Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Der täglich K(r)ampf am Morgen, oder: Warum startet die Schule so früh?

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Erste Stunde: Hefte raus und drauf gelegt. Foto: Colourbox.deErste Stunde: Hefte raus und drauf gelegt. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Der frühe Vogel fängt den Wurm? Kann sein. Das frühe Aufstehen an einem Schultag wurmt jedenfalls unsere Elternkolumnistin. Warum muss in Deutschland die Schule auch so früh starten?

In der vergangenen Woche wurde Daniel Benedict ganz sentimental, als er über die Vergänglichkeit des Lebens sinnierte – bis er unsere Kolumnistin dann fragte: Apropos Zeit – wie schafft Du es bloß, jeden Tag dein Schulkind pünktlich abzuliefern. Das ist ihre Antwort:

Lieber Daniel,

Kind 1 geht gerne in die Schule. Es mag Lehrer, Mitschüler und die Betreuung am Nachmittag. Es lernte gerne, mag Diktate selbst dann noch, wenn seine Fehlerquote groß ist. Aber an eine Sache kann es sich nicht gewöhnen: das frühe Aufstehen. Ich glaube, nur die ersten drei Tage seines Schülerlebens war das Aufstehen kein Drama, da damals noch die Freude, endlich ein Schulkind zu sein, alle Müdigkeit verdrängte.

Seitdem erinnert ein typischer Morgen bei uns regelmäßig an ein Untoten-Drama. 6.30 Uhr: Licht an im Kinderzimmer. Kind 1 schreit auf, grummelt und versteckt sich unter den Decken. Wir flöten: Aufstehen. Kind 1 gnarzt zurück und versteckt sich unter noch mehr Kissen. Wir legen die Klamotten des Tages auf sein Bett (den Anfängerfehler, diese erst am betreffenden Morgen rauszusuchen, machen wir nicht mehr, oh nein!), und verlassen erst mal das Zimmer, denn hier werden wir eh nur angegrunzt.


Wenn Kind 1 es schafft, gegen 7.15 Uhr angezogen am Frühstückstisch zu sitzen, sind wir schon froh. Wenn es dann noch etwas isst, gegen 7.30 Uhr die Zähne putzt und sich wäscht, gar ekstatisch. Glücklicherweise ist die Schule nah. Trotzdem kamen wir auch schon zu spät. Denn es gibt ja noch Kind 2, dass ebenfalls fertiggemacht und weggebracht werden muss. Beides am Morgen unter Zeitdruck zu bewerkstelligen, kann enervierend sein, trotz niedlicher Momente. Besonders in den dunklen Wintermonaten, verstärkt an den Tagen, wenn das nass-kalte Wetter einem eh dazu anhält, lieber liegen zu bleiben.

Sollte Kind 1 früher ins Bett gehen? Nein, es schläft ja eh schon gegen 20 Uhr ein. Es hilft auch nichts, noch früher aufzustehen, das haben wir versucht und das Kind und damit uns an den Rand des Wahnsinns getrieben. Stattdessen lässt jede Minute, die wir Kind 1 am Morgen lassen, es verträglicher aufstehen.

Es ist einfach die Uhrzeit: Wer kein geborener Frühaufsteher ist, hat es in Deutschland schwer. Sogar ich als Frühaufsteher erinnere mich noch sehr genau an dieses Gefühl aus meiner Schulzeit, wenn der Unterricht um 7.45 Uhr startete und die komplette Klasse im Zombie-Modus vor sich hinstarrte. Geistig waren die Meisten sicher nicht da, und gelernt wurde in diesen ersten Stunden wohl auch weniger. Eine Studie der Universität Leipzig besagt sogar, dass schon eine halbe Stunde weniger Schlaf die Leistungsfähigkeit in der Schule um 30 Prozent reduziere. Ein Schulgebinn um 9 Uhr wäre daher ein Traum – für meine Familie jedenfalls. Entspannte Kinder, entspannte Lehrer (auch die müssen doch müde sein), entspannter Start in den Tag.

Den wird es aber nie geben, mögen Schlafforscher und Entwicklungspsychologen noch so viel eruieren. So nannte der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes einen Vorstoß dazu „ eine überflüssige Luftnummer. Wegen der engen Koppelung von beruflichen Arbeitszeiten und Schulbeginn, der Taktung der Schulbusse und der Tatsache, dass ein späterer Unterrichtsbeginn zwangsläufig zu permanentem Nachmittagsunterricht führt“.

Seltsam, dass andere Länder einen späteren Beginn trotzdem hinbekommen. Unser ordentlicher deutscher Morgen wird so wohl weiterhin spätestens um 6.30 Uhr mit müden Kindern und gestressten Eltern beginnen.

Deine Corinna

P.S.: Du bist, verzeih, nicht mehr der Allerallerjüngste: Wärst Du lieber schon mit Anfang 20 Vater geworden?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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