Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne EM 2016: Hilfe, mein Kind will alles in Schwarz-Rot-Gelbgold!

Doitschlaaand vor, noch ein Tor. Ein T-Shirt, das unsere Elternkolumnistin nie anziehen wird. Ihr Kind darf es aber trotzdem. Foto: BerghahnDoitschlaaand vor, noch ein Tor. Ein T-Shirt, das unsere Elternkolumnistin nie anziehen wird. Ihr Kind darf es aber trotzdem. Foto: Berghahn

Osnabrück. Wer in den 1990-er Jahren aufgewachsen ist, hat bisweilen ein Problem mit der Flut an schwarz-rot-gelben Fanartikeln zur EM 2016. So auch unsere Elternkolumnistin:

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict unsere Elternkolumnistin gefragt: Schminkst Du die Kinder zur EM mit Nationalfarben? Dies ist ihre Antwort:

Lieber Daniel,

Du sprichst einen wunden Punkt an! In unserem fußballbegeisterten Haushalt wird dank Elternzeit jedes Spiel der Europameisterschaft 2016 geschaut, und ich bin großer Fan der deutschen Mannschaft. Kind 2 ist mit seinem halben Jahr die EM natürlich absolut egal. Für sein buntes Gesicht sorgt ausgespuckter Gemüsebrei. Geht man von dessen Farbe aus, ist es wohl Holland-Fan, denn das Gesicht ist oftmals schön möhrenorange.

Das Kind will einen Deutschland-Rock

Kind 1 jedoch bekommt in diesem Jahr die Fußballmeisterschaft zum allerersten Mal richtig aktiv mit: 2012 war es ähnlich alt wie K2 jetzt und bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien interessierten es allein die Ärzteteams, wenn diese einen Verletzten in wannenartigen Tragen vom Feld hievten. Jetzt allerdings weiß es, wann Deutschland spielt, und ganz genau, wie die deutsche Flagge aussieht. (Weiterlesen: Psychologin warnt vor Jubel in Schwarz-Rot-Gold)

Vom Cousin bekam es zwei T-Shirts mit ebendieser drauf, die es gerne trägt. Das ist ok für mich, denn ich musste nicht selbst Geld dafür ausgeben. Jetzt will K1 allerdings auch einen Rock in Schwarz-rot-gelb, einen Schal und am liebsten den gesamten Hausstand in dieser Farbkombination ausstatten. Und das ist gar nicht einmal unmöglich, denn es gibt ja sogar Zahnpasta in den Nationalfarben. (Weiterlesen: Schräge Fan-Artikel zur Fußball-EM 2016)

Der hässliche Deutsche in Schwarz-rot-gelb

Neben der Tatsache, dass der meiste Fankram unter gruseligen Umständen produziert wird, habe ich noch ein anderes Problem mit ihm. In meiner Kindheit hat mich ein Bild geprägt, dass ich nie wieder vergessen werde: Der besoffene Mann aus Rostock-Lichtenhagen, der seinen Arm zum Hitlergruß reckte und dabei ein Deutschland-Trikot trug. Der hässliche Deutsche per se.

Und wie die Mode der 1990-er-Jahre wieder im Trend ist, kommen seit einiger Zeit ähnlich hässliche Biedermänner und Brandstifter wieder aus ihren Löchern gekrochen: Wutbürger, die mit deutschen Flaggen durch die Straßen marschieren und auf sozialen Netzwerken Angst und Hass verbreiten. Oder Politiker aus der rechten Ecke, die die Deutschlandfahne in der Talkshow ausbreiten. (Lesenswert: Der Kommentar: Warum ich Blockwart Gauland nicht als Nachbarn möchte)

Da kann die Flagge nichts für; und ich kenne ja auch ihre Geschichte: Befreiungskriege, Märzrevolution, Paulskirche, Weimar wählte sie, die Nationalsozialisten verschmähten sie, BRD und DDR nahmen sie wieder auf. Zudem sind geschätzt 99 Prozent der EM-Fahnenfreunde keine Nazis: Wer wirklich stramm rechts ist, beruft sich sowieso auf die Farbkombination Schwarz-Weiß-Rot oder seinen Status als Reichsbürger.

Trotzdem: Anders als viele meiner jüngeren Bekannten, die nicht in den 1990-er Jahren aufwuchsen, werde ich unentspannt, wenn ich ein Schwarz-rot-gelbes Fahnenmeer sehe.

Das Kind soll tragen, was es will

Kind 1 hingegen ist entspannt und das ist auch gut so. Ich werde ihr den Schal und Rock nicht kaufen, das Tragen aber auch nicht verbieten. Nur die Schminke kann es vergessen, die ist zu giftig.

Große Sorgen, dass unser Kind 1 zu einem nationalen Spinner mutiert, müssen wir uns sowieso nicht machen. Auf meine Frage, warum es für Deutschland sei, entwickelte sich folgender Dialog: „Weil ich die Fahne auf meinem T-Shirt habe.“ „Und wenn die französische Fahne drauf wäre?“ „Dann bin ich für Frankreich!“ In diesem Sinne: Es lebe die Völkerfreundschaft!

Deine Corinna

PS: Wie klappt das Abstillen?

Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kenne das: Corinna Berghahn, gerade wieder Mutter geworden, hat ihrer vierjährigen Tochter schon den Adventskalender geplündert. Daniel Benedict, Vater eines Zweijährigen und eines Babys, intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.


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