Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Gewissensfrage: Dürfen Kinder Ameisen töten?

Von Daniel Benedict

Dürfen Kinder Ameisen töten? Illustration: Lilith BenedictDürfen Kinder Ameisen töten? Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Kinder erforschen die Tierwelt – mitunter mit tödlichen Folgen für Ameisen, Asseln und Regenwürmer. Wie reagiert man richtig?

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn erklärt, wie man unterschiedlich alte Kinder im Urlaub amüsiert und ihren Brieffreund gefragt: „Töten Deine Kinder Ameisen?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

nichts reizt meine Neugier stärker als das mysteriöse Murmeln schlafender Kinder. Meine reden oft im Schlaf, und morgens frage ich, was sie geträumt haben. An guten Tagen improvisieren sie mitreißende Abenteuer, die allerdings unübersehbar erfunden sind. An schlechten sagen sie: „Nüx“. Man liest ja immer, dass Kinder ständig von Tieren träumen. Woher auch immer die Wissenschaft das weiß, von Kindern sicher nicht. Vermutlich handelt es sich um bezahlte Studien internationaler Flauschkartelle, die den Kuscheltier-Verkauf ankurbeln sollen. Umgekehrt bin ich sicher, dass Tiere von Kindern träumen – zumindest, wenn sie unruhig schlafen. Aus der Sicht einer Assel gibt es schließlich keinen schlimmeren Nachtmahr als Babys, die den Pinzettengriff üben.

Wir untersuchen selbst gern Tausendfüßler und Spinnen. Immer stehe ich angstvoll daneben, erkläre, mahne und schreie auf, wenn das Tierwohl in Gefahr ist – also durchgehend. Gerade eben habe ich eine Lebendfalle gebaut, um die Fruchtfliegen-Kolonie aus unserer Küche verlustlos ins Freie zu migrieren. Nenn es spleenig, aber es ist immer noch besser als das andere Extrem: In der Generation meiner Mutter haben Kinder Frösche mit Luftpumpen gequält. Und noch in meiner Jugend hat ein Freund Ameisen mit dem Brennglas getötet und sich stumpfen Blickes am Geruch berauscht. Serienmörder fangen bekanntlich genauso an.

Trotz größter Vorsicht und bester Absichten kostet auch unsere Naturerkundung Leben. Ich selbst habe neulich das Marmeladenglas-Terrarium unseres Knospenrüsslers auf eine Fensterbank gestellt, auf die am nächsten Morgen die Sonne brannte. Sein Tod hat in mir ein Entsetzen ausgelöst, das sich direkt auf die Kinder überträgt. Danach haben sie geweint, als sie versehentlich eine Schlupfwespe zerdrückt hatten. Mein Schuldgefühl gegenüber den Kindern war dann noch größer als das gegenüber dem Käfer. Wenn sie in dieser Nacht von Tieren geträumt haben, waren es hoffentlich keine toten Insekten. Dass Kinder sich so stark mit Tieren identifizieren, muss ihnen die Missgeschicke wie ein schweres Verbrechen erscheinen lassen. Dabei b belastet unser Gewissen tatsächlich ja sehr viel mehr. Heute gab‘s beispielsweise Spaghetti Bolognese zum Mittagessen.

Zum schwierigen Verhältnis zischen Menschen und Tieren hat Hermann Schulz die tolle Angler-Geschichte „Sein erster Fisch“ geschrieben. „Es ist dein Fisch“, sagt der Opa darin zum Enkel. „Wenn du ihn töten willst, dann tu es sofort.“ Was unsere Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen angeht, bringt das viel mehr als mein Gejammer über den Verlust eines Käfers. Leider würde ich selbst es nie fertigbringen, einem Fisch den Kopf abzuschlagen. Braten kann ich ihn dafür recht gut.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Apropos Tier. Bezeichnet eigentlich noch irgendwer arbeitende Frauen als Rabenmütter?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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