Kinderarzt entwickelte zwölf Kriterien Kaum Schlaf, viel Geschrei – Habe ich ein „High Need Baby“?

Babys sind anstrengend – aber manche Babys sind ganz besonders anstrengend. Der amerikanische Kinderarzt William Sears bezeichnet sie als „High Need Babys“. Foto: colourbox.deBabys sind anstrengend – aber manche Babys sind ganz besonders anstrengend. Der amerikanische Kinderarzt William Sears bezeichnet sie als „High Need Babys“. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Natürlich sind alle Babys irgendwie anstrengend. Aber wenn Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind sich völlig von allen anderen Kindern in der Umgebung unterscheidet, dann haben sie womöglich ein Baby, das nach der Definition des amerikanischen Kinderarztes William Sears unter den Begriff „High Need Baby“ fällt.

Es gibt die sogenannten Schreibabys, die in der Regel die ersten drei Monate nach ihrer Geburt ihren Eltern das Leben zur Hölle machen. Aber es gibt auch Babys, die darüber hinaus äußerst anspruchsvoll bleiben.

Ehe Leser an dieser Stelle aussteigen und sich denken, dass ein „High Need Baby“ eine neue Spitze in der Elternhysterie darstelle, ein paar Worte zu William Sears: Sears, der 1939 in Alton/Illinois geboren wurde, ist Vater von acht Kindern. Eines davon hat das Down-Syndrom. Der Mann weiß also, was Eltern bewegt. Und er sagt selbst, dass er dachte, dass Eltern überreagieren, wenn sie sich über ihre schwierigen Babys beklagen.

Sears benutzt den Begriff „fussy“, der sich mit „aufgeregt“, „wählerisch“ oder „kleinlich“ übersetzen lässt. Aber als William Sears und seine Frau Martha ihr viertes Kind bekamen, war auf einmal alles anders: „Wir mussten unseren Erziehungsstil ändern. Das war eine große Herausforderung. Aber es hat sich gelohnt“, schreibt er. (Weiterlesen:Leben mit einem Schreibaby)

Kriterien für ein „High Need Baby“

Was genau macht aber ein „High Need Baby“, also ein Baby mit großen Bedürfnissen, aus?

William Sears hat zwölf Kriterien entwickelt, die charakteristisch für diese anspruchsvollen Babys sind:

  • Intensiv: Die Betreuung dieser Babys ist intensiv: Sie weinen viel, sind unruhig, sehr aktiv und neugierig. Sie lassen sich auch nicht ohne Weiteres von „irgendjemand“ betreuen, sondern fordern lautstark die Nähe ihrer Eltern ein.
  • Hyperaktiv: Hier geht es nicht um eine Diagnose, sondern um eine Beschreibung: Die Babys leiden also nicht unter ADHS, sondern wirken nur sehr aktiv und zappelig. Sie sind oft sehr angespannt, ballen ihre Fäustchen, strecken sich durch.
  • Anstrengend: „High Need Babys“ saugen quasi die gesamte Energie ihrer Eltern auf. Sears benennt diesen Punkt daher auch als „draining“, also „entleerend“.
  • Hunger: Das Baby will ständig gefüttert werden. Es genießt die Nähe an der Brust und lässt sich oft Zeit beim Essen.
  • Fordernd: Geduld ist nicht die Stärke der „High Need Babys“. Sie wollen getragen und gestillt werden, und wenn sie nicht sofort bekommen, was sie wollen, tun sie ihren Unmut lautstark kund.
  • Ständiges Aufwachen: „High Need Babys“ sind schlechte Schläfer. Sie schlafen wenig und schlecht, wachen immer wieder auf und brauchen die Hilfe ihrer Eltern, um wieder in den Schlaf zu finden.
  • Unzufrieden: Die Babys scheinen trotz aller Bemühungen ihrer Eltern oft unzufrieden zu sein – was wiederum ihre Eltern unzufrieden macht. An manchen Tagen scheint es so, als könne man ihnen nichts recht machen.
  • Unberechenbar: Gestern fand das Baby einen Spaziergang im Kinderwagen noch super – heute brüllt es beim Gang durchs Viertel in voller Lautstärke. Für Eltern ist es nicht leicht, mit den Stimmungsschwankungen ihres Kinder umzugehen. Eltern, die dachten, Familienbesuch sei eigentlich viel zu anstrengend für ihr Baby, stellen plötzlich erstaunt fest, dass es dem Zwerg gar nicht trubelig genug sein kann. Langweilig wird es also nie!
  • Übersensibel: Das Baby ist sehr empfindsam und nimmt viel wahr. Es wird von kleinsten Geräuschen aus dem Schlaf gerissen. Zugleich ist es sehr empathisch und reagiert sensibel auf Stimmungen in seiner Umgebung.
  • Ablegen: Das Baby lässt sich nicht ablegen – es will ständig auf den Arm und getragen werden.
  • Selbstregulation: Den Babys fällt es schwer, sich selbst zu beruhigen und alleine in den Schlaf zu finden. Manchen hilft ein Schnuller oder eine Spieluhr, aber „High Need Babys“ brauchen meist die Hilfe ihrer Eltern, um runterzukommen.
  • Trennungen: „High Need Babys“ fällt oft die Trennung von ihren Eltern schwer. Sie fremdeln stark, und auch bei der Kita-Eingewöhnung gibt es häufig Probleme.

Tipps für Eltern

William Sears schreibt, dass er bei seiner Tochter – wäre sie denn sein erstes Kind gewesen – vermutlich gedacht hätte, dass er an allem Schuld und eben viel zu unerfahren sei. Aber sie war ja bereits sein viertes Kind. (Weiterlesen: Die gängigsten Methoden, um ein schreiendes Baby zu beruhigen)

In Deutschland wurde der Begriff „High Need Baby“ vor allem durch Familienblogger bekannt. Auf ihrem Blog „Verflixter Alltag“ berichtet beispielsweise Wiebke Mandel auf humorvolle Weise, woran man Eltern von „High Need Babys“ erkennt. Zum Beispiel daran, dass sie sich vorwiegend von Fertigprodukten ernähren, ungesellig wirken, weil sie ständig Verabredungen absagen, nichts vom Weltgeschehen mitbekommen, weil sie den ganzen Abend lang damit beschäftigt sind, ein schreiendes Baby zum Schlafen zu bewegen, oder sie in hysterisches Lachen verfallen, wenn ihnen jemand sagt: „Wenn ein Baby müde ist, dann schläft es auch.“

Modebegriff?

Auch Janina Hilkert alias Frida Mercury vom Blog „2kindchaos“ ist Mutter eines High Need Kindes. Ihr Tipp an betroffen Eltern: andere Eltern finden, die einen verstehen. „Das hat mir persönlich wahnsinnig geholfen“, sagt sie. „Nicht alleine zu sein zwischen all den vermeintlich pflegeleichten Kindern und deren Eltern, die mir gern Ratschläge gegeben haben.“ Auch Schreiambulanzen können eine gute Anlaufstelle sein.

Von anderen Eltern muss sich die Bloggerin viel Kritik für ihre Artikel zum Thema „High Need“ anhören. Sie solle sich nicht so anstellen, das Kind nicht „pathologisieren“. So die gängigsten Vorwürfe. „Dabei ist high need keine Störung, sondern eine Zuschreibung. Ein spezielles Temperament, das angeboren ist“, sagt Janina Hilkert. Zudem sei es doch „sehr oberflächlich zu sagen, dass man selbst sieben Kinder habe und sich nicht so anstelle. Jedes Kind ist ein Individuum und jeder Elternteil natürlich auch. Jeder fühlt den Stress anders, und so sollte jeder das Recht haben, seine Situation selbst zu bewerten.“

William Sears listet auf seiner Homepage aber nicht nur auf, woran man Kinder mit besonderen Bedürfnissen erkennt, sondern auch, wie man damit am besten zurecht kommt.

Eltern sollten ihre Kinder nicht mit anderen vergleichen, Schlaf zur obersten Priorität erklären, positiv denken und sich immer wieder versichern, dass es nicht an einem selbst liegt, dass das Kind ist, wie es eben ist: anspruchsvoll, bedürftig, ziemlich nervig – und natürlich auch ziemlich niedlich und liebenswert.

Weitere „Tipps zum Überleben für Eltern von High Need Babys“ gibt es unter www.asdrsears.com


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