Essay über das konservative Rollenbild Ein Hoch auf den kleinen Unterschied

Die Rolle der Frauen prägt nachhaltig unsere Gesellschaft. Die Gratwanderung zwischen Familie und Karriere, definiert wie modern oder traditionell eine Frau denkt. Foto: ColourboxDie Rolle der Frauen prägt nachhaltig unsere Gesellschaft. Die Gratwanderung zwischen Familie und Karriere, definiert wie modern oder traditionell eine Frau denkt. Foto: Colourbox

Osnabrück. Die Rolle der Frauen prägt nachhaltig unsere Gesellschaft. Die Gratwanderung zwischen Familie und Karriere, definiert wie modern oder traditionell eine Frau denkt. Oder kann eine fortschrittliche Gesellschaft zugleich auch traditionell sein? Erodiert das althergebrachte Familienbild oder stärkt Veränderung die Gesellschaft? Ein Meinungsbeitrag.

Als der Parlamentarische Rat 1949 Ehe und Familie unter den besonderen Schutz des Staates stellte, kamen seine Mitglieder nicht einmal auf die Idee zu definieren, was sie mit „Ehe und Familie“ eigentlich meinten: die Gemeinschaft aus Mann, Frau und Kindern. Und das lag nicht daran, dass sich nur vier Mütter zwischen den vielen Vätern des Grundgesetzes fanden. Die Familie als Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft war damals Gemeingut.

Wohin führt "Ehe für alle"?

Heute, mit der „Ehe für alle“ und vielen Patchworkfamilien, ist das nicht mehr so eindeutig. Um klarzumachen, welche Art von Ehe gemeint ist, wird zu unschönen Hilfsbegriffen wie „Homo-Ehe“ gegriffen. Kommunale Jugendämter sehen sich gefordert, den Begriff „Familie“ zu definieren. Und dabei kommen so nett gemeinte Formulierungen wie „Wo Erwachsene mit Kindern leben“ heraus. Leider aber hätte auch eine Jugendstrafanstalt, in der erwachsene Wärter auf jugendliche Straftäter aufpassen, die Definition erfüllt. 

Hintergrund der begrifflichen Aufweichung waren tief greifende gesellschaftliche Veränderungen innerhalb weniger Jahrzehnte: rasant steigende Lebenserwartung, zunehmender Wohlstand, abnehmende religiöse Bindung, die Frauenbewegung und weitere emanzipatorische Entwicklungen bis hin zur sexuellen Befreiung – auch durch die Pille. Scheidungen nahmen zu, die Rolle der Hausfrau und Mutter geriet zunehmend ins Abseits, Kinder waren häufig die Leidtragenden.

In den 70er-Jahren nahmen politische Bewegungen, denen die bürgerliche Gesellschaft generell ein Dorn im Auge war, konsequent die Keimzelle derselben ins Visier. Die freie Liebe hielt mit dem Motto „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ Einzug. Treue und Trauschein gerieten unter Generalverdacht, Lustprinzip und Kommune prägten den Zeitgeist.

(Weiterlesen: Der Gipfel des Egoismus? Frauen, die keine Kinder wollen)

Der kleine Unterschied

Frauen ernüchterte dieses vermeintliche Paradies bald. Nicht umsonst dienten sie selbst im Sponti-Spruch ausschließlich als Objekt. Am biologischen Unterschied zwischen Frau und Mann kamen auch die Kommunarden nicht vorbei – trotz Pille. Und so klein, wie ihn Alice Schwarzer 1975 beschrieb, war der Unterschied denn auch nicht: Immerhin ermöglicht er Männern, hundertfach im Jahr Vater zu werden, während die Mutterschaft singulär bleibt.

Dass am Ende die Frau trotz aller Fortschrittlichkeit regelmäßig Kinder, Küche, Hausarbeit an den Hacken hatte, während sich der Erzeuger fröhlich in der feindlichen Welt da draußen selbstverwirklichen durfte, sorgte für den verständlichen Wunsch nach Gleichberechtigung. Und der ist noch längst nicht erfüllt. Errungenschaften wie Elternzeit für beide oder Förderung für Frauen im Beruf sind recht jung, ihre Folgen noch eher gering.

Dies führte dazu, dass mit Gleichheit zunehmend weniger die der theoretischen Chancen als die der praktischen Ergebnisse gemeint war. Die Quote ward geboren. Zumindest in den Köpfen. Und damit geriet alles unter Druck, was dieser Gleichheit entgegenstand. An erster Stelle selbstverständlich der Mann selbst. Es sei denn, er entledigte sich zumindest vordergründig seiner schrecklichen männlichen Attribute.

Gern gesehen waren da an bollerigen Latzhosen Buttons mit der Aufschrift „Runter mit dem Männlichkeitswahn!“ und einer schon optisch schmerzhaften Attacke auf das primäre männliche Geschlechtsmerkmal. Selbstverständlich bezog der Träger dieser Botschaft diese nicht auf sich selbst. Ebenso wenig meinte er sich selbst, wenn er öffentlichkeitswirksam plakatierte, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger seien. Vielleicht verbesserten solche Bekenntnisse die Chancen, das emanzipierte Objekt der eigenen Begierde in die Kiste zu kriegen. Überzogen hatten jedoch jene Softies, die der Frau dann auch noch erklärten, wie ihre Emanzipation funktionieren sollte. 

Gendergerechte Sprache oder echter Feminismus?

Doch selbst der wirkliche Feminismus strebt bis heute keine wirkliche Gleichstellung an. So fordert die geschlechtergerechte Sprachwissenschaft zwar die enervierende ständige Doppelung wie „Bürgerinnen und Bürger“, das mündlich nicht darstellbare „BürgerInnen“ oder – der letzte Schrei – „Bürger*innen“ mit Gendersternchen für jene, die weder der eine noch die andere sind. Bei „Tätern“ im Polizeibericht oder „Populisten“ in den Nachrichten dürfen die Männer unter sich bleiben.

Andererseits: Männer, die vornehmlich von ihren Müttern zu Ritterlichkeit, harmloser: zu Höflichkeit gegenüber Frauen erzogen worden waren, erfuhren häufig Ablehnung, wenn sie den Vortritt ließen, Türen aufhielten oder in den Mantel halfen. Es nicht zu tun war aber auch nicht immer angesagt. Mit Komplimenten drohte Mann kräftig missverstanden zu werden. Blicke in sicherlich nicht versehentlich tief ausgeschnittene Blusen konnten einem Nahtoderfahrungen verschaffen.

Mut zur eigenen Stärke

Zugegeben, die mitleiderregende Verunsicherung des deutschen Mannes mag hier ein wenig zu krass dargestellt sein; aber der rülpsende Dickbauch, der keinen Weiberrock vorbeigehen lässt, ohne ihn anzuheben, auf seinen Inhalt zu klatschen oder hinterherzupfeifen, steht auch nicht gerade für den typischen Mann unserer Tage. Er stellt vielmehr ein Feindbild im Kampf der Geschlechter dar.

Gerade viele jüngere Menschen beiderlei Geschlechts haben auf diesen Kampf heute offenbar keine Böcke mehr. Statt Gleichmacherei zeigen Frauen wieder Mut zur Weiblichkeit und scheuen sich Männer nicht länger, ritterliche Kerle zu sein. Und beides hat weder mit Stärke noch mit Schwäche zu tun.

Statt Unterschiedlichkeit zu geißeln, wird sie wie andere Formen von Vielfalt zunehmend wieder als Bereicherung empfunden. So darf heute in einem emanzipierten, gleichberechtigten Miteinander fröhlich gelten: Ein Hoch auf den kleinen Unterschied!


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