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Tod durch Meningitis Der Morgen, an dem die kleine Jule nicht mehr aufwachte

Jules Grab; ihr Vater besucht es jeden Tag. Sie starb am Tag, als sie 15 Monate alt wurde. Foto: KeilJules Grab; ihr Vater besucht es jeden Tag. Sie starb am Tag, als sie 15 Monate alt wurde. Foto: Keil

Bad Bentheim. An diesem Montag ist Welt-Meningitistag. Ein Tag, der 2009 ins Leben gerufen wurde, um auf die tückische Krankheit aufmerksam zu machen. Wir haben ein Elternpaar getroffen, dessen kleine Tochter mit 15 Monaten durch eine Hirnhautentzündung innerhalb weniger Stunden starb.

Ein Samstagmorgen im Sommer 2012 in einem Neubaugebiet in Bad Bentheim. Viele Familien wohnen hier. So wie die Keils: Mutter Britta hat jedoch eine unruhige Nacht hinter sich, ihre kleine Tochter Jule hat bei ihr geschlafen. Freitagmittag in der Kita hatte das Kind etwas geschwächelt, am Nachmittag kam dann Fieber. Nichts Schlimmes, dachten die Eltern: Jule war quengelig, musste sich einmal übergeben.

Kurz überlegte die Mutter noch, zum Arzt zu fahren. Aber sie kannte ja die Auswirkungen diverser Infekte bereits durch die ältere Tochter, und als Jule dann gegessen hat und sich scheinbar beruhigte, waren auch die Eltern entspannt. Nachts nahm die Mutter das 15 Monate alte Mädchen zu sich, die ältere Schwester schlief bei Vater Sigurd.

Nur noch geschrien

Gegen 7 Uhr am Samstag war Britta Keil kurz wach, sah Jule schemenhaft neben sich liegen und schlummerte wieder ein. „Um 9.30 Uhr bin ich wieder aufgewacht und habe gedacht ,Die ist ja immer noch ruhig‘. Dann hab ich es gesehen, habe sie gesehen“, erzählt sie. (Lesen Sie auch: Was ist Meningitis und wie kann man sich schützen?)

Jule schlief nicht, sondern war irgendwann in den Stunden zwischen Mitternacht und Morgen neben ihrer Mutter gestorben. Dass Jule nicht mehr zu helfen war, war der Mutter sofort klar: „Sie hat aus der Nase geblutet, aber das Blut war schon geronnen. Und sie hatte blaue Flecken am Körper. Ich habe keine Wiederbelebungsversuche mehr unternommen, sondern nur noch geschrien ,Jule ist tot!‘“

Der Ton der 0-Linie beim EKG

Alarmiert von den Schreien seiner Frau kam Vater Sigurd ins Zimmer gerannt – und wusste sofort, dass seine Tochter tot war. Dann habe er „nur noch funktioniert“, erzählt er: Er rief die Sanitäter, dann seine Schwiegereltern, damit die ältere Tochter betreut wird.

Danach verschwimmt die Erinnerung der Eltern: Mutter Britta erinnert sich an den Ton der Null-Linie, als die Sanitäter ein EKG bei Jule anschließen, Vater Sigurd daran, wie er seine Frau aus dem Zimmer zerren musste. Wenig später müssen die Eltern Fragen von Polizisten beantworten.

Alle nehmen Abschied, auch Jules Schwester

Stirbt ein Kind plötzlich, sind alle verdächtig. Das Schlafzimmer wurde abgesperrt, niemand durfte nach oben, bis die Kriminalpolizei den Raum und das Kind freigab. Die Eltern verspüren keinen Groll: „Die Beamten haben sich viele Male entschuldigt. Die waren ja selbst Väter, aber es musste halt so sein“, sagt Britta Keil. Unten hingegen füllte sich das Haus: Großeltern, Tanten, Onkel, der Pastor und ein Bestatter kamen.

Als die Untersuchung nach zwei Stunden vorbei war, ging die Familie geschlossen zu Jule. Jeder verabschiedete sich von dem Kind, der Tochter, Nichte, Enkelin. Auch ihre fünfjährige Schwester durfte sich neben die Tote legen. „ Das war uns wichtig. Im Nachhinein war es auch gut so, weil sie das brauchte, um Abschied nehmen zu können.“

Todesursache Meningitis und septischer Schock

Aber wie kann es sein, dass ein kerngesund wirkendes Mädchen innerhalb weniger Stunden stirbt? Die Antwort gab es nach der Obduktion: Jule starb an einem septischen Schock, der durch eine bakterielle Meningitis ausgelöst wurde. „Die bakterielle Meningitis ist bei Säuglingen und Kleinkindern eine der gefürchtetsten Infektionen überhaupt“, erklärt dazu Professor Jürgen Wagner, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Aachen.

Denn ihre Symptome sind nicht eindeutig: oftmals hohes Fieber, Quengeligkeit, manchmal übergeben sich die Erkrankten. Über die typische Nackensteife und die starken Nervenschmerzen hingegen können Kinder, die noch nicht reden können, den Eltern nichts sagen. Die Keils gingen davon aus, dass Jule, die ja auch gegen Meningitis auslösende Bakterien geimpft war, nur eine Mandelentzündung habe, so wie ihre ältere Schwester sie schon öfters gehabt hatte.

Jule war geimpft – und hatte eine seltene Bakterien-Unterart

Allerdings ist Zeit bei der Behandlung einer bakteriellen Meningitis einer der wichtigsten Faktoren: „Die durch Bakterien wie Meningokokken oder Pneumokokken übertragene Meningitis kann innerhalb weniger Stunden zum Tod führen. Gelangen die Bakterien in die Blutbahn, kommt es zu einer Sepsis, landläufig auch Blutvergiftung genannt. Der septische Schock kann zum Kreislaufversagen und dieses dann zum Tod führen“, erklärt Kinderarzt Wagner.

Ein Interview mit einem Kinderarzt lesen Sie hier >>

Genau das passierte bei Jule: Irgendwie hatte sie sich mit dem – nicht zur Standardimpfung gehörenden – Serotyp 35 a der Pneumokokken angesteckt. Eine Unterart der Bakterien, wie Vater Sigurd später rausfand, der akribisch im Internet über Forschungen zum Thema recherchierte, um zu erfahren, was seine Tochter getötet hat. „Es gibt 90 verschiedene Pneumokokken-Arten, gegen 13 wird geimpft“, erzählt er.

Woher das Kind den seltenen Typ 35 a hatte, weiß bis heute keiner. In der Umgebung, innerhalb der Familie oder in der Kita von Jule ist danach oder davor niemand daran erkrankt.

Meningitis führt oft zu Schäden bei Kindern

„Im Nachhinein waren die Zeichen irgendwie auch da, jetzt, wo wir wissen, dass sie eine Meningitis hatte“, sagt Mutter Britta. Dass Jule beispielsweise immer wieder auf ihre weiche Wickelunterlage gelegt werden wollte, könnte damit zusammenhängen, dass sie Nackenschmerzen hatte. Aber hätte sie gerettet werden können? „Das kann oder will uns keiner sagen“, so Mutter Britta.

Fakt ist jedoch, dass gerade kleine Kinder eine bakterielle Meningitis wenn überhaupt nur selten unbeschadet überstehen: „Es kann zu neurologischen Schäden wie Lähmungen und Taubheit kommen. Auch das Gehirn kann geschädigt werden. Bei einem septischen Schock werden die Gewebe und Organe immer schlechter durchblutet, so dass diese in ihrer Funktion schwer beeinträchtigt werden können. Manchen Kindern müssen leider deswegen Körperteile amputiert werden“, so Jürgen Wagner.

Die Angst soll nicht siegen

Trotzdem ist das eine Frage, die die Eltern wohl immer beschäftigen wird – genauso wie die Sorge um Jules zwei Schwestern: Ihr Kinderarzt macht bei den Mädchen sofort einen Nackentest, wenn Fieber auftritt. Doch mehr wollen die Eltern der Angst nicht nachgeben, sagt Mutter Britta. Jules kleinere Schwester, die ein gutes Jahr nach dem Tod des Mädchens geboren wurde, wurde genau so geimpft wie ihre Geschwister.

Jule ist tot – und lebt doch weiter: An den Wänden der Familie lacht sie von diversen Bildern, Fotobände zeigen ihren Schwestern, dass es sie gab, diesen „wilden Wirbelwind“, wie Vater Sigurd sie immer wieder nennt.

Überhaupt der Wind. Sigurd Keil hat einmal gehört, dass „wann immer einem der Wind um die Nase weht, es die Seelen der Verstorbenen sind, die an einem vorbeistreichen. Nach Jules Beerdigung wehte es plötzlich ganz stark – und da drehte sich der Pastor zu mir und sagte ,Guck mal, wahnsinnig viel Wind hier‘.“

Die kleine Jule war ein „Wirbelwind“, erzählen ihre Eltern. Sie starb innerhalb weniger Stunden an einer bakteriellen Meningitis. Foto: Keil


Was ist eine Meningitis?

Als Meningitis wird die Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute bezeichnet. Eine weitere Bezeichnung ist Hirnhautentzündung. Sie äußert sich zumeist durch Fieber, starke Kopf- und Nervenschmerzen und einen steifen Nacken.

Grob unterteilt werden kann in eine durch Viren ausgelöste Meningitis und eine durch Bakterien. Erstere kann beispielsweise durch Zecken übertragen werden. Eine durch Viren ausgelöste Meningitis lässt sich nicht mit Antibiotika therapieren, verläuft in der Regel jedoch nicht so schwer wie eine bakterielle. Im langjährigen Durchschnitt führen bei dieser rund zehn Prozent der Fälle zum Tode. (cob)

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