Gefährlicher Film? Warum die Impf-Doku „Eingeimpft“ für Debatten sorgt

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David Sieveking – in Karnevalsverkleidung – und seine Tochter Zaria in einer Szene des Film „Eingeimpft“. Foto: Flare Film/Adrian StähliDavid Sieveking – in Karnevalsverkleidung – und seine Tochter Zaria in einer Szene des Film „Eingeimpft“. Foto: Flare Film/Adrian Stähli

Osnabrück. Impfen oder nicht? Das ist die Frage des Dokumentarfilms „Eingeimpft“, in dem Regisseur David Sieveking seine Familie und sich selbst bei der Antwortsuche zeigt. Der Film sorgt für viel Kritik – und hinterlässt ein mulmiges Gefühl.

Nach einer Tetanusimpfung wird die schwangere Freundin des Filmemachers David Sieveking krank, erleidet dann noch Frühwehen und darf bis wenige Wochen vor der Geburt nicht mehr aufstehen. So wird es einem in der Doku „Eingeimpft“ gezeigt – und auch, wenn Sievekings Stimme aus dem Off sagt, dass zwischen Impfung und Erkrankung kein Zusammenhang bestehe, hinterlassen die Bilder ein mulmiges Gefühl beim Betrachter. 

Das mulmige Gefühl

Dieses Gefühl lässt einen auch die restliche Laufzeit der Dokumentation nicht mehr los. Doch womit Filmemacher Sieveking wohl nicht gerechnet hat, ist die Debatte, die Film und das dazu erschienene Buch gleichen Titels ausgelöst haben. Selbst der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte äußert sich und bemängelt, dass der Film „die große Chance verpasse, dem Publikum durch ausgewogene, wissenschaftlich gesicherte Informationen die Bedeutung des Impfens zu erklären“. 

Andere Kritiker gehen noch weiter: Die Zeit attestiert dem Film einen "Anti-Impf-Lobbyismus statt Aufklärung", die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht von einem "Film mit Nebenwirkungen" und der Tagesspiegel hält den Film für „unterhaltsam, aber auch gefährlich“.

Naiver Vater, ängstliche Mutter

In dem Film geht es um die – in weiten Teilen der Welt durchaus noch über Leben oder Tod entscheidende – Frage: Impfen oder nicht? Denn Sieveking und seine Lebensgefährtin Jessica de Rooij werden Eltern – und sind sich bei einer Untersuchung von Tochter Zaria uneinig, ob das Kind nun geimpft werden soll. Schließlich wurde die werdende Mutter nach der Impfung sehr krank. Als Zuschauer wird man Zeuge dieser Familiendiskussion zwischen naiv-freundlich agierendem Vater und ängstlicher Mutter. 

Tochter Zaria soll nun doch geimpft werden. Foto: Flare Film/Adrian Stähli

Dass diese Szenen zwischen dem Paar sich immer wieder wiederholen – und dabei teilweise arg vorgespielt wirken–, erklärt sich vielleicht mit dem Hang des Regisseurs zu autobiographischen Dokumentationen, in denen seine persönlichen Gefühle und hier eben auch die seiner Familie mindestens eine so große Rolle spielen, wie das eigentliche Thema.  (Weiterlesen: Ohne Impfung gibt's in dieser Kita keinen Platz)

Unbehagen versus Wissenschaft

Das kann charmant wirken, vielleicht auch lustig, doch in diesem Fall dann auch fatal: Denn Sieveking – ein fleißiger Rechercheur, wie der Film zeigt – macht es sich etwas zu einfach, indem er immer wieder seine und in besonderem Maße hier die eher diffusen Ängste seiner Frau „vor Chemie“ im Kind über wissenschaftliche Erkenntnisse stellt. Statt zu fragen, was das Kind denn nun am besten schützt, wird eher das Unbehagen der Mutter und später auch des Vaters mit der Impfung thematisiert.

Sieveking spricht mit diversen Experten, stellt dabei aber Wissenschaftler des Robert-Koch-Institutes, dessen Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland über Impfempfehlungen entscheidet, mit Rednern eines Symposions über mögliche Impfschäden gleich. Eine Veranstaltung, die vom Children's Medical Safety Research Institute (CMSRI) gesponsert wird - einer Organisation, dessen Gründerin Impfungen als „Holocaust des Gifts für die Gehirne und Immunsysteme unserer Kinder" bezeichnet hat. Diesen Zusammenhang thematisiert Sieveking nicht. Und während der Film immer mehr den Eindruck vermittelt, dass Unternehmen und Institutionen Kritik an Impfungen nicht zulassen und sämtliche Absprachen dazu hinter verschlossenen Türen stattfinden, klärt Sieveking nicht darüber auf, dass auch Impfgegner über Lobbys verfügen und viele der Thesen wissenschaftlich nicht haltbar sind.  (Elternkolumne: Warum ich Impfgegner nie verstehen werde)

"Eine tolle Idee, aber..."

„Sieveking ist ein erfahrener Dokumentarfilmer. Er muss wissen, dass all die formulierten Befürchtungen und das Unbehagen gegenüber wissenschaftlichen Institutionen ein Gefühl des Unbehagens gegenüber Impfungen generell hinterlassen können“, findet Ärztin Natalie Grams im Gespräch mit unserer Redaktion. Grams, früher überzeugte Homöopathin, setzt sich heute für Aufklärung rund um Alternativmedizin ein. „Als ich von dem Film gehört habe, war ich ganz begeistert, denn die Idee, dass man anhand einer persönlichen Familiengeschichte über das Impfen aufklären kann, ist toll.“

Doch mit dem Ergebnis ist sie nicht zufrieden: „Es werden längst widerlegte Thesen in den Raum gestellt, es werden Ängste formuliert, die dann einfach stehen gelassen werden. Und das Gefühl eines Laien, der sich informiert hat, wird über die Erkenntnisse langjähriger und immer wieder neuausgeführter Studien gestellt.“ Das mache den Film nicht nur höchst unwissenschaftlich, sondern auch gefährlich, denn „Impfen ist keine Pflicht – was ich sehr begrüße -, aber es ist eine Chance für das eigenen Kind wie für die gesamte Bevölkerung.“

Wer mehr fühlt, hat trotzdem nicht mehr Recht. Natalie Grams, Ärztin

Kann sie denn Sievekings Skeptizismus gegenüber Impfungen verstehen? „Ja, ich bin vom Beruf aus Skeptikerin. Aber zur Wissenschaft gehören Tatsachen – und Tatsache ist, dass Impfungen immer verbessert werden – und dass sie Millionen von Todesfällen und schweren Erkrankungen mit Folgeschäden verhindert haben und verhindern können. Dem nun die persönlichen Ängste und Befürchtungen gegenüber zu stellen ist gefährlich und kann ansteckend sein. Denn was ist, wenn Zuschauer nach Betrachten des Films diese Tatsachen anzweifeln?“ 

Woher kommt das Unbehagen vor Impfungen?

Im Film findet David Sievekings Familie eine eigene Impflösung: Die Kinder werden geimpft, aber viel später und weniger als empfohlen. Denn ein Impf-Gegner ist Sieveking nicht, selbst wenn Kritiker ihm das vorwerfen. Trotzdem ist es eine filmische Lösung des familiären Konflikts, die Grams nicht gutheißen will: „Das mag bei dieser Familie funktionieren, ist aber kein Weg für alle, wie der Film suggeriert: Die Impfempfehlungen der unabhängigen Impfkommission Stiko werden aus guten Gründen gegeben - und schützen uns alle, nicht nur die eigene Familie“, erklärt Grams.

Doch woher kommt dieses Unbehagen vor Impfungen, das Teile der Gesellschaft befallen hat und zu den seltsamsten Internetseiten voller Verschwörungstheorien führt? Natalie Grams erklärt es sich so: „Beim Impfen des Kindes wollen viele zeigen, dass es ihr Recht ist, zu entscheiden, wie sie es machen. Und das ist es ja auch. Aber wer mehr fühlt – in diesem Fall eben Angst und Unbehagen–, hat trotzdem nicht mehr Recht.“


Eingeimpft - Familie mit Nebenwirkungen; 95 Minuten, Farbfilm-Verleih; ab dem 13. September 2018 in den Kinos


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