Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Müssen Väter Helden sein? Die Kinder der PJ-Masks-Ära

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Eulette, der rote Star der PJ Masks: Sind das die Vorbilder, an denen Kinder ihre Eltern messen? Illustration: Lilith BenedictEulette, der rote Star der PJ Masks: Sind das die Vorbilder, an denen Kinder ihre Eltern messen? Illustration: Lilith Benedict

Berlin. PJ Masks, Ninjago und Feuerwehrmann Sam: Was sind die pädagogischen Folgen eines Lebens mit Lichtgestalten?

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn über den Horror des Jacken-Anziehens gesprochen und ihren Brieffreund gefragt: „Warst Du als Papa schon mal der Held Deiner Kinder?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

schön, dass Du nach Helden fragst. Meiner Meinung nach gibt es zu viele davon: Feuerwehrmann Sam, Ninjago, Superwings – wir sind von Lichtgestalten umzingelt. Meistens treten sie sogar im Team auf, weil man sie anders gar nicht mehr sortiert kriegt. Die PJ Masks sind ein Trio, die Paw Patrol geht zu sechst auf Streife. Ich wundere mich keine Sekunde über die Zahl der ADHS-Diagnosen. Als Erklärung reichen mir die narzisstischen Selbstdarsteller, die auf den Schlafanzügen von Kita-Kindern herumtoben.

Was mich am meisten kränkt, ist die Unterschätzung der letzten Normalos, für die in den Superwelten überhaupt noch Platz ist. Irgendeiner muss sich ja in Lebensgefahr bringen, damit all die Helden nicht vor Langeweile irrsinnig werden. Keiner würdigt diesen Beitrag zum Miteinander in Pontypandy und der Adventure Bay. Im Gegenteil: Selbst zweitbeste Helden gelten nichts mehr. Als ich meinen Kindern einen Lego Super Hero schenken wollte, musste ich zwei Zweier-Sets kaufen – weil es Tränen gibt, wenn einer Batman kriegt und der andere nur Harley Quinn. Einerseits.

Andererseits lege ich es selbst natürlich auch auf Heldentum an. Gerade erst waren wir als Geburtstagsgäste in einer Indoor-Kinderhölle. Es gab einen Flummi-Automaten und ein Bällebad, das alle Flummis sofort wieder verschluckt hat. Fröhlich habe ich zugesehen, wie eine Mutter unter dem Geschrei ihres Sohnes in den fettigen Bällen herumstorchte. Je erfolgloser sie tastete, desto unruhiger wurde ich selbst. Bald verschwand die Mutter wieder am Kaffeetisch – und ich in den Bällen, um meine profunden Theorien zur Strömungslehre zu testen. Ich will mir nicht schmeicheln, aber nach 20 Minuten war ich der verschwitzte Retter von sieben Flummis, einer Little-Pony-Figur, eines Hausschuhs, einer Puppensandale, dreier Smarties, eines Lollis (originalverpackt), einer Haarspange, einer Barsumme von 15 Cent, vierer Socken (darunter ein vollständiges Paar) sowie eines Spielzeugautos, an dessen Steuer Eulette von den PJ Masks gerade zum nächsten Einsatz rast. Das habe ich meinem Sohn geschenkt und war damit für ihn – wie wir in solchen Momenten sagen – der Held.

Man schmunzelt ja gern über die Ich-Bezogenheit von Kita-Kindern, die ihre Bedürfnisse für den Angelpunkt des Weltgeschehens halten. Da vergisst man dann leicht, wie sehr sie einen selbst ins Zentrum einer Liebe stellen, deren Bedingungslosigkeit abhängig macht. Irgendwann ist der Rausch vorbei. Ihnen begreiflich zu machen, dass sie keiner der Platzhirsche aus ihren Serien sind, wird haarig genug. Noch schwerer dürfte mir ihre Einsicht werden, dass auch ich vollkommen durchschnittlich bin. In zehn Jahren wissen sie’s. Ich fürchte mich jetzt schon vor ihrer Enttäuschung.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Haben Deine Töchter ihre erste GNTM-Folge schon hinter sich?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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