Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Eltern unterm Sofa: Wer Kinder hat, muss Dinge suchen

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Wo ist die Brille? Wer Kinder hat, findet nichts mehr, muss aber viel öfter suchen. Illustration: Lilith BenedictWo ist die Brille? Wer Kinder hat, findet nichts mehr, muss aber viel öfter suchen. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Eltern verbringen viele Stunden des Tages damit, Dinge zu suchen, die ihre Kinder verbummeln. Immerhin: Eltern finden auch viel. Freunde. Und vielleicht auch sich selbst.

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn über verzweifelte Kuscheltier-Suchen im Ausland berichtet und ihren Brieffreund gefragt: „Wer verliert und findet denn in Deiner Familie die Dinge?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict

Liebe Corinna,

wer bei uns Dinge findet und verliert, ist in einem Wort geklärt: ich. Um ein Haar wäre das heute sogar mein einziges Wort geblieben. Am Morgen war meine Brille weg – verschwunden von der Fensterbank, an der die Kinder schwungvoll das Rollo hochschnappen ließen. Vor dem geistigen Auge sah ich Glasbausteine von minus zwölf Dioptrien katapultartig ins Chaos schießen; vor dem echten sah ich logischerweise nur Nebel. Allein die übersinnliche Wahrnehmung des Halbblinden ließ mich die im Heizkörper verkanteten Bügel wittern.

Dass ich wieder sehe, hat dann auch bei der Suche nach meinem Portemonnaie geholfen. Das war schon seit einigen Tagen verschwunden. Und hier merkt man mal wieder, wie gelassen man mit Kindern wird, nur weil immerzu noch dringlichere Probleme zu lösen sind. Gesucht habe ich wirklich erst, als das lose Bargeld aufgebraucht war, das sich bei mir immer unten im Rucksack sammelt. Natürlich hätte meine EC-Karte längst in den Geldautomaten Nowosibirsks stecken können. Tatsächlich ist es aber viel wahrscheinlicher, dass wirklich wichtige Dinge unter Transformers und drecksteifen Socken liegen. So wie ja mein ganzes Leben gerade im Streit um Fruchtgummi-Limits und die Anschaffung von Plastikmonstern verschüttgeht. Scheckkarten-Betrüger fürchte ich jedenfalls schon deshalb nicht, weil im Portemonnaie auch die Zoo-Jahreskarten stecken, auf jeder ein wunderschönes Kinderfoto. Wer das sieht, begeht kein Verbrechen mehr.

Ich bin überhaupt ein obsessiver Sucher. Im Urlaub laufe ich ganze Steilküsten nach verwehten Flugkreiseln ab. Meine jüngsten Heldentaten sind die Rettung der Kinderwagen-Plane sowie die Heimführung eines Turnschuhs, der mehrere Nächte unter der Brücke geschlafen hat. Für die Kinder ist meine Begabung Fluch und Segen zugleich. Einerseits beschaffe ich Schnuller auch und gerade nachts schnell und zuverlässig. Andererseits reagiere ich auf verlorene Lego-Helme noch zorniger als darauf, dass Woolworths singender Sommerhit-Roboter „DGTAL Warror 08“ immer noch an seinem Platz ist. Wie sehr wir auch darum beten, dass ihn endlich einer verbummelt.

Vieles entdeckt man ja auch, ohne dass es vorher verloren gegangen wäre. Freunde zum Beispiel. Zurzeit reicht es, einen Ball auf den Spielplatz zu legen, schon machen wir tolle Bekanntschaften. Und irgendwie findet man sich an der Hand von Kindern sogar selbst. Nie war ich mehr der Mensch, der ich sein möchte, als an dem Tag, als Puppentheater und Flohmarkt zusammenfielen. Erschöpft sind wir abends nach Hause gefahren, der Bus voller Freunde, der Kopf voll Abenteuer, die Taschen schwer von schönem Tand, unter dem jetzt ungeöffnete Rechnungen verschwinden.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Es wird ungemütlich. Gibt es irgendein Familienspiel, das Deine Leidenschaften und die der Kinder gleichermaßen bedient?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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