Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Mit 40 oder mit 20 Jahren Vater werden: Was ist besser?

Lieber schon in jungen Jahren Vater werden? Unser Elternkolumnist hat’s verpasst. Illustration: Lilith BenedictLieber schon in jungen Jahren Vater werden? Unser Elternkolumnist hat’s verpasst. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Wäre man als junger Mann ein besserer Vater gewesen? Und wie sinnvoll ist es, darüber nachzudenken?

In der vergangenen Woche votierte Corinna Berghahn für einen Schulbeginn jenseits der Nachtruhe und fragte ihren Brieffreund: „Wärst Du lieber schon mit Anfang 20 Vater geworden?“ Dies ist die Antwort von ihrem sehr alten Kollegen Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

wäre ich lieber mit Anfang 20 Vater geworden anstatt mit Ende 30? Zeit dafür wäre jedenfalls reichlich gewesen. Ich habe sehr lange studiert und wenig mit den Jahren angefangen. Mit Kind hätte es auch nicht länger dauern können. Dafür wüsste ich jetzt wenigstens, warum ich nicht mal ein Auslandsjahr hinbekommen habe und mich zur Strafe in jedem Interview mit meinem Englisch blamiere. Zum Beispiel, indem ich Geraldine Chaplin frage, ob sie noch ihrer verpassten Bauchtanz-Karriere nachtrauert („belly dancer“), obwohl sie Ballerina war („ballet dancer“).

Ich selbst neige leider stark zum melancholischen Rückblick und schiebe meine Unzufriedenheit gern auf jugendliche Versäumnisse. Hätte ich als Schüler lieber Vibrafon lernen sollen, statt „Love Boat“ zu gucken? Warum bin ich im Jugendclub am Stadttheater nicht mit den erwachsenen Schauspielern rumgezogen – so wie mein bester Freund, der jetzt Regisseur ist? Und warum wollte ich so lange keine eigenen Kinder haben? Inzwischen macht mir nichts mehr Spaß, als meine Nachmittage beim Basteln zu verbummeln. Das hätte ich schon früher haben können.

Allerdings nicht mit den zwei Kindern, die ich heute habe. Wer einmal „Zurück in die Zukunft“ gesehen hat, kennt die Konsequenzen: Sobald man an seiner Vergangenheit dreht, bezahlt man es mit dem Verlust von allem, was man in der Gegenwart liebt. Wenn man wie Michael J. Fox den eigenen Eltern rückwirkend in ihre Liebe pfuscht, sogar mit dem Ich-Verlust. Das sage ich mir jetzt immer, wenn ich meine verpassten Chancen beklage: Wäre ich auf einem Lehrstuhl gelandet, im Ausland oder wenigstens bei einer überregionalen Zeitung – dann hätte sich auch der Rest meines Lebens anders entwickelt. In den entscheidenden Momenten, als meine Kinder gezeugt wurden, wäre ich mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht am Platz gewesen. Insofern immunisieren die beiden mich gegen falsche Reue: Meine Fehlentscheidungen können keine gewesen sein, wenn sie mir in der Summe meine Familie eingebracht haben.

Trotzdem gebe ich zu: Der Gedanke, dass ich andere Kinder hätte haben können, die ich nun nie kennenlerne, löst in mir Schwindelgefühle aus. In einem unbeobachteten Moment habe ich eben mal „Sperma“ gegoogelt. Und rausgefunden: In seinem Leben produziert ein einziger Mann so viele Samenzellen, dass er ein Vielfaches der Weltbevölkerung zeugen könnte. Jeder von uns lebt auf Kosten von Milliarden unverwirklichter Biografien. Ein hoher Preis. Jetzt sind wir da und müssen das Beste draus machen.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Harter Themenwechsel – haben Deine Kinder Dich schon mal gefragt, was die Stolpersteine vor den Häusern von Holocaust-Opfern bedeuten?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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