Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Endlich erwiesen: Eltern schlafen mies

Kinderwunsch vs. Schlafbedürfnis: Eltern kommen nachts zu kurz. Illustration: Lilith BenedictKinderwunsch vs. Schlafbedürfnis: Eltern kommen nachts zu kurz. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Eine wissenschaftliche Studie verharmlost die grässlichen Nächte mit Kindern. Eine Gegenrede.

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn erläutert, warum sie nicht ihren Schwarm aus der fünften Klasse geheiratet hat und ihren Kollegen gefragt: „Laut einer Studie dauert es nach der Geburt des ersten Kindes bis zu sechs Jahre, bis Eltern wieder so schlafen können wie davor. Wie hältst Du Dich also wach?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

die Schlafstudie, die Du mir empfohlen hast, habe ich sofort gelesen. Zumindest unsere Berichterstattung darüber. Für wissenschaftliche Texte fehlt mir die Konzentration, weil ich seit fünf Jahren überhaupt nicht mehr schlafe. Insofern finde ich das Papier auch enttäuschend. Da steht ja nicht nur, dass Eltern bis zur Einschulung unter Schlafstörungen leiden – sondern auch dass ihnen am Ende pro Nacht so 20 (Mütter) beziehungsweise 15 Minuten fehlen (Väter). Mehr nicht? Dafür macht man eine Studie?

Bei mir ist es ganz sicher mehr. Wenn ich nachmittags betreue, verschiebt die Arbeitszeit sich regelmäßig bis tief in die Nacht. Früher habe ich Leute beneidet, die mit fünf oder drei Stunden Schlaf auskommen und deshalb schon mit dreißig Jahren Erfolge feiern, für die mein ganzes Leben nicht genug Wachphasen hätte. Der „Twilight“-Vampir Edward Cullen ist ja nur deshalb ein so überlegener Typ, weil er seit 100 Jahren 24 Stunden am Tag sein Klavierspiel verbessert. Meine Produktivität, das weiß ich inzwischen, lässt im Morgengrauen leider nach. Außerdem ist Nachtarbeit ein Teufelskreis. Wenn ich direkt vom PC ins Bett gehe, träume ich natürlich von der Arbeit. Zum Beispiel, dass ich im Schlafanzug im Büro erscheine. Grässlich. Oft kriege ich die Augen gar nicht mehr zu, weil ich vom vielen Denken überdreht bin. Oder zu voll. (Ich neige zu arbeitsbegleitenden Fressattacken.)

Dafür schlafe ich abends, wenn ich Gutenachtgeschichten vorlese, dann oft als Erster ein. Menschen ohne Kinder wissen das wahrscheinlich nicht: In der Übergangsphase kann man noch ein bisschen weiterlesen. Aber weil man da schon träumt, kommt nur noch Unsinn raus. Manchmal höre ich das wie von ferne selbst. Manchmal merke ich es erst, wenn die Kinder plötzlich elektrisiert auf mir sitzen und wissen wollen, was Michel aus Lönneberga nackt in meinem Büro treibt.

Bei uns hat das Schlafdefizit übrigens nichts mit dem Geschlecht zu tun. Wir stillen mittlerweile ja beide nicht mehr. In unserem Co-Sleeping-Haushalt zahlt stattdessen immer derjenige drauf, der das jüngere Kind im Bett hat. Wenn das sich nicht gleich auf einen drauflegt, hat es zumindest Durst, tritt oder will in den Arm genommen werden. Das zwingt einen in Rückenlagen, von denen man üble Verspannungen kriegt. Trotzdem muss ich sagen: Nichts beruhigt mich so wie der gleichmäßige Atem meiner Kinder. Ich werde sie vermissen, wenn sie irgendwann in ein eigenes Bett umziehen. Womöglich werde ich dann sogar noch müder sein als heute. Mit Kind schlafe ich zwar wenig, aber effizient. Ist doch logisch: Wir sind ja zu zweit. – So, Corinna, jetzt ist aber Schluss. Die Sonne geht auf, und ich muss die Augen schließen, wenn ich noch eindösen will.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Ihr renoviert – stehen Euch die Kinder dabei zur Seite? Oder im Weg rum?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


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