Entwicklungspsychologin im Interview Kann es richtig sein, seinem Kind einen Klaps zu geben?


Osnabrück. Einem Kind einen Klaps zu geben, kann nie richtig sein –oder etwa doch? Unter gewissen Umständen? In einem Gespräch mit unserer Redaktion plädiert die emeritierte Entwicklungspsychologin Heidi Keller dafür, sich mit dem Thema „Klaps“ ohne Vorbehalte auseinanderzusetzen.

Frau Keller, die Reaktion auf den Klaps als Erziehungsmethode ist eigentlich einhellig: Empörung! Wer seine Kinder schlägt, der gehört bestraft, der schädigt sein Kind fürs Leben. Sie sind da jedoch anderer Meinung...

Ich habe zu dem Thema einen anderen Zugang. Wir haben eine bestimmte Vorstellung von den Rechten des Kindes und von seinen Bedürfnissen, auf die wir eingehen müssen.

Mit „wir“ meinen Sie: wir Mitteleuropäer?

Genau. Unsere Vorstellungen von Familien sind an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Wir reden schon auf wenige Stunden alte Säuglinge ein und fragen sie: „Wie geht es dir, wie fühlst du dich?“ Auch der direkte Blickkontakt spielt in unserer Kultur eine große Rolle. Aber man muss ja erst einmal dazu in der Lage sein, seinem Baby den ganzen Tag in die Augen schauen zu können. Dafür braucht es eine höhere Bildung, ökonomische Sicherheit und eine überschaubare Zahl an Kindern. Diese Voraussetzungen gelten für nicht mal fünf Prozent der Weltbevölkerung; dennoch haben wir in der UN-Kinderrechtskonvention genau dieses Menschenbild festgelegt, das überall in der Welt angewendet wird. Viele Praktiken, die man in anderen Kulturen für normal hält, gelten hiermit als schädlich, so dass man gegen sie vorgeht. Und das finde ich –und nicht nur ich – unethisch. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt schreibe ich gerade einen Artikel über die ethische Problematik von vielen Hilfsprogrammen von Unicef, WHO und unzähligen NGOs. (Nichtregierungsorganisation, Anm. d. Red.)

Noch mal zur Einordnung: Wir wollen an dieser Stelle nicht über das Verprügeln von Kindern sprechen, sondern über einen Klaps.

Ja, es geht wirklich nicht darum, Kinder zu verletzten. Der Klaps wird als pädagogischer Eingriff verstanden, als Impuls, den Eltern in vielen anderen Kulturen für sehr wichtig halten und entsprechend verteidigen.

Diese Familien sind insgesamt sehr körperlich geprägt, es gibt viel Körperkontakt, soziale Regulation sind körperlich; dazu gehört aber auch die vorwegnehmende, also antizipatorische Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen. Da müssen die Babys nicht erst jammern und schreien, wenn sie Hunger haben, denn wer sein Kind eng am Körper trägt, bemerkt diese Unruhe schon so früh, so dass direkt gestillt wird. Meine Kollegen aus Indien, die den Westen gut kennen und die sehr differenzierte Ansichten haben, sagen: Mit welchem Recht sollen wir den Menschen dieses Schlagen verbieten? Vor zwei Jahren war ich vom Jugendamt Essen dazu eingeladen worden, einen Workshop abzuhalten mit Sozialarbeitern. Da waren auch viele Frauen aus afrikanischen Ländern dabei, die sich sehr missverstanden gefühlt haben, weil es bei dem Thema in den Kitas immer Ärger gibt, sie aber selbst es so erfahren haben, dass der Klaps ein Zeichen von Liebe ihrer Eltern ist.

Ein Klaps als Ausdruck von Liebe?

Sicherlich klingt das für uns befremdlich. Aber bevor man es verurteilt, sollte man sich doch erst einmal anhören, was die Menschen zu sagen haben. Ich propagiere ganz sicher nicht dafür, Kindern auch hier Klapse zu geben, das ist ohnehin verboten. Aber man sollte Menschen nicht einfach abwerten, sondern versuchen, ihre Kultur zu verstehen und ihnen zu erklären, dass wir hier eine andere Kultur haben.

Der Klaps gilt aber schon als Strafe?

Ja, es ist eine Form von Erziehung. In vielen Kulturen hält man Lob für das falsche Erziehungsmittel. Aber was machen wir? Wir bestrafen mit emotionalem Entzug. Wir sprechen nicht mehr mit den Kindern, wir schicken sie auf ihre Zimmer, in den USA gibt es das „Time out“. Wenn man in den USA bei einer Familie mit Kindern ist, steht immer einer vor der Tür, weil er gerade „Time out“ hat. Ist das besser als ein Klaps?

Dennoch gibt es zahlreiche Studien, die besagen, dass Kinder, die einen Klaps bekommen, später selbst aggressiv werden...

Es gibt viele Untersuchungen, und es wird immer wieder behauptet, dass man kulturunabhängig herausgefunden hätte, dass Kinder, die geschlagen wurden, später Verhaltensstörungen aufweisen. Das ist aber nicht wahr. Man muss sich die Untersuchungen genau anschauen. Es gibt auch Studien, die belegen, dass ein Klaps Kindern in körperlichen Kulturen nicht schadet. Es gibt auch eine Studie, in der Jugendliche aus dem asiatischen Raum befragt wurden, wie sie es empfunden haben, dass ihre Eltern sie geschlagen haben. Sie haben angegeben, dass sie es als Zeichen von Wertschätzung erlebt hätten. Sie hätten damit gemerkt, dass sie etwas falsch gemacht haben, und ihre Eltern hätten ihnen die Achtung entgegengebracht, darauf in dieser Form zu reagieren.

Was ist nun – und natürlich denkt man dabei gleich an das Thema Flüchtlinge – mit Familien, die nach Deutschland kommen, wo Schlagen per Gesetz verboten ist? Wie sollen Erzieher mit diesen Familien umgehen?

Das ist natürlich schwierig. Die gesetzliche Lage ist ja klar. Man kann aber nicht erwarten, dass Menschen, denen unsere Form von Erziehung völlig fremd ist, wissen, was von ihnen erwartet wird. Konfrontation und Abwertung schaffen keine Einstellungsänderung. Und staatliche Bestrafung, wie zum Beispiel die Kinder aus den Familien zu nehmen, schafft kein Vertrauen. Allerdings ist Gott sei Dank der Bedarf an Information über andere kulturelle Werte und Muster in der Praxis groß. Dabei geht es darum, Strategien zu entwickeln, wie man Familien aus anderen Ländern nicht nur erklärt, wie wir erziehen, sondern warum wir so erziehen. Wir haben eine Befragung unter hoch gebildeten chinesischen Familien aus der Mittelschicht gemacht. Die haben uns gesagt, ihnen würde genau gesagt werden, wann sie das Kind in die Kita bringen und wann sie es abholen sollen. Was im Turnbeutel und was in der Brotdose zu sein habe. Aber niemand erkläre ihnen, warum das so gemacht werde.

Empfinden andere Kulturen unser Erziehungsmodell denn als lieblos?

Wir haben afrikanischen Frauen einmal Videos von deutschen Müttern mit ihren Babys gezeigt; dabei kam es auch vor, dass Babys angefangen haben zu quengeln und unruhig zu werden. Die deutschen Mütter haben dann gefragt, was denn los sei, ob das Babys Hunger hätte oder ihm langweilig sei usw. Die afrikanischen Frauen haben das natürlich nicht verstanden, aber sie haben gesehen, dass die Mütter nur reden anstatt das Baby gleich zu stillen oder ganz eng am Körper zu tragen. Das hielten sie für eine Form von Misshandlung. Das sind unterschiedliche Wertesysteme. Unsere Form, Wärme und Zuneigung zu zeigen, ist verbal, aber bis auf Umarmen und Küssen distanziert. In anderen Kulturen, zum Beispiel den südostasiatischen, zeigt sich Zuneigung hingegen stark darin, Essen vorzubereiten und zu füttern. Auch so ein Punkt: Mütter aus anderen Kulturen finden es lieblos, dass ihre Kinder in der Kita dazu angehalten werden, selbst zu essen. Für sie ist das ein Zeichen von Vernachlässigung.

Jetzt haben wir über den Klaps in anderen Kulturen gesprochen. Aber was ist mit Eltern aus westlichen Ländern, aus Deutschland, die einen Klaps geben?

Hier muss man andere Maßstäbe anlegen, ganz klar. Viele denken, Gewalt ist hierzulande eine Sache der Unterschicht – aber das stimmt gar nicht. Die Menschen, die hier der Unterschicht angehören, haben im Großen und Ganzen eine andere Familienkultur, sie sind sehr viel enger in der Familie verbunden. Aber wir haben das Bild von RTL2 von grölenden und saufenden Familien, in denen eben auch geschlagen wird. Das ist aber nicht so, das zeigen Untersuchungen zu Kindesmisshandlungen.

Das Thema Bestrafen gibt es aber in allen Kulturen?

Ja, Strafen gibt es überall. Aber auch das ist eine Definitionssache. Wenn ich fünf Minuten lang nicht mit meinem Kind rede, das aber sprechen möchte, dann ist das auch eine Strafe.

In Deutschland ist es verboten, Kinder zu schlagen. Aber unsere Eltern oder Großeltern sind selbst noch geschlagen worden. Könnte man dieses damalige Schlagen nicht auch durch einen kulturellen Kontext rechtfertigen können?

Praktiken kann man nicht durch Kultur rechtfertigen, man kann sie einordnen und erklären. Sicher gab es vor ein paar Generationen in Deutschland eine andere Kultur – Kultur ist immer auch eine historische Kategorie. Aber viele Dinge haben sich hier verändert, die Lebensumstände sind andere als vor ein paar Generationen, entsprechend gab es auch kulturelle Veränderungen.

Könnte sich das in anderen Kulturen denn dann ähnlich entwickeln?

Selbstverständlich! Kultur ist dynamisch und verändert sich ständig, mit sich ändernden kontextuellen Bedingungen. Das Niveau der der formalen Bildung ändert sich und entsprechend die Anzahl von Kindern in den Familien. Nur diejenigen, die jetzt aus einer anderen Kultur zu uns kommen, kann man nicht übergangslos konfrontieren mit einer Erziehung, die hier mehrere Generationen an Veränderungsprozessen durchlebt hat.

Zur Person: Prof. Dr. Heidi Keller war bis zu ihrer Pensionierung Leiterin der Abteilung Entwicklung und Kultur am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Osnabrück und der Forschungsstelle Entwicklung, Lernen und Kultur des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Sie ist heute Direktorin von Nevet an der Hebrew University


Nach § 1631 II BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Diese Formulierung besteht seit 2000, seit 1992 sind in Deutschland durch die Zustimmung zur UN-Kinderrechtskonvention Kinder vor jeder Form körperlicher und geistiger Gewaltanwendung geschützt. Zuvor galt das „elterliche Züchtigungsrecht“, das Züchtigung in Fällen von „konkretem Fehlverhalten“ und „zur Erreichung des Erziehungsziels“ als gerechtfertigt ansah.

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