Vater Mutter, Kind: Elternkolumne Warum ich mein Kind einmal Chantal nennen wollte

Die Chantal der Jetzt-Zeit: Jella Haase in der Schulkomödie „Fack ju Göhte“. Verleih: Constantin FilmDie Chantal der Jetzt-Zeit: Jella Haase in der Schulkomödie „Fack ju Göhte“. Verleih: Constantin Film

Osnabrück. Osnabrück. Ist ihr Erwachsenenleben so, wie sie es sich als Kind vorgestellt hat? Glücklicherweise nicht, findet unsere Elternkolumnistin.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict sein Leid geklagt, weil die Kita seiner Kinder bestreikt wurde. Und dann Folgendes gefragt: „Bist Du heute die Erwachsene, die Du als Kind mal werden wolltest?“ Das ist die Antwort von Corinna Berghahn:

Lieber Daniel,

Was für eine Frage! Je älter man wird, desto jünger fühlt man sich doch. Zwar nicht körperlich, jedenfalls nicht nach zwei Geburten und mit zwei Kindern, deren Alltag neben dem eigenen Alltag organisiert werden will. Aber ich denke oftmals, wie unglaublich es ist, dass ich nicht mehr so jung bin, wie ich irgendwann einmal war. Manchmal fühle ich mich sogar wie eine Hochstaplerin, die erwachsen spielt, obwohl sie eigentlich lieber den ganzen Tag mit Fast Food vor dem Fernsehen hängen und Netflix glotzen würde. Was ich natürlich nie tue (bzw. zugeben würde)!

Doch zurück zur Frage: Ich glaube: Nein. Allein weil meine kindlichen Vorstellungen von „Erwachsen“ absolut schwammig waren. Früher dachte ich immer, ich werde mal drei Kinder haben, weil ich fand, dass die Ziffer drei sehr schön aussieht. Heute habe ich zwei Kinderr – und kann mir nicht vorstellen, noch mehr Liebe zu geben oder auf noch mehr Schlaf zu verzichten als jetzt schon.

Mit elf, zwölf Jahren war mir auch klar, dass ich einmal heiraten werde. Jetzt bin ich verwundert, dass ich es bin, da ich zwischenzeitlich vom Konzept Ehe gar nicht mehr überzeugt war. Und dazu kommen noch die Heiratskandidaten: Vor gut 25 Jahren waren das Jungs aus meiner Klasse, die ich heute nicht einmal mehr auf den alten Fotos zuordnen kann.

Warum ich das trotzdem so genau weiß: Beim Umzug fand ich ein altes Buch von mir wieder, in dem ich vor zwei Jahrzehnten diverse Listen ausgefüllt habe: Wie meine Kinder heißen werden, wo ich leben werde, was ich arbeite, mit wem ich immer befreundet sein werde – und eben auch, wen ich wohl mal heirate. All das ist – Überraschung – ganz anders gekommen.

Ich habe weder meinen Schwarm aus der fünften Klasse geheiratet, noch lebe ich im Haus meiner Eltern, viele allerallerbeste Freundschaften von damals sind eingeschlafen. Und – ein großer Segen – meine Kinder heißen weder Chantal-Louise noch Eve-Maxine. Damals waren das die schönsten Namen, die ich mir vorstellen konnte. 2011, als Kind 1 auf die Welt kam, war das glücklicherweise anders. (Weiterlesen: Matt-Eagle und Despot: So nennen Eltern ihre Kinder)

Zu meiner Ehrenrettung: In den frühen 1990er-Jahren war der Name Chantal noch nicht so verbrannt wie heute. Zudem hatte er, wie ich damals fand, eine schöne Ähnlichkeit zum Namen meines damaligen Lieblingsmalers Chagall. Mein erster Freund, Fan des Males Hundertwasser, tickte ähnlich: Er wollte sein Kind Friedensreich nennen. Lustig wäre es, hätten sich aus unserer Teenie-Liebe eine Teenie-Schwangerschaft entwickelt. Unser Kind namens Chantal-Friedensreich (oder umgekehrt) hätte spätestens mit sechs Jahren angefangen, uns zu hassen. Zu Recht.

Aber dieses Kind gibt es nicht – und mich als Kind auch nicht mehr. Wichtiger als die Frage, ob ich die Erwachsene geworden bin, die ich mir erträumt habe, ist sowieso, ob ich die Mutter bin, die meine Kinder brauchen. Mal sehen, wie sie und ich das in ein paar Jahrzehnten beurteilen.

Deine Corinna

P.S.: Laut einer Studie dauert es nach der Geburt des ersten Kindes bis zu sechs Jahre, bis Eltern wieder so schlafen können wie davor. Wie hälst Du Dich also wach?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.

Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.


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