Netflix, Amazon und Co. Wie funktioniert Jugendschutz bei Streamingdiensten?

Die Sendungen des Videostreaming-Dienstes Netflix sind immer verfügbar – und das ist eine Herausforderung für besorgte Eltern. Foto: dpaDie Sendungen des Videostreaming-Dienstes Netflix sind immer verfügbar – und das ist eine Herausforderung für besorgte Eltern. Foto: dpa

Osnabrück. Während der Jugendschutz im Fernsehen an die Sendezeit gekoppelt wird, ist es bei Streamingdiensten aufgrund ihrer ständigen Erreichbarkeit schwieriger.

Keine Zeit? Am Ende des Textes steht eine Zusammenfassung.

Früher war nicht alles besser, aber vieles einfacher. Beispielsweise die Sache mit dem Jugendschutz: Jugendschutz im Fernsehen und im Internet wird im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder geregelt. Betroffen sind alle Sendungen, auch Serien.

Die Aufsicht über die Durchsetzung der Bestimmungen liegt bei öffentlich-rechtlichen Sendern bei ihren Aufsichtsgremien, für die privaten Sender ist die Kommission für Jugendmedienschutz, ein Organ der Landesmedienanstalten, zuständig. Problematische Programme werden von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) vor der Ausstrahlung geprüft.

Aus Video wurde DVD und Blu-ray, ansonsten änderte sich in diesem Segment wenig. Anders als beim Fernsehen: Mit dem Siegeszug des Internets endete das lineare Fernsehen, wo Sende- und Ausstrahlungszeit identisch waren. Dank Mediatheken und sogenannter Video-on-Demand Anbieter (Abrufvideo) wie Netflix und Amazon Prime Video kann man nun immer alles sehen, wann man will. (Weiterlesen: Steht das klassische Fernsehen vor dem Aus?)

Ab 23 Uhr TV-Programm Ü-18

„Das praktische am linearen Fernsehen ist, dass man die Freigabe mit der Sendezeit koppeln kann“, sagt FSF- Geschäftsführer Joachim von Gottberg im Gespräch mit unserer Redaktion. „Filme, die von der FSK ab 16 Jahren freigegeben wurden, dürfen nur in der Zeit von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens ausgestrahlt werden, Filme ohne Jugendfreigabe nur zwischen 23 Uhr und 6 Uhr. Filme ab 12 Jahren dürfen im Zweifelsfall erst ab 20 Uhr gezeigt werden. Problematische Sendungen ohne FSK-Freigabe werden vor der Ausstrahlung von der FSF geprüft. Sie kann neben Sendezeitbeschränkungen auch Schnitte verhängen oder in schweren Fällen die Ausstrahlung ablehnen.“

Doch während früher der Jugendschutz durch den Einsatz des Videorekorders umgangen wurde, ist es heute einfacher geworden, Sendungen anzugucken, für die man vielleicht noch etwas zu jung ist.

„Tatort“ erst ab 20 Uhr in der Mediathek

Aber wenn immer überall alles abrufbar ist, wie ist es dann mit dem Jugendschutz? „Für die Mediatheken der TV-Sender gelten die fast gleichen Regeln wie für das lineare TV: Der Tatort ist beispielsweise erst ab 20 Uhr in der Mediathek abrufbar“, so von Gottberg.

Inhalte werden teilweise selbst geprüft

Anders schaut es bei Netflix und Amazon Prime Video aus: Zwar gelten für ihre hierzulande angebotenen Inhalte das deutsche Jugendschutzgesetz, allerdings haben sie ihren Sitz im Ausland. Deshalb ist deutsches Recht hier nur schwer durchsetzbar. „Bisher wurden uns von den Streaming-Diensten noch keine Inhalte zur Prüfung vorgelegt“, so von Gottberg.

Alles ungefiltert zeigen die Streaming-Dienste allerdings nicht: „Bieten Netflix und Amazon Prime Video bereits FSK-geprüfte Filme an, wird deren Altersfreigabe bekannt gemacht. Ansonsten prüfen sie ihre Inhalte auch selbst einstufen. Ob und wie das geschieht, bleibt derzeit das Geheimnis der Dienste selbst“, erklärt von Gottberg.

„Tote Mädchen lügen nicht“

Darunter kann dann auch eine Serie wie „Tote Mädchen lügen nicht“ sein. Erst nach der harschen Kritik an der drastischen Gewaltdarstellung in der von Netflix ab zwölf Jahren freigegebenen Serie reagierte das Streamingportal mit mehr Warnungen. (Weiterlesen: Tote Mädchen lügen nicht: Netflix reagiert auf Kritik)

„Das Problem sind ja nicht nur Gewaltdarstellungen, es geht allgemein um beeinträchtigende Wirkungen von Inhalten auf bestimmte Altersgruppen“, sagt von Gottberg, der von der Selbsteinschätzung der Anbieter wenig hält. Zumindest wäre eine Zusammenarbeit mit den Selbstkontrollen oder eine fachkundige Schulung hilfreich. Aber bisher haben Streaming-Dienste außer schlechter PR wie bei „Tote Mädchen lügen nicht“ kaum Konsequenzen zu befürchten: „Da ihre Firmensitze im Ausland liegen, sind sie nicht wirklich greifbar: Man schreibt einen Brief und wenn man Glück hat, antworten sie.“

So funktioniert der Jugendschutz bei Netflix

Bei Netflix greift der Jugendschutz an mehreren Stellen: Beim Start des Programms kann man zwischen den Erwachsenen-Profilen und einem Kinder-Profil wählen, in dem nur jugendfreie Inhalte zu sehen sind. Bei kleinen Kindern, denen man alles selbst einstellt, klappt das auch gut. Trotzdem sind die Erwachsenen-Profile nur einen Klick entfernt. Netflix schreibt daher auch: „Als Elternteil oder Erziehungsberechtigter ist es Ihre Aufgabe, sicherzustellen, dass Ihr Kind stets das richtige Profil verwendet.“

Eltern können darüber hinaus einstellen, ab wie vielen Jahren eine selbst gewählte vierstellige PIN vor der Wiedergabe der Sendungen abgefragt wird. Voreingestellt ist diese Jugendschutz-PIN automatisch für Inhalte ab 18 Jahren.

So funktioniert der Jugendschutz bei Amazon Prime Video

Im Gegensatz zu Netflix arbeitet Amazon eng mit der FSK zusammen: „Amazon Video verwendet die Einstufungen der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) als Grundlage für die Jugendschutzeinstellungen. Nicht bereits geprüfte Lizenztitel mit jugendschutzrelevanter Thematik, sowie alle Amazon Originals reicht Amazon zur Überprüfung durch die FSK ein“, sagt Pressesprecherin Felicitas Tietze.

Um Inhalte freizugeben, die erst ab 18 Jahren geguckt werden dürfen, muss man ebenfalls eine PIN-Nummer erstellen – und das ist erst möglich, wenn man sein Alter mit dem Personalausweis in Kombination mit der Auswahl einer Zahlungsmethode verifiziert hat.

So funktioniert Jugendschutz bei Sky Deutschland

Auch bei Sky Deutschland muss man eine PIN eingeben, wenn man über die Online-Mediathek Sky On Demand einen Film sehen möchte, der eine Jugendschutzsperre hat. Diese PIN bekommt jeder Abonnent beim Abschluss seines Abos.

Auch beim linearen Angebot von Sky gibt es eine Jugendschutz-Sperre. Aufgrund dieser Sperre dürfen bei Sky anders als bei den TV-Sendern Filme, die ab 16 Jahren freigegeben sind, rund um die Uhr gezeigt werden. Inhalte mit einer Freigabe ab 18 Jahren dürfen mit dieser Sperre bereits ab 20 Uhr ausgestrahlt werden. Auch einige Inhalte, die ab 12 Jahren freigegeben sind, werden aus Jugendschutzgründen vorgesperrt.

Sobald der Nutzer also auf einen Sky-Kanal schaltet, auf dem ein vorgesperrter Inhalt gezeigt wird, ist der Bildschirm schwarz und es ist kein Ton zu hören. Der Nutzer wird aufgefordert, seine PIN einzugeben und kann dann erst den Inhalt sehen.

So funktioniert der Jugendschutz bei Maxdome Video

Maxdome arbeitet wie Amazon Prime: Um sich für FSK-18-Inhalte freizuschalten, muss ein Perso-Check durchgeführt und dann eine PIN erstellt werden.

Zusammenfassung

  • Während der Jugendschutz im linearen Fernsehen an die Sendezeit gekoppelt wird, ist dies bei Streamingdiensten aufgrund der ständigen Erreichbarkeit der Sendungen nicht möglich.
  • Streamingdienste arbeiten nicht mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen zusammen, stattdessen bewerten sie ihr Programm selbst oder übernehmen Bewertungen der FSK.
  • Alle Streamingdienste bieten Jugendschutzfilter an; zumeist funktionieren diese über eine PIN-Eingabe.
  • Eltern müssen bei Streamingdiensten mehr Eigeninitiative zeigen, um ihre Kinder vor dubiosen Inhalten zu schützen.


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