Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Wie erkläre ich einem Kind den Holocaust?

Mit den Stolpersteinen für die Familie Flatauer begannen die Fragen, die das Kind der Elternkolumnistin stellte. Foto: Michael GründelMit den Stolpersteinen für die Familie Flatauer begannen die Fragen, die das Kind der Elternkolumnistin stellte. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Osnabrück. Beim Spazieren an Stolpersteinen fragt das Kind plötzlich, was denn genau mit den Menschen geschah, an die die Steine erinnern. Aber wie erklärt man einem Kind etwas, für das einen selbst Worte und Vorstellungskraft fehlen?

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict darüber gegrübelt, warum er nicht schon viel früher Kinder bekommen hat. Und dann unsere Kolumnistin gefragt: Haben Deine Kinder Dich schon mal gefragt, was die Stolpersteine vor den Häusern von Holocaust-Opfern bedeuten? Dies ist ihre Antwort:

Lieber Daniel,

Kind 1 besucht Grundschule und Hort in einem Stadtteil, in dem vor gefühlt jedem fünften Haus ein Stolperstein verlegt ist. Das fiel ihm natürlich seit dem ersten Schulweg auf. Und mir auch: Vor der Schulzeit von Kind 1 hatte ich die Steine und die Geschichten, die sie erzählen, nie wirklich wahrgenommen. Mein Interesse war geweckt – und dank Kind 1 und unsere Wege durch das Viertel habe ich monatelang eine der Familiengeschichten recherchiert, bis ein langer Artikel über eine vertriebene und ermordete Familie und ihr ehemaliges Haus entstand. (Weiterlesen: Warum steht mitten im Katharinenviertel ein Haus seit Jahren leer?)

Als der Artikel erschienen war, nahm ich Kind 1 mit zum Putzen der vor dem Haus verlegten Stolpersteine. Damals war Kind 1 sechs Jahre jung – daher rechnete ich nicht damit , dass es mich bei der kompletten und deutlich über eine Stunde dauernden Veranstaltung begleiten würde. Doch es wollte wissen, wer wo gewohnt hatte – und fand es faszinierend, dass selbst spackige Steine nach der Behandlung im schönsten Gold glänzten.

Was es damals mitbekam war, dass die Menschen, deren Namen es nun lesen kann, einst dort wohnten – und ermordet wurden. Das Wie war nie das Thema. Bis wir im vergangenen Herbst wieder einmal Hand in Hand vom Hort nach Hause spazierten, und es mich fragte: „Und wie genau sind die gestorben?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Kann ich einem sechsjährigen Kind, das bis dato persönlich nie gemerkt hat, dass die Welt böse sein kann und Menschen sich wie Unmenschen benehmen können, kann ich so einem Kind also sagen: Nun, diese Menschen, Mamas, Papas, Geschwister, Omas, Opas und Babys wurden erst all ihrer Habseligkeiten, ihrer Rechte und ihrer Würde beraubt, dann wie Vieh in Lager gebracht, dort unter anderem in mit Gift gefüllten Duschen erstickt, damit man ihre Leichen in Massengräber verscharren oder in Öfen verbrennen konnte?

Nun, ich konnte es nicht. Auch wenn es stimmt. Alles, was ich konnte, war: „Diese Menschen starben so schlimme Tode, dass ich Dir erst genau davon erzählen mag, wenn Du etwas größer bist.“ Vielleicht war das falsch, auf jeden Fall war es hilflos. Aber ich kann es ja selbst kaum fassen, was damals passiert ist.

Doch was ich weiß, ist, dass es nie wieder geschehen darf. Deshalb werde ich es Kind 1 und später auch Kind 2 erzählen, genauer gesagt: Ich werde es ihnen zeigen. Wenn Kind 1 älter wird, besuchen wir eine Gedenkstätte. Ich erinnere mich noch an meine Fassungslosigkeit, als ich in Buchenwald vor einem einzelnen Kinderschuh stand. Das ist nichts, was Spaß macht. Aber es ist wichtig, gerade heute wieder, wo die letzten Zeitzeugen sterben und sogar Politiker des Deutschen Bundestages diesen Teil der deutschen Geschichte relativieren. Meine Kinder sollen wissen, was passiert ist –damit sie hoffentlich nie dieselben Fehler machen, wie einst Millionen von Deutschen.

Deine Corinna

PS: Was ist Deine schlimmste Bestrafung, wenn Deine Kinder Bockmist gebaut haben?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


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