Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Kinder fragen, bevor man die Windeln wechselt? Aber sicher!

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Nein, ganz so idyllisch geht es beim Windelwechseln nicht immer zu. Trotzdem hilft es, das Kind freundlich auf das Wechseln vorzubereiten. Foto: Colourbox.deNein, ganz so idyllisch geht es beim Windelwechseln nicht immer zu. Trotzdem hilft es, das Kind freundlich auf das Wechseln vorzubereiten. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Das Internet dreht durch, weil eine Frau mit lila Haaren einen Tipp zum Windelwechseln gegeben hat. Unsere Elternkolumnistin findet: Die Frau hat doch Recht. Warum also diese Hysterie?

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict sein persönliches Best-of der dummen Elternsprüche verraten – und unsere Elternkolumnistin dann gefragt: Hast Du vor dem Wickeln je um Erlaubnis gebeten? Dies ist die Antwort von Corinna Berghahn:

Lieber Daniel,

Du beziehst Dich sicher auf die Aussage der australischen Sexualpädagogin Deanne Carson, die in einem TV-Interview über ihre Arbeit berichtete. Dort versucht man, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen - und ihnen dafür beizbringen, dass ihr Körper eben ihr Körper ist. Sie nennt das eine „Kultur der Zustimmung“.

Diese Hintergründe sollte man kennen, bevor man die arme Frau auslacht für ihren Tipp, Kinder schon von kleinst auf zu fragen, ob man ihnen die Windeln wechseln dürfe.

Screenshot: NOZ/YouTube

Kaum ausgesprochen, ging die Hexenjagd in den unsozialen Netzwerken los: Carson bekam von Häme bis Morddrohungen alles, was ein sogenannten Shit-Storm bieten kann, und ging erst einmal offline. Einige regten sich auf, dass ihre Kinder in vollen Windeln ertrinken würden. Andere malten wieder einmal den Untergang des Abendlandes an die virtuelle Wand, und Trolle versprühten einfach ihren Hass, wie sie es immer tun.

Und wofür? Für einen Tipp zum Windelwechseln, der dramatisch zum Nappygate hochgejubelt wurde. Richard Nixon, dessen Watergate-Skandal Namenspate stand und noch zum Rücktritt eines US-Präsidenten und einen unterhaltsamen Film gesorgt hat, würde sich über derlei Kinderkacke wohl im Grab umdrehen.

Wenn wir sonst keine Probleme haben...

Aber gut, dann eben Nappygate. Anscheinend gibt es ansonsten keine Probleme, für die sich ein Shitstorm lohnt. Reden wir also über das Wickeln, diese sehr intime Angelegenheit zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen. Klar wollen die Kinder das nicht immer sofort, mit ihnen darüber reden man aber trotzdem –- und sei es durch Gestik und Mimik. „So, wir wechseln jetzt die Windeln, dann kannst Du auch wieder besser spielen“ in etwa. So haben wir es bei Kind 1 gehalten und Kind 2 ebenso. Bis dato lief das auch ganz gut, beziehungsweise eben nicht aus.

Ich kenne persönlich aber auch keine Eltern, die sich holterdipolter ihr Kind schnappen und seine vollen Windeln runterreißen. Meist funktioniert es mit liebevoller Ansprache doch eh besser – egal wie alt das Kind ist. Ein kleines Baby kann zwar nicht explizit antworten, aber Blickkontakt versteht es sehr gut.

Daher wundert mich diese Aufregung. Gerade weil Carson Recht hat: Kinder sollten ganz früh lernen, dass nur sie über ihren Körper bestimmen dürfen. Küsse einfordernden Verwandten oder Bekannten der Familie dürfen unsere Kinder jedenfalls gerne ein lautes „Nein!“ entgegen schmettern.

Der Fehler der Sexualpädagogin war wahrscheinlich ein ganz anderer: Sie gab quasi ungefragt einen Rat an Eltern. Und das mögen die nicht. Besonders nicht von einer Frau mit kurzen und lila gefärbten Haaren – tatsächlich war ihre Frisur einer der Hauptkritikpunkte in den Online-Reaktionen auf das Video. Wer weiß: Wäre Carson mehrfache Mutter und trüge ihre Haare lang, wäre sie am Tag des Interviews vielleicht sogar zum Vorbild der Online-Meute geworden und nicht zum Paria.

Deine Corinna

PS: Ab wie viel Eis ist bei euch Schluss – und wieviele gibt es dann doch noch?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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