name. Im englischen Sprachraum ist er nach wie vor ein ganz normaler neutraler Name, wie bei uns beispielsweise Alexander.

Wie konnte Kevin das passieren?

Medien und Comedy spielten da sicher eine große Rolle: Während ein Teil der Gesellschaft anfing, sich über den Namen lustig zu machen, merkten bildungsfernere Eltern davon noch nichts und nannten ihre Söhne weiterhin Kevin. Bei den Mädchen gibt es dasselbe Phänomen mit dem Namen Chantal.

„Sag mir deinen Namen, und ich sage Dir Deinen Bildungsstand“ – passt dieser Ausspruch?

Nein, denn der Name sagt erst einmal nur etwas über den Bildungsstand der Eltern aus. dann ist daran manchmal tatsächlich etwas dran: Diese typisch englisch-amerikanischen Namen haben keine Tradition in Deutschland. Gewählt werden sie meist von bildungsfernen Eltern, die sie aus dem Fernsehen kennen. Für die sind die Namen ganz normal, und in ihrem Umfeld macht sich auch keiner darüber lustig. (Weiterlesen: Warum darf ein Kind Matt-Eagle heißen?)

Gab es schon immer Namen, die gesellschaftlichen Schichten zugewiesen wurden?

Im Bürgertum hätte man nie einen Kosenamen gewählt: Barbara war eine höhere Tochter, ihre verniedlichte Form Bärbel hingegen eher die Bedienstete.

Und wie kommt es, dass aktuell Namen aus den 1920-er Jahren wieder modern sind? Meine 1909 geborene Großtante hieß Mia, aktuell heißen mindesten vier kleine Mädchen, die ich kenne, ebenfalls so.

Wenn man sich Vornamenmoden anschaut, kann man feststellen, dass die sich etwa alle 100 Jahre wiederholen. Mit Namen wie Friedrich, Richard, Oskar, Karl oder bei den Mädchen Frieda und Ida ging das vor etwa zehn Jahren los: Eltern wählten sie zuerst als Zweitnamen – eine Tradition, die damals ebenfalls wieder in Mode kam – und entdeckten diese Namen dadurch als Erstnamen wieder neu. Das Image dieser Name hat sich auch vollkommen verändert: Wurde Ida vor zehn Jahren noch als altmodisch eingeschätzt, gehört der Name heute zu den 30 beliebtesten Vornamen.

Es besteht also noch Hoffnung für Kevin?

Nicht nur für ihn. Vielleicht werden einige dieser englischsprachigen Namen ihr Image in 100 Jahren auch verändert haben.

Und wie steht es mit Adolf?

Bei der jüngeren Generation ist die Assoziation zu Adolf Hitler nicht mehr so stark ausgeprägt wie bei den Älteren. Es gab in den letzten Jahren auch Eintragungen von Adolf. Die Gründe sind unterschiedlich: Ich kenne Fälle, da entsprang die Wahl einer Familientradition. Ich kenne aber auch einen Fall aus Brandenburg, in dem das Kind nach Adolf Hitler benannt worden ist. Aber wie wollen Sie das unterscheiden? Und der Name kann ja nichts dafür. Populär machte ihn einst übrigens Adolf von Tecklenburg, ein heiliggesprochener Osnabrücker Bischof.

Gabriele Rodríguez: Namen machen Leute – Wie Vornamen unser Leben beeinflussen; Komplett Media; 299 Seiten; 19,99 Euro

(Elternkolumne: Warum nennen Eltern ihr Kind bloß „Kreuzwendedich“?)


Gabriele Rodríguez

gehört zum Team der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig. Eltern und Standesämter können bei ihr die Zulässigkeit, Schreibweise oder Geschichte von Vornamen prüfen und sich beraten lassen. Sie gilt als einzige Namenforscherin Deutschlands, die sich auf Vornamen spezialisiert hat.

Rodríguez studierte Philologie in Kasan (Russland) und Romanistik in Leipzig, wo sie seit 1994 Namen erforscht und die Namenberatungsstelle unterstützt.

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