Unerzogene Kinder Warum eine Mutter bewusst auf Erziehung verzichtet



Osnabrück. Unter Eltern gibt es einen neue Erziehungsmethode – andere würden sagen: eine neue Lebenshaltung – , die immer beliebter wird. Sie nennt sich: unerzogen. Richtig, die bewusste Abwesenheit von Erziehung soll Kinder zu mündigen, reflektierten und kooperativen Menschen machen. Ein Gespräch mit einer Mutter von unerzogenen Kindern.

Kathrin Borghoff betreibt einen Familienblog mit dem Titel „Öko-Hippie-Rabenmütter“. Die Eventmanagerin organisiert gerade einen Kongress für bindungsorientierte Elternschaft an der Ruhr-Universität in Bochum, sie arbeitet als Stillberaterin und macht sich stark für unerzogene Kinder. Halt, stopp – unerzogene Kinder? Wir haben nachgefragt.

Frau Borghoff, sind Ihre Kinder unerzogen?

Das sind sie. Wobei das Wort „unerzogen“ direkt mit einem Vorwurf geprägt ist. Unerzogen bedeutet für mich, dass wir bewusst auf Erziehung verzichten. Es ist mir nicht so wichtig, dass sich meine Kinder gut benehmen und auf mich hören. Ich bin gegen das Machtgefüge, dass Eltern bestimmen und Kinder zu gehorchen haben.

Ihre Kinder dürfen also machen, was sie wollen?

Sie dürfen nicht alles, sie haben aber auch gar nicht das Bedürfnis, alles zu wollen. Kinder kooperieren sehr gerne, wenn man mit ihnen in Beziehung tritt und mit ihnen kommuniziert. Wenn der Bus um 10.08 Uhr abfährt, dann tut er das – ob mein Kind will, oder nicht. Aber ja, ich richte mich nach den Bedürfnissen des Kindes.

Und dann verpassen Sie einfach den Bus?

Ich versuche natürlich, mein Kind zu überreden, aber wir haben auch schon einmal einen Bus verpasst. Aber wir wohnen in Dortmund, da fährt alle zehn Minuten ein Bus.

Auch wenn ihre Kinder gerne kooperieren – wenn ich so an meine Tochter denke... Die würde, wenn es nach ihren Bedürfnissen ginge, wohl den ganzen Tag lang Eis essen...

Unser Rekord liegt bei sieben Kugeln an einem Tag. Ich mache mir darüber aber auch keine Gedanken. Ich weiß, dass das nur eine Phase ist. Wenn es nicht mehr heiß ist, verliert mein Sohn dann auch wieder die Lust am Eis essen.

Die Zähne muss er aber schon putzen?

Ja, natürlich. Das ist ja auch der Unterschied zum laissez-faire oder zur antiautoritären Erziehung: Ich sage nicht, dass er jetzt die Zähne putzen muss, oder drohe ihm mit einem „Wenn du nicht, dann...“, sondern sage ihm, dass seine Zähne kaputt gehen, wenn er sie nicht putzt. Dass er dann Schmerzen bekommt und wir zum Zahnarzt gehen müssen. Ich schaue sehr auf meine Kinder und bin mit ihnen in einer sehr engen Beziehung.

(Weiterlesen: Nein oder nicht Nein, das ist hier die Frage – das Thema Erziehung in der NOZ-Elternkolumne)

Ihre Kinder besuchen eine Tagesmutter – wie klappt es denn dort, wo ja andere Regeln herrschen?

Unsere Tagesmutter spricht häufig an, dass die beiden so toll beim Aufräumen mithelfen und so toll kooperieren. Wir sagen unseren Kindern ja auch nicht, dass sie machen können, was sie wollen, sondern leben ihnen auch eine bestimmte Haltung anderen Menschen gegenüber vor. Meinen Kindern ist auch klar, dass sie bei uns sehr frei spielen und zum Beispiel auf dem Sofa rumhopsen dürfen, dass das aber bei der Tagesmutter nicht geht, weil sie es nicht will und das ihr Sofa ist.

Das ist dann ja doch eine Erziehung!

Da sind wir wieder bei dem Problem mit Begrifflichkeiten. Für manche Menschen bedeuten Vorleben und Haltung schon Erziehen.

Aber Sie meinen mit „unerzogen“, dass Sie keine Grenzen setzen, nicht mit Konsequenzen drohen oder Ähnlichem?

Genau. Ich habe zu Hause keine Untertanen, ich finde es unfair, sich als Erwachsener hinzustellen und die Regeln zu machen. Denn natürlich bin ich der Stärkere. Ich bin die mit dem Geld, ich bin die, die den Kühlschrank aufmachen kann.

Und wenn ihr Kind auf die heiße Herdplatte fassen will?

Dann handel ich auch schnell und schlage einen Ton an, den er sicher als Schimpfen empfindet. Aber ich rede hinterher mit ihm darüber.

Das klingt alles ziemlich anstrengend ...

Mich bereichert und befreit es sehr. Andere Eltern haben so viele Ängste, machen sich Gedanken, was denn ist, wenn sie einmal einknicken, dass ihr Kind das dann künftig ausnutzen werde und so weiter. Solche Gedanken mache ich mir gar nicht. Ich setze einfach keine Grenzen und bin nicht konsequent.

Familienleben ohne klassische Erziehung:

In ihrem Blog „Öko-Hippie-Rabenmütter“ erläutert Kathrin Borghoff noch einmal ausführlich, warum sich die Familie dafür entschieden hat, auf Erziehung zu verzichten.

Auch die Bloggerin und Trainerin Aida S. de Rodriguez hat auf ihrer Seite „Elternmorphose“ zehn „Missverständnisse zum Konzept unerzogen“ aufgeführt, die wir an dieser Stelle etwas verkürzt vorstellen:

Unerzogen bedeutet nicht…

  • 1. …dem Kind alles zu erlauben, sondern die Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu erkennen und abzuwägen, wie sie befriedigt werden können. Es bedeutet ein hohes Maß an Flexibilität und Empathie.
  • 2. …alle Wünsche zu erfüllen, sondern zu hinterfragen, worum es beim Wunsch tatsächlich geht und dem Kind das zu geben, was es wirklich braucht.
  • 3. …ein Leben ohne Grenzen. Eltern setzen keine Grenzen. Grenzen sind da! Und sie frustrieren manchmal. Wir brauchen nicht zusätzlich Frust durch künstliche Grenzen hervorzurufen, sondern unser Job ist es, unsere Kinder dabei zu begleiten, mit ihren Gefühlen umzugehen.
  • 4. …die eigenen Bedürfnisse immer hinten anzustellen oder gänzlich zu übergehen, sondern achtsam – auch mit sich – zu sein und zu erkennen, dass das Kind uns für die Erfüllung seiner Bedürfnisse braucht, wir aber für uns selbst sorgen können und müssen. Es geht um „thinking outside the box“ und um kreative Lösungen.
  • 5. …das Kind sich selbst zu überlassen, sondern dem Kind Raum zu geben, zu sein. Raum für Erfahrungen, zum Fehler machen und erneuertem Ausprobieren. Im Wissen unseres Schutzes, unserer Liebe und in Sicherheit.
  • 6. …das Kind mit allen Entscheidungen alleine zu lassen und mit einer Verantwortung zu belasten, die es gar nicht tragen kann. Es geht darum, die Integrität des Kindes nicht zu verletzen, das Selbstbestimmungsrecht des Kindes anzuerkennen, seine Kompetenzen zu sehen und ihm mit Respekt zu begegnen.
  • 7. …das Kind nicht über Normen, Kausalitäten und Konsequenzen aufzuklären. Es bedeutet, unsere Erwartungen zu hinterfragen und das Kind unter Berücksichtigung seiner Möglichkeiten eigene Entscheidungen treffen zu lassen sowie es anzunehmen wie es ist.
  • 8. … dass im Leben plötzlich alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Konflikte gehören zum Leben dazu und finden immer wieder statt. Es bedeutet vielmehr, dass Konflikte respektvoll und konstruktiv gelöst werden. Was brauchst du? Was brauche ich? Und wie machen wir daraus ein sowohl-als-auch?
  • 9. …das Kind über den Erwachsenen zu stellen, sondern Kinder in der gleichen Würde zu begegnen. Auf Augenhöhe und mit derselben Wertschätzung und dem selben Respekt, den wir uns für uns wünschen. Und zwar unter Berücksichtigung vorhandener Bedürfnisse sowie mit der notwendigen Rücksichtnahme auf noch nicht vorhandene Fähigkeiten.
  • 10. …das Kind durch einen liebevollen Weg zu einem guten Menschen und glücklichen Erwachsenen zu machen. Unerzogen funktioniert nicht. Unerzogen sieht nicht ein Ziel, sondern den Menschen. Im Hier und Jetzt.

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