Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Sturmschaden mit Kind: Eine Deutsche-Bahn-Geschichte

Reisen mit der Bahn: Trotz Katastrophen findet unser Kolumnist es viel besser als Reisen im Auto. Illustration: Lilith BenedictReisen mit der Bahn: Trotz Katastrophen findet unser Kolumnist es viel besser als Reisen im Auto. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Auf hoher See und vor Gericht sind wir in Gottes Hand. Für die Deutsche Bahn gilt das erst recht. Eine Katastrophen-Geschichte auf Schienen.

In der letzten Woche hat unsere Elternkolumnistin bewiesen, dass eine Renovierung mit Kinder unmöglich ist, und ihren Brieffreund gefragt: „Machen Katastrophen dich nervös?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

kürzlich bin ich allein mit den Kindern verreist, und natürlich macht mich schon das zum umjubelten Helden. Zum einen, weil daheimgebliebene Partner sich da in Dankbarkeit überschlagen müssen. Zum anderen weil Kinder unterwegs ja wirklich noch anstrengender sind als zu Hause.

Wir wollten ans Meer. Auf hoher See und vor Gericht, sagt man, ist jeder in Gottes Hand. Wir waren einer noch weniger berechenbaren Schicksalsmacht ausgeliefert: der Bahn. Schon vor der Abfahrt hatte unser Zug eine Stunde Verspätung, und gerade der Wagen, in dem ich reserviert hatte, sollte fehlen. Umso leichter fiel die Entscheidung, gleich eine andere Strecke zu fahren. Zwar war auch der neue Zug ein paar Minuten zu langsam, so viele, dass der Schaffner über Funk den Anschlusszug verloren gab. Aber so was ficht mich nicht an. Mit der Bewunderung für reisende Alleinerzieher im Rücken habe ich mir alles zugetraut. Und wirklich ist mir in Hamburg das Meisterstück geglückt, treppauf, treppab, in unter zwei Minuten von Gleis 11 zu Gleis 7 zu jagen, auf dem Rücken den randvollen Rucksack, in jedem Arm ein randvoll gefressenes Kind. Als die Türen der Regionalbahn sich hinter uns schlossen, waren die Augen der Kinder von Begeisterung verklärt. Mein Hirn schwamm noch in Endorphinen, als meine Ausnahmeleistung sich als entsetzlicher Fehler erwies: Wegen Sturmschadens wurde der Zug am nächsten Vorortbahnhof gestoppt, wo man uns im eisigen Wind aussetzte. Eine Dreiviertelstunde haben wir in lebensgefährlicher Nähe zu den Gleisen rumgetobt, danach lange Minuten zur Musik der Eisenbahn-Hotline getanzt. Als endlich eine Servicekraft abnahm, wurden wir umgehend zur nächsten Hotline weitergeleitet. Neue Wartezeit: über 20 Minuten. Logisch, schließlich war Sturm.

In diesem Moment habe ich die Hoffnung auf Ersatzverkehr aufgegeben und mich einer Mitreisenden angeschlossen. Die wollte die Störung mit der U-Bahn umfahren. Leider lag auch hier irgendein Schaden vor. Mit unserer Weggefährtin haben wir uns in einen Imbiss gesetzt. Nach dem Essen kam dann ihr Mann und hat uns alle mit dem Auto nach Hause gebracht. Statt drei Stunden haben wir sechs gebraucht, es war längst Schlafenszeit, und meine Verwandtschaft postete im Whatsapp-Chat nur noch fiebrige Stoßgebete – wir drei gut gelaunte Reiseabenteurer aber freuten uns nur, neue Freunde gefunden zu haben. Das ist ja sowieso mein Grundgefühl, seit die Kinder da sind: Im Leben hat man über gar nichts Kontrolle. Dafür ist die Welt voller Menschen, die helfen. Die Ruhe dieser Gewissheit hat sich direkt auf meine Kinder übertragen. Ganz anders übrigens als noch vor ein paar Wochen. Da war ich mit derselben Zuversicht in einen Fahrstuhl gestiegen. Mit den Kindern. Und trotz des „Defekt“-Schilds ...

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Darf man Impfgegner zum Kindergeburtstag einladen?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind - 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN