Alltag als ständige Herausforderung Hochsensible Kinder: Zu feinfühlig für diese Welt?

Von Cornelia Achenbach

Heulsuse oder Angsthase? Nein, einfach anders veranlagt: Für hochsensible Kinder werden manchmal ganz alltägliche Situationen zu großen Herausforderungen. Foto: colourbox.deHeulsuse oder Angsthase? Nein, einfach anders veranlagt: Für hochsensible Kinder werden manchmal ganz alltägliche Situationen zu großen Herausforderungen. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Manche Kinder scheinen empfindlicher zu sein als andere, schneller zu weinen und durch Stimmungen aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden. Psychologen sprechen von Hochsensibilität – ein Begriff, der sich in Elternkreisen immer weiter verbreitet. So sehr, dass bereits Kritik an einer „neuen Modekrankheit“ laut wird.

Im Hallenbad riecht es nach Chlor. Während eine Gruppe Kinder in bunten Badehöschen im Becken planscht, sitzt Mia* lieber bei ihrer Mutter am Rand. Am liebsten auf ihren Schoß. Und das schon die vierte Woche in Folge. Irgendwann reicht es Mias Mutter, das muss doch jetzt mal klappen. Sie steht auf, bringt das Kind zu den anderen und entfernt sich vom Beckenrand. Die Folge: ein heulendes Kind im Wasser und ein dicker Kloß im Hals.

Heulsuse oder Angsthase?

Der Schwimmkurs ist nur ein Beispiel von vielen. Immer wieder ist Mia im Alltag weinerlich, ängstlich, extrem anhänglich. „Sie kann sehr schlecht mit Veränderungen umgehen“, sagt ihre Mutter. „Sie malt sich dann die schlimmsten Szenarien aus.“ Dass sie die falschen Schuhe anhaben könnte, das falsche Kleid, was alles schief gehen könnte in dieser oder jener Situation, was die anderen über sie denken könnten. Während andere Kinder vergnügt im Garten spielen, zieht sich Mia – vor allem, wenn sie müde ist – in ihr Schneckenhaus zurück. Schnell ist es ihr zu trubelig und zu laut, mit Kritik kann sie oft nur schlecht umgehen. Und manchmal reicht ein „Du bist doof“ der kleinen Schwester, um sie zum Weinen zu bringen. Ist Mia eine Heulsuse? Ein Angsthase? Überempfindlich. Mias Mutter zuckt mit den Schultern. „Irgendwann hat man den blöden Gedanken: Das Kind funktioniert nicht.“ Das erzählt sie einer Freundin, die ebenfalls Mutter ist. Und die ihr ein Buch mitgibt. „Lies das mal.“ Mias Mutter liest –und staunt. Denn plötzlich versteht sie, wie ihre Tochter tickt. (Weiterlesen: Rätselhafte Zahnkrankheit MIH – Jedes zehnte Kind betroffen)

Test: Ist mein Kind hochsensibel?

Das Buch, das Mias Mutter gelesen hat, heißt „Das hochsensible Kind“. Geschrieben hat es die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron, die Basisforschung zu dem Thema Hochsensibilität betrieben und schließlich auch einen Test entwickelt hat, anhand dessen Eltern herausfinden können, ob auch ihr Kind hochsensibel ist. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Kinder sind laut Aron besonders empfindsam. Als Grundlage für eine Hochsensibilität nennt die Wissenschaftlerin dabei eine spezielle neuronale Konstitution, die vermutlich vererbbar ist – um eine Krankheit oder psychische Störung handle es sich allerdings nicht. „Eine Modekrankheit kann es als solche schon mal nicht sein“, sagt Melanie Santa Vita, die in Ulm eine Praxis für Hochsensibilität betreibt und auf der Seite hochsensibel-leben.de viele Informationen für Betroffene zusammengestellt hat. Doch tatsächlich werde das Thema Hochsensibilität in der Gesellschaft und in den Medien immer präsenter. Melanie Santa Vita weist jedoch darauf hin, dass im Bereich der Persönlichkeitspsychologie eine hohe Sensibilität schon länger erforscht werde und wurde, beispielsweise von Iwan Pawlow, C.G. Jung oder Jerome Kagan, der die Unterscheidung zwischen gehemmten und ungehemmten Kindern geprägt habe.

Besondere Fähigkeiten

Da es sich nun bei Hochsensibilität um keine Krankheit handelt, müssen die Kinder auch nicht therapiert werden – vielmehr geht es darum, wie Eltern den richtigen Umgang mit ihren Kindern finden. Und neben all den Problemen im Alltag auch das Besondere in ihrer Empfindsamkeit sehen. „Hochsensiblen Kindern wird schnell alles zu viel, sie sind schnell erschöpft und unter Stress“, sagt Melanie Santa Vita. Neuen Situationen stünden diese Kinder zunächst sehr vorsichtig und beobachtend gegenüber. Sie durchdenken alle Risiken. Erst, wenn sie sich sicher fühlen und Vertrauen gewinnen, werden sie aktiv und handeln. „Aber hochsensible Kinder sind auch sehr kreativ, haben einen hohen Gerechtigkeitssinn und ein ausgeprägtes Gespür für die Bedürfnisse ihres Umfelds“, sagt die Lerntherapeutin. (Weiterlesen: Therapie-Wahn – Sind unsere Kinder noch normal?)

Förderkurse

Das kennt auch Mias Mutter. „Wenn es mir selbst einmal nicht so gut geht und ich etwas traurig bin, dann kommt sie zu mir und kuschelt mit mir.“ Mia habe ganz feine Antennen für Situationen und sei sehr empathisch. Bald wird sie in die Schule kommen. Wieder eine neue Situation, wieder eine neue Herausforderung. Eine, vor der sie ihre Mutter nicht bewahren kann. Denn auch das müssen Eltern hochsensibler Kinder lernen: Geduldig mit ihnen zu sein, nicht zu viel zu erwarten und keinen Zeitruck zu erzeugen. Und zugleich ihren Kindern klar zu machen, dass es Situationen im Leben gibt, vor denen man sich nicht drücken kann. Dinge, durch die sie einfach durch müssen. „Wichtig ist es, das Kind in seiner Wahrnehmung ernst zu nehmen und es durch Lebensumbrüche wie den Wechsel vom Kindergarten auf die Schule sicher zu führen“, sagt Melanie Santa Vita. (Weiterlesen: Wie bekomme ich abends mein Kind ins Bett?)

Um ihre Tochter auf die Einschulung vorzubereiten, hat Mias Mutter ihre Tochter schließlich bei einem Frühförderkurs für Vorschulkinder angemeldet. Dabei handelte es sich um keinen Kurs speziell für hochsensible Kinder, sondern einfach für Kinder, „die alle so ihre Macken hatten und ganz unterschiedlich waren und so voneinander profitieren konnten“, erzählt Mias Mutter.

Inzwischen freut sich Mia auf die Schule. Mit dem Tornister läuft sie jetzt schon gerne durch die Wohnung. Sehr sensibel ist sie immer noch, und das wird sich vermutlich auch nicht ändern. „Aber mir reicht es schon, sie jetzt besser zu verstehen“, sagt ihre Mutter. Und schwimmen – schwimmen hat Mia mittlerweile auch gelernt.

*Name von der Redaktion geändert

Weitere Informationen und den Text nach Elaine Aron ist hier zu finden.


Hochsensibilität

Hochsensible Menschen reagieren stärker als der Durchschnitt auf Reize und Stimmungen. Die „High-Sensitivity-Forschung“ ist noch relativ neu und basiert vor allem auf der Arbeit von Elaine Aron. Die Bandbreite an Merkmalen von Hochsensibilität ist groß, reicht von vielseitigem Interesse, detailreicher Wahrnehmung, Perfektionismus und langem emotionalen „Nachklang“ von Erlebtem bis hin zu einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einem sehr ausgeprägtem Langzeitgedächtnis.

Nach dem derzeitigen Forschungsstand ist Hochsensibilität vermutlich angeboren und vererbbar. Hochsensibilität „verwächst“ sich auch nicht – auch Erwachsene können unter ihr leiden. Anders als Kinder können sie mit ihrer Sensibilität jedoch meistens besser umgehen und ihre Freizeit selbst organisieren, können sich also viel eher Situationen entziehen, die für Hochsensible problematisch sind.

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