Interview mit Kinderbuchautorin Kind oder Karriere? Warum Kirsten Boie ihren Beruf aufgeben musste

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Kirsten Boie vor einem Bild ihres literarischen Geschöpfs, dem kleinen Ritter Trenk. Foto: Axel Heimken/dpa/picture allianceKirsten Boie vor einem Bild ihres literarischen Geschöpfs, dem kleinen Ritter Trenk. Foto: Axel Heimken/dpa/picture alliance

Hamburg. Ob der kleine Ritter Trenk, Seeräubermoses oder die Kinder vom Möwenweg : Die Helden aus den Büchern von Kirsten Boie finden sich in vielen Kinderzimmern der Republik wieder. Eigentlich war Boie jedoch eine mit ihrem Beruf glückliche Lehrerin – bis sie gezwungen wurde, diesen aufzugeben.

Wie es dazu kam – und wieso sie immer noch für eine bessere Gesellschaft kämpft, erzählt sie im schattigen Garten des Literaturhauscafés Hamburg.

Beginnen wir mit Ihrem Namen: Wie spricht man den korrekt aus? So wie die Boje?

(lacht) Nein, so wie Treue oder Schläue. Also Beue.

Sie haben studiert, promoviert, als Lehrerin gearbeitet - und mussten diesen Beruf aufgeben, als Sie 1983 ein Kind adoptiert haben. Das klingt wie ein schlechter Scherz…

Es war aber tatsächlich so. Mein Mann und ich haben uns zu einer Adoption entschieden und ich hatte bei allen Bewerbungen immer geschrieben: „Ich halte es für wichtig, dass ich weiter berufstätig sein kann, da es auch für die Kinder besser ist, wenn sie eine glückliche Mutter haben, die ihre Befriedigung nicht nur aus den Leistungen der Kinder zieh“. Ich habe meinen Beruf nämlich sehr geliebt.

Gerade Lehrerin ist ja ein familienfreundlicher Beruf…

Ja, das fand ich auch. Aber die haben meine Schreiben und Wünsche offenbar nicht wahrgenommen. Dann hatten wir unseren Sohn und ich wollte wieder arbeiten und die Adoptionsstelle im Jugendamt hat „Nein“ gesagt. Das war für mich selbst verblüffend, schließlich war die Frauenbewegung damals schon gut anderthalb Jahrzehnte sehr aktiv gewesen.

Ihrem Mann hat man das Arbeiten wohl nicht verboten?

Nein.

Hätte man Ihnen das Kind denn wieder weggenommen?

Das stand im Raum. Zudem wollten wir ja noch ein zweites Kind und das hätten die uns nicht gegeben. Mein Mann und ich haben dann überlegt, dass ich Zuhause bleibe, wie gefordert, und wir uns abwechseln. Dann habe ich aber angefangen zu schreiben. Plötzlich hatte ich eine Form von Alternative, die mein Mann nicht gehabt hätte. Der wäre nur zu Hause gewesen und bei mir gab es dann natürlich die Verlagskontakte, viele Gespräche, auch Einnahmen.

Sind Sie deshalb nicht mehr zurückgekehrt in Ihren Beruf?

Als ich es hätte machen können, hatte ich inzwischen so viel geschrieben, so viel Spaß daran und so viele Kontakte geknüpft. Zudem habe ich mir damals nicht zugetraut, zwei Kinder groß zu ziehen, Lehrerin zu sein und auch noch Bücher zu schreiben.

Stimmt es, dass Sie schon davor gerne Geschichten erfunden haben?

Ich habe mir als Kind ständig Geschichten ausgedacht und immer versucht, jemanden zu finden, dem ich sie erzählen konnte. Aber ich habe natürlich wenige Zuhörer gefunden.

Waren Ihre Geschichten denn so schlecht?

(lacht) Sie waren halt so, wie Geschichten von Kindern sind. Und Kinder sind als Publikum nicht so gnädig wie die eigenen Eltern, die sich alles anhören. Ich wollte trotzdem Autorin werden. Diesen Wunsch habe ich aber mit 15 Jahren wieder aufgegeben, weil ich da erfahren habe, dass es in der Regel kein Beruf ist, von dem man leben kann. Eine sehr realistische Haltung für eine 15-Jährige, finde ich.

Es klingt irgendwie absurd, dass Ihr Traum mit 15 stirbt und später quasi über Zwang dann doch noch wahr wird.

Ich bin überhaupt nicht esoterisch veranlagt, aber es passieren eben Dinge, mit denen man nicht gerechnet hätte. Das ist völlig verrückt.

Sind Sie noch wütend auf das Adoptionsamt?

Wut ist vielleicht ein zu starker Begriff, aber ich empfinde es nach wie vor als Skandal, so in das Leben eines Menschen einzugreifen. Ich kenne sehr viele andere Adoptivfamilien und viele Frauen, die in dieser Situation waren und totunglücklich wurden. Ich glaube nicht, dass das für ihre Kinder gut war. Für die Frauen sowieso nicht.

Heutzutage ist das wirklich unfassbar.

Dass es für Sie so unfassbar ist, empfinde ich aber auch als toll. Ich bin ja eine historische Optimistin und glaube, dass sich die Weltgeschichte vorwärts entwickelt. Allerdings leider nicht geradeaus, sondern zwei Schritte vor, und einen zurück. Aber wenn ich daran denke, wie Deutschland zur Zeit meiner Kindheit ausgesehen hat oder eben noch in der Zeit, als ich eine junge Erwachsene war, dann sind die Veränderungen unvorstellbar positiv.

Sie haben zwei Kinder adoptiert, beide als Babys, beide nicht dem deutschen Klischeebild entsprechend, also blond und blauäugig. Wie haben die Menschen damals darauf reagiert?

Wir haben als Familie erstaunlicherweise überhaupt keine Diskriminierung erlebt. Natürlich sind wir angesprochen worden, aber sehr selten. Und wenn ich ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern sehe, die fremdländisch und dann auch noch völlig unterschiedlich aussehen, ist Neugier doch eine menschliche Reaktion. Ich habe manchmal sogar ganz witzige Reaktionen gehabt, beispielsweise hat eine Frau auf einem Spielplatz zu mir gesagt:„Sie müssen ja interessante Männer gehabt haben.“ Das hatte Charme, finde ich.

Ihr erstes Buch „Paule ist ein Glücksgriff“ dreht sich auch um die Adoption eines dunkelhäutigen Kindes. Wie autobiographisch ist es?

Das Buch war eher eine Reaktion auf die Tatsache, dass ich nicht mehr arbeiten durfte. Plötzlich sind mir die ersten Sätze eingefallen. Es ist eine Adoptionsgeschichte, aber eben nicht autobiografisch. Mit einer Ausnahme: Die Szene, als die Frau vom Jugendamt kommt und die Mutter durchdreht und das ganze Haus von oben bis unten putzt. (lacht)

Ihr neues Buch heißt „Ein Sommer in Sommerby“ und Thabo, der kleine Junge aus Swasiland ist eine Art afrikanischer Kalle Blomquist: Eine Affinität zu Astrid Lindgren können Sie nicht verneinen, oder?

Nein. Und das will ich auch gar nicht. Bullerbü war in meiner Kindheit ganz wichtig für mich. Sogar in der Nacht vor meinem mündlichen Abitur habe ich alle drei Bände noch einmal gelesen, um mich zu beruhigen. Das ist ja das tolle an Büchern, von denen einige vielleicht abwertend sagen, dass sie nur „heile Welt“ sind. Genau die können Kinder manchmal trösten und das ist eine große Leistung. Diese Bücher brauchen wir, aber wenn wir nur solche Bücher hätten, würde ich auf die Barrikaden gehen.

Thabo spielt in Swasiland – und Sie engagieren sich dort für Aidswaisen. Hat das mit der Herkunft ihrer Kinder zu tun?

Nein. Die Mütter der Kinder sind Deutsche, die Väter nicht. Auf die Aidswaisen in Swasiland bin ich vor rund elf Jahren über einen Artikel aufmerksam geworden. Dort leben rund 130000 Kinder ohne Eltern. Das könnte selbst ein Land wie Deutschland nicht tragen. Mit meiner kleinen Möwenweg-Stiftung engagiere ich mich dort.Unsere Organisation hat 100 Gebäude, in denen etwa 4000 Kinder betreut werden

Warum der Name? Das Leben der Kinder in den Möwenweg-Büchern ist doch die reinste Idylle…

Genau: Möwenweg ist eine Kindheit, wie alle Kinder sie eigentlich haben sollten. Eine sehr heile Welt. Deshalb haben mein Mann und ich den Namen gewählt.

Über Ihre gar nicht heilen Erfahrungen dort haben Sie das tieftraurige Buch „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ geschrieben. Das ist so ganz anders als ihre „normalen“ Kinderbücher.

Ich habe zwei Seelen in meiner Brust. Das eine ist, Bücher für Kinder zu schreiben. Und zwar so, dass sie wirklich für Kinder sind. Diesem Kriterium entsprechen wahrscheinlich die Möwenweg-Bücher oder der Ritter Trenk. Das finde ich richtig, wichtig und stehe voll und ganz dazu. Aber mit Kinderbüchern hat man auch die Chance, den Lesern ein bisschen mehr zu vermitteln. Und diese Art Bücher ist mir auch sehr wichtig. Ob es in ihnen nun um die Verhältnisse in Afrika oder depressive Eltern geht.

Ein aktuelles Thema!

Mein Buch „Mit Kindern redet ja keiner“ über den Suizidversuch einer Mutter ist 28 Jahre alt. Damals konnte man noch weniger darüber reden als heute. Aber diese Bücher sind zumeist nichts, was sich finanziell rechnet, weder für den Autor noch für den Verlag. Trotzdem sollte man sie schreiben, wenn man es sich erlauben kann.

Hat dieser Wunsch die Welt zu verbessern auch dazu geführt, dass Sie als Lehrerin damals freiwillig von einem Gymnasium auf eine Gesamtschule gewechselt haben?

Ich war sehr gerne an dem wohlsituierten Hamburger Gymnasium, hatte aber irgendwann das Gefühl, dass das nicht die ganze Welt ist. Was auch stimmte: Erst auf der Ganztagsgesamtschule habe ich gemerkt, wie vollkommen unterschiedlich Kindheiten in einem Land wie Deutschland verlaufen können. Das hat mich zu Anfang regelrecht erschlagen. In dieser Zeit ist das Thema soziale Ungerechtigkeit für mich wirklich greifbar geworden. Erst da habe ich realisiert, wie Kinder dafür bezahlen müssen – und trotzdem keine Chance haben. Das ist heute oftmals noch so. Um das zu verstehen, muss man einsehen, dass die Wahrheit konkret ist.

Wie meinen Sie das?

Sie können den Verantwortlichen in Politik oder Verwaltung tausend Mal erzählen, wie die soziale Wirklichkeit aussieht, sie können ihnen tausend Artikel darüber zu lesen geben. Das wird nichts ändern. Stattdessen sollten Politiker mal drei Tage an einer Schule in einer solchen Gegend die Kinder unterrichten. Das würde vieles ändern. Aber das ist natürlich eine utopische Idee.

Sie sind ja Optimistin.

Kirsten Boies neues Buch strotzt allen Landlust-Klischees. Cover: Oetinger-Verlag

Optimistin, ja. Aber gleichzeitig auch Realistin. (lacht) Ich glaube, das lässt sich miteinander verbinden. Und Politik rollt ja immer langsam an. Aber ich halte es durchaus für möglich, dass sich allmählich eine so starke Bewegung entwickelt, die zumindest auch die Schulpolitik verändern wird.


Wer ist Kirsten Boie?

Boie wird am 19. März 1950 in Hamburg geboren und verbringt ihre Jugend im Stadtteil Barmbeck. In Hamburg geht sie auch zur Schule und studiert an der Universität Deutsch und Englisch. Später promoviert sie über die frühe Prosa von Bertolt Brecht. Als Lehrerin arbeitet sie zuerst an einem Gymnasium, wechselt aber auf eigenen Wunsch an eine Gesamtschule. 1983 adoptieren sie und ihr Mann einen Jungen, 1985 adoptiert das Paar ein weiteres Kind, dieses Mal ein Mädchen.

1985 erscheint Boies erstes Buch „Paule ist ein Glücksgriff“, das sich um die Adoption eines dunkelhäutigen Kind dreht. Ihr Erstlingswerk kommt in die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Mittlerweile gehört Boie zu den bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbuchautoren Deutschland, über 100 Bücher sind von ihr erschienen. 2007 wird sie mit dem Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Ihre Geschichten um den kleinen Ritter Trenk kennen Kinder nicht nur aus Büchern, sondern auch aus dem TV-Programm und von der großen Leinwand. Ähnlich bekannt sind die Kinder aus dem idyllischen Möwenweg und die kleine Moses, die als Seeräuberin ihre Abenteuer erlebt. Ihr aktuelles Buch „Ein Sommer in Sommerby“ erzählt von drei Hamburger Geschwister, die ihre Ferien bei der ihnen fremden Oma auf einer einsam gelegenen Seezunge an der Schlei verbringen müssen - und mit der Zeit Gefallen an der alten Frau und ihrer rustikalen Einstellung zum Landleben finden.

Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagiert sich Boie in der von ihr gegründeten Möwenwegstiftung für Aidswaisen in Swasiland. In ihrem Buch „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ berichtet sie von den oftmals unerträglichen Zuständen in dem afrikanischen Land. Kirsten Boie lebt zusammen mit ihrem Mann in Barsbüttel bei Hamburg. cob

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