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Eine Mutter über Regretting Motherhood Warum eine Frau es bereut, Mutter geworden zu sein

Die wenigsten wagen es auszusprechen: „Ich liebe mein Kind – aber an der Rolle als Mutter könnte ich verzweifeln.“ Foto: colourbox.deDie wenigsten wagen es auszusprechen: „Ich liebe mein Kind – aber an der Rolle als Mutter könnte ich verzweifeln.“ Foto: colourbox.de

Osnabrück. Sarah Fischer ist Mutter. Und sie bereut es. Im Interview erklärt die 44-Jährige, warum sie ihr Kind über alles liebt und trotzdem lieber kinderlos geblieben wäre. Jedenfalls in Deutschland.

190 Länder hat Reiseschriftstellerin Sarah Fischer bereist, doch erst nach der Geburt ihrer Tochter wurde sie vor ihre eigenen Grenzen gestellt: „Die Mutterglücklüge. Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre“ heißt ihr Buch.

In ihm schreibt sie mal lustig, mal ernst über den Spagat, den Frauen leisten müssen, die nicht nur hauptberuflich Mama sein wollen.

Frau Fischer, ganz am Anfang Ihres Buches steht: „Ich bereue es, Mutter geworden zu sein, und ich liebe mein Kind über alles.“ Wie geht das zusammen?

Ich liebe meine Tochter über alles. Was ich beklage, ist die Mutterrolle mit all ihren politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die man als Mutter in Deutschland hat. Diese erhöhten Erwartungen an mich als Mutter beispielsweise. Wer allerdings, wie ich, diese ambivalenten Gefühle öffentlich äußert, dem wird vorgeworfen, auch das Kind zu bereuen. Aber bereuen und lieben geht gleichzeitig.

Gibt es wirklich noch eine „Mutterglücklüge“? In vielen Eltern-Zeitschriften ist es quasi en vogue geworden, sich über Schlafmangel und Babykotze zu beschweren…

Und ob! Es geht mir ja nicht um Schreikinder, Schlafmangel oder Selbstverwirklichung im Beruf. Ich beklage eher diesen Muttermythos, der besagt, dass man als Mutter automatisch glücklich ist. Kinder zu bekommen ist in Deutschland Standard, sie gelten als der Sinn des Lebens. Und wenn man keine Kinder hat, gilt man nicht als vollwertige Frau und es droht ein einsames Alter. All diese Bilder haben einen großen Einfluss auf uns, so falsch sie auch sind.

Was macht denn dann eine nicht idealisierte Mutterschaft aus?

Was oft vergessen ist, dass die Erwartungen an Mütter enorm hoch geworden sind. Das Hauptproblem ist aber immer noch mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das traditionelle Rollenmuster hierzulande: Mann arbeitet Vollzeit, Frau Teilzeit oder gar nicht und dass Männer in den gleichen Berufen immer noch mehr Gehalt bekommen. Und das Stichwort Altersarmut darf nicht vergessen werden.

Als Reisejournalistin haben Sie viele andere Kulturen kennen gelernt. Glauben Sie, dass Sie in einem anderen Land als Deutschland ihre Mutterschaft nicht bereut hätten?

Andere Länder machen es tatsächlich besser: In Schweden wird beispielsweise der Doppelverdienerhaushalt gefördert, damit sich die Partner die Kinderbetreuung fair teilen können. Französische Frauen arbeiten wiederum viel häufiger in Vollzeit. Aber es kommt ja nicht von ungefähr, dass es den Begriff Rabenmutter nur im Deutschen gibt...

Sie schreiben auch, dass sie „lieber Vater geworden wären“. Warum?

Weil Männer in den gleichen Berufen wie Frauen immer noch mehr verdienen und der Mehrverdiener wird dann auch noch - Stichwort Ehegattensplitting - steuerlich gefördert. Zudem wird der Mutter immer noch einseitig die Fürsorgefähigkeit zugeteilt, obwohl der Mann das genauso gut machen kann, abgesehen vom Stillen natürlich.

Gab es auch konkrete Momente, die unterschiedlich beurteilt wurden?

Nun, der Vater wird in der Regel für jeden Spielplatzbesuch gefeiert. Wenn er auf Dienstreise geht, wird das ohne Kommentar hingenommen. Aber wehe, wenn die Mutter beruflich weg ist! Dann wird gleich gefragt: „Geht das denn? Wer passt denn auf das Kind auf?“ Am Ende des Tages sind es wir Mütter, die Betreuung, Kindererziehung, Kinderarzttermine, Kindergeburtstage organisieren oder an Elternabenden teilnehmen.

Sarah Fischer ist Mutter. Und sie bereut es. Foto: privat

Denken Sie, dass es vielen Frauen so geht – oder projizieren Sie Ihr „Problem“ nur auf andere?

Ich weiß, dass es vielen Frauen so geht, denn in den ersten Monaten nach dem Erscheinen des Buches bekam ich etwa 80 Zuschriften pro Tag von Menschen, die meine Erfahrungen geteilt haben. (Weiterlesen: Non, je ne regrette rien! - Unsere Elternkolumnistin über Regretting Motherhood)

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?

Gott sei Dank sehr gut. Ich habe viele positive Zuschriften erhalten, überraschenderweise auch von vielen Männern. Viele schrieben, dass mein Buch längst überfällig gewesen sei und sie erleichtert waren, dass eine Mutter ehrlich über dieses Tabuthema schreibt.

Gab es keine negativen Zuschriften?

Doch, es gab auch bitterböse Kommentare. In etwa „die verdient ihr Kind nicht, wie egoistisch, das hätte sie doch vorher wissen können“. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass die meisten dieser Kritiker urteilten, ohne das Buch gelesen zu haben. Und manchmal hatte ich den Eindruck, sie müssen besonders hart urteilen, um diese Stimme in ihnen zum Schweigen zu bringen, die sagt: Ohne Kind war manches einfacher.

Wurden Sie eher von Frauen oder von Männern kritisiert?

Beides, aber mehr von Frauen.

Sie schreiben, dass Sie das Verhalten anderer Mütter, ¬ ob im Schwangerschaftskurs oder auf Spielplätzen – teilweise als bösartig empfunden haben. Wie erklären Sie sich diesen „Mütterterror“?

Ich denke, dahinter steckt oftmals eine eigene Unsicherheit. Wir Mütter wollen doch alle, dass unsere Kinder glücklich sind. Manche sind unsicher, ob ihr Weg der richtige ist. (Weiterlesen: Bereuen und Bekriegen: Der fatale Müttermythos)

Was raten Sie Frauen, die weder auf ihr eigenes Leben, noch auf Kind oder Kinder verzichten wollen?

Vor allem sollten sie darüber nachdenken, ob es wirklich sie sind, die ein Kind haben wollen, oder ob es eher der Druck von außen ist, der sie zu dieser Entscheidung treibt. Zudem sollten sie vorab mit ihrem Partner klären, wie bei ihnen das Modell Familie gehandhabt werden soll. Und: Immer realistisch bleiben. Die meisten Ehen halten nicht für immer, also lieber finanziell unabhängig sein, damit später keine Altersarmut droht.

Hätten Sie eine Zeitmaschine: Würden Sie sich anders, also gegen Ihr Kind entscheiden?

Nein, ich würde mich selbstverständlich immer wieder für meine Tochter entscheiden! Denn ich bereue ja nicht mein Kind, sondern die Rahmenbedingungen.

Sarah Fischer: Die Mutterglück-Lüge. Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre; 240 Seiten; Ludwig Verlag; 16,99 Euro.


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