Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Sollten Kinder im Eigenheim aufwachsen – oder ist das spießig?

Brauchen Familien ein Eigenheim? Oder mutiert man dann automatisch zum Spießer mit Jägerzaun? Foto: Colourbox.deBrauchen Familien ein Eigenheim? Oder mutiert man dann automatisch zum Spießer mit Jägerzaun? Foto: Colourbox.de  

Osnabrück. Brauchen Familien ein Eigenheim? Oder reicht Kindern die gemietete Wohnung? Und was ist eigentlich spießiger?

In der vergangenen Woche hat sich Daniel Benedict mit dem schweren Schwert Abschied auseinandergesetzt, denn diese Kolumne gibt es in Zukunft nicht mehr in der gedruckten Version der Zeitung. Aber da in Online sowieso die Zukunft steckt, befragt er seine Brieffreundin einfach hier weiter – dieses Mal zum Thema Eigenheim versus Mietwohnung.

Lieber Daniel,

vor ein paar Jahren gab es eine Werbung, die auf einem Wagenplatz spielte: Ein Hippie-Vater namens Kurt unterhielt sich mit seiner Tochter. Diese schwärmte ihm von all den Klassenkameraden vor, die in einem eigenen Haus lebten. Vater Kurt tat es ab mit einem "Alles Spießer!" – mit der Pointe, dass das Kind auch "Spießer" werden will, wenn es groß ist. 


Die Werbung war von einer Bausparkasse, daher ist es kein Wunder, dass sie einem suggeriert, die eigenen vier Wände wären mit das Beste, was Eltern für ihre Kinder tun können. Aber sind sie das das auch? 

Ich selbst bin ja seit kurzem Eigenheimbesitzerin – sogar mit Jägerzaun von den Vorbesitzern. Davor lebten wir mit Kind 1 und Kind 2 in einer wunderschönen Altbauwohnung inmitten der Stadt, hatten eine tolle Hausgemeinschaft und waren, wie man in Osnabrück so sagt, gut zufrieden. Jetzt wohnen wir in Suburbia in einem wunderschönen Haus, haben eine tolle Nachbarschaft und sind wieder gut zufrieden. Dazwischen waren Monate voller Renovierung und Verzweiflung, in denen die Kinder viel zu kurz kamen, wie ich hier schon einmal berichtete. 

Man könnte also sagen: Die Entscheidung, ein Haus zu kaufen, führte in den ersten Monaten zu Stress, Mehrarbeit und wenig Zeit für die Kinder. Ich vermute, dass es Hausbauern ähnlich gehen wird wie uns, die "nur" renoviert haben... 

"Wann fahren wir wieder nach Hause?"

Auch die ersten Wochen nach dem Umzug waren nicht so harmonisch, wie man es aus der Werbung kennt: Die Kinder fremdelten und waren komplett verstört, obwohl ihre Zimmer als erste fertig waren und sie das Haus eigentlich mochten. "Wann fahren wir wieder nach Hause?", war in dieser Zeit die Lieblingsfrage von Kind 2.  Kind 1 hingegen reagierte so sensibel wie selten auf jegliches Alltagsgeschehen, dass wir es nur mit Samthandschuhen anfassen konnten. Da wir zu den Eltern gehören, die immer nur so glücklich sind, wie unser unglücklichstes Kind, waren diese Wochen schlimm.

Über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

War unsere Entscheidung also falsch? Ich glaube nicht. Aber was sicher falsch ist, ist zu denken, dass ein Haus automatisch glücklich macht. Kinder brauchen kein Haus, um glücklich aufzuwachsen. Kinder brauchen ein Zuhausegefühl – und das kann überall entstehen – oder eben nicht... Bei uns hat es gute zwei Monate gedauert.

Natürlich ist der Besitz eines Hauses anders als die Anmietung einer Wohnung. Weniger Stress bedeutet er allerdings nicht: Statt den Vermieter machen zu lassen, muss man bei Defekten und Problemen selbst ran. Finanziell lohnt es sich ebenfalls nicht immer: Die Zinsen mögen niedrig sein, aber nicht jeder mag mit hunderttausenden Euro bei einer Bank in der Kreide stehen. Andererseits: Was man im Eigenheim macht, macht man eben für sein eigenes Heim. 

Bleibt die Frage: Mutiert man durch den Hausbesitz automatisch zum Spießer? Sicherlich in den Augen einiger. Aber eigentlich interessiert es doch nur Spießer, was die Leute über einen denken könnten.  

Deine Corinna

P.S.: Wie konflikterprobt sind Deine Kinder mit anderen Gleichaltrigen? Und wann schreitest Du ein?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind - 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen der NOZ erhältlich.


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