Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Darf man Kindern mit der Polizei drohen?

Meine Nachrichten

Um das Thema Familie Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Von wegen böser Schutzmann: Eine Siebenjährige hatte sich mit diesem Bild im Frühling bei der Polizei Bremervörde bedankt, nachdem ihre afghanische Familie nach einem Brand in Sicherheit gebracht worden war. Foto: Polizei Bremervörde/dpaVon wegen böser Schutzmann: Eine Siebenjährige hatte sich mit diesem Bild im Frühling bei der Polizei Bremervörde bedankt, nachdem ihre afghanische Familie nach einem Brand in Sicherheit gebracht worden war. Foto: Polizei Bremervörde/dpa

Osnabrück. Die Angst vor einem ominösen Schutzmann kennt unsere Elternkolumnistin noch aus der Kindheit. Aber besser ist es, die Polizei aus der Erziehung rauszuhalten.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict über seine materialistischen Kinder und ihre Weihnachtswünsche gestöhnt – und unsere Kolumnistin dann gefragt: In Hamburg hat die Polizei einen Kinderstreit um ein Dreirad geschlichtet. Bei welchem Verbrechen wählst du die 110? Das ist ihre Antwort:

Lieber Daniel,

als ich diese Meldung las, musste sie sehr lachen: Zwei Kinder hatten sich in einem Hamburger Kindergarten um ein Dreirad gestritten. Am Ende hatte eines eine Schramme im Gesicht und die Polizei musste kommen, weil eine Mutter das verlangte. Nun, das ist wohl der klassische Fall von „Mit Kanonen auf Spatzen zielen“. Einerseits.

Andererseits wurde in meiner Kindheit bei Nichtbenehmen quasi tagtäglich mit „dem Schutzmann“ gedroht. Ich wollte an der Straße nicht an Omis Hand? Der Schutzmann kommt. Ich wollte keinen Mittagsschlaf halten? Omi ruft den Schutzmann. Irgendwer spurte nicht so, wie Omi wollte? Schutzmann! Dieser, so die Omi, würde mich und meine Geschwister dann festnehmen und in eine Zelle bei Wasser und Brot stecken.

Ganz geglaubt haben wir ihr das nie, doch wir spürten: Schutzmänner meinen es nicht gut mit uns, und die Polizei ist eher gegen Kinder. Dieses Gefühl harmonierte auch zu all den von uns rauf und runter gehörten Hörspielen, in denen Kindergruppen mit Tierverstärkung Verbrechen lösten, die die trotteligen und fiesen Dorfpolizisten erst gar nicht bemerkt hatten. Zudem passte es zu einer Generation, die – wie meine im Jahr 1912 geborene Omi – eine Polizei erlebt hat, die sich nicht immer für Bürgerrechte eingesetzt hat.

Trotzdem: Der Einsatz der Polizei bei der Kindererziehung sollte immer überdacht werden. Das ist ja auch schon länger bekannt: Warum Angst bei Kindern erzeugen, wenn die Polizei doch dein Freund und Helfer sein soll, dem sich Kinder in Gefahrlage anvertrauen sollen? Das weiß auch die Polizei, die immer mal wieder darum bittet, dass Eltern sie nicht als Buhmann im Erziehungsalltag missbrauchen.

Die Mutter in Hamburg wollte, so vermute ich, sicher nicht ihr Kind ängstigen, sondern das andere in seine Schranken weisen. Das ist natürlich Quatsch, denn die Polizei hat sicher Besseres zu tun, als Streitschlichter zu spielen. Außerdem: Was lernt ein Kind denn über Streiten und Vertragen, wenn gleich nach einer oberen Instanz gerufen wird? Bestimmt nicht, wie man Streitsituationen löst. Und sicher erhöht es auch nicht das Renommee von Eltern und Erziehern als Streitschlichter.

Doch wen rufen Eltern an, wenn sie verzweifeln? Beispielsweise bei Trotzanfällen des Kindes, die einen an den Rand des Wahnsinns treiben. Dort, also am Rand, lebten wir in den vergangenen Wochen, denn wir alle waren immer wieder krank und entwickelten akuten Lagerkoller. Dieser entlud sich mehrere Male in Gebrüll (alle), Treterei (Kind 2), Kneifen (auch Kind 2) und Tränen (fast alle). (Weiterlesen: Was tun bei der Wut aufs Kind?)

Wenn ich es so Recht bedenke, ist die Idee mit der Polizei villeicht doch nicht so falsch und ich hätte sie einfach anrufen sollen. Natürlich nicht für meine Kinder, sondern für mich. Dann hätte der Schutzmann die Drohung aus meinen Kindertagen wahr machen können und ich hätte in der Zelle bei Wasser und Brot endlich wieder Ruhe gehabt...

Deine Corinna

P.S.: Wird euer Weihnachten besinnlich?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN