Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Müssen Jungs auf Fußball stehen?

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Müssen Jungen Fußball-Fan sein? Unser Elternkolumnist findet: Es gibt Wichtigeres. Illustration: Lilith BenedictMüssen Jungen Fußball-Fan sein? Unser Elternkolumnist findet: Es gibt Wichtigeres. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Muss ein richtiger Junge Fußball mögen? Und was tun man, wenn Eltern die kindliche WM-Begeisterung nicht teilen? Ein Erfahrungsbericht:

In der letzten Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn das schmerzliche Geheimnis der Kreidezähne gelüftet und ihren Brieffreund gefragt: „Wollen Deine Kinder zur Fußball WM Deutschland-Trikots tragen und schwarz-rot-güldene Fahnen schwenken?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

Du hättest nichts Abwegigeres fragen können, als ob bei uns jemand WM-Trikots trägt. Selbstverständlich nicht. Wir tragen auch keine Formel-1-Helme, Skier oder Tutus. Sportbekleidung gehört auf den Sportplatz; dass eine wachsende Fußball-Begeisterung diesen Konsens beschädigt, gehört zu den Fremdheitserfahrungen meines Lebens.

Tatsächlich hätte ich sogar den Auftakt der WM übersehen, wenn mein Sohn mich nicht darauf hingewiesen hätte. Er muss es in der Kita gehört haben; ich erinnere mich, dass es bei mir ähnlich war. In der Grundschule war ich sogar Fan von Lothar Matthäus. Freunde hatte mir erklärt, dass alle Jungs Fußballer mögen. Ich war ein beeinflussbares Kind, habe sofort einen Wimpel aufgehängt und die 8 zu meiner Lieblingszahl erklärt. (Damals die Rückennummer von Matthäus.) Ich fürchte, dass ich sogar ein Frottee-Stirnband mit Bayern-Logo hatte. Irgendwann muss ich am Spiegel zu der demütigenden Erkenntnis gekommen sein: In Wahrheit ist Fußball mir völlig egal. Zum Glück gab’s damals noch die DDR; mein Equipment kam ins Päckchen nach drüben. Etwas so schamlos Kommerzielles wie Bayern München hat im Osten natürlich Eindruck gemacht.

Im Supermarkt umfahre ich jetzt angstvoll die Vuvuzelas; bis zu einem gewissen Grad muss man Interessen der Kinder aber begleiten. Neulich waren wir sogar beim Public Viewing in der Pizzeria, wenn auch nur für die Nachspielzeit. (Brisant bleibt es: Wie leicht rutscht Kindern derzeit was raus, das Italiener kränkt!) Ich habe sogar ein Panini-Album, auch so eine Schnapsidee aus der Kita. Wusstest Du, dass die Sticker in vier Jahren um 50 Prozent teurer geworden sind? Wirtschaftsethik wie im Drogenkartell. Panini-Chef scheint einer der raren Posten zu sein, die noch mehr Gier erfordern als das Präsidentenamt der Bayern. Damit unser Heft erschwinglich bleibt, habe ich mein Kind ermuntert, die Sticker selbst einzukleben – anhand der dreistelligen Nummern. Ein Zeitvertreib mit dem Thrill einer Mathe-Klausur. Er hat die Lust verloren, bevor das Starter-Set ausgepackt war.

Das erste Deutschland-Spiel haben wir auch verfolgt. Wir waren zum Waldsee gefahren; als Überraschung hatte ich ein Radio dabei. Romantisch! Stirn an Stirn haben mein Sohn und ich in der Sonne gelegen, die nassen Ohren an die Box gedrückt und unser Team verlieren hören. Für viele war das sicher ein existenzieller Moment. Für uns aber nicht; den Schlusspfiff haben wir sogar verpasst. Am Ufer kämpften sich inzwischen Dutzende winziger Frösche durchs Moos. Einer hatte ein Bein verloren – womöglich durch unsere Schuld. Er ist vor unseren Augen gestorben. Niemand, der so was erlebt hat, nimmt danach ein Fußball-Spiel noch wichtig.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Apropos Wald – wer von euch sammelt denn die meisten Zecken ein?+

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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