Bildungsforscher Ulrich Trautwein „Hausaufgaben müssen im Unterricht sinnvoll vor- und nachbereitet werden“

Viele Eltern, die ihr Kind bei der Hausaufgabenerledigung unterstützen wollen, fördern stattdessen dessen Unselbstständigkeit, sagt Bildungsforscher Ulrich Trautwein. Symbolfoto: Colourbox.deViele Eltern, die ihr Kind bei der Hausaufgabenerledigung unterstützen wollen, fördern stattdessen dessen Unselbstständigkeit, sagt Bildungsforscher Ulrich Trautwein. Symbolfoto: Colourbox.de

Osnabrück. Die Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben beschäftigt auch Bildungsforscher wie Ulrich Trautwein. Im Interview berichtet er von den Effekten, die Hausaufgaben auf Schüler haben können – und wie sich Streit zwischen Kinder und Eltern verhindern lässt.

Ulrich Trautwein ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen und hat sich zusammen mit Kollegen mit den Effekten von Hausaufgabenvergabe und Hausaufgabenerledigung beschäftigt.

Herr Trautwein, Sie habe sich im Rahmen von Studien mit Hausaufgaben beschäftigt. Was genau haben Sie dort gemacht und ausgewertet?

Wir haben Effekte von Hausaufgabenvergabe und -erledigung in einer ganzen Reihe von Studien untersucht. Meist haben wir Schüler nach ihrem Hausaufgabenverhalten befragt und Leistungstests eingesetzt, in einigen Studien aber auch Lehrkräfte und Eltern einbezogen. Unsere Stichproben waren jeweils relativ groß und umfassten zwischen einigen hundert und mehreren tausend Schüler, in der Regel aus der Sekundarstufe I. Meist ging es bei uns um Hausaufgaben in Mathematik oder Fremdsprachen.

Was sind die zentralen Ergebnisse der Studien?

In Klassen, in denen die Lehrkräfte regelmäßig Hausaufgaben erteilten, fand sich im Durchschnitt eine günstigere Leistungsentwicklung als in Klassen mit geringerer Hausaufgabenhäufigkeit. Auch die Qualität der Hausaufgaben – berichtet von den Schülern oder von Experten bewertet – machte einen Unterschied. Die Hausaufgabenvergabe scheint also durchaus von Relevanz zu sein. (Weiterlesen: „Hausaufgaben sind pädagogischer Quatsch“)

Und die Hausaufgabenerledigung durch die Schüler? Da gibt es ja große Unterschiede.

In der Tat: Schüler unterscheiden sich stark darin, wie viel Zeit sie für die Hausaufgaben aufwenden und ob sie die Hausaufgaben so gut erledigen, wie sie es können. Die Ergebnisse unserer Studien waren hier ziemlich eindeutig: Wer im Vergleich zu den Mitschülern die Hausaufgaben sorgfältiger erledigte, wies eine günstigere Leistungsentwicklung auf als diejenigen, die es mit den Hausaufgaben nicht so ernst nahmen. Der Zeitaufwand stand hingegen kaum mit den Leistungsergebnissen im Zusammenhang – auch wenn man nur ähnlich begabte Schüler verglich.

Woran liegt das?

Es gibt unterschiedliche Schüler, die viel Zeit für die Hausaufgaben benötigen: Diejenigen, die sie wirklich gut machen sowie diejenigen, bei denen eine geringe Motivation vorliegt und die deshalb oft trödeln. Generell zeigt sich: Wer glaubt, dass er die Aufgaben bewältigen kann, sofern er sich wirklich Mühe gibt, und wer einen Sinn in den erteilten Aufgaben sieht, erledigt die Hausaufgaben in der Regel relativ schnell und ordentlich.

Und was ist mit denen, die die Aufgaben gerne machen wollen, aber scheitern? Ich erinnere mich an meine Versuche in Algebra, die bei mir zu großem Frust führten.. .

Das Scheitern an den Hausaufgaben ist nicht automatisch ein Problem – gute Lehrkräfte nutzen diese Informationen, passen ihren Unterricht an und geben individuell angepasste Unterstützung. Leider ist der kluge Umgang mit Fehlern aber keine Selbstverständlichkeit.

Sind Hausaufgaben in Zeiten von Ganztagsschulen noch sinnvoll?

In Ganztagsschulen gibt es ja nur an „freien“ Nachmittagen Hausaufgaben; ansonsten finden sich Hausaufgaben in Form von Lernzeiten, in denen je nach Konzept und Möglichkeit der Schule mehr oder weniger gut unterstützt und gefördert wird.

Ab welchem Alter und welcher Klasse sind Hausaufgaben sinnig?

Die Hausaufgaben müssen zum Alter der Kinder passen und sinnvoll vorbereitet und nachbereitet werden. Jüngere Schüler müssen selbstverständlich besonders gut von den Lehrkräften angeleitet werden: Was sind Hausaufgaben, warum gibt es sie, wie kann ich sie für mich gewinnbringend erledigen?

Gibt es eine ideale Hausaufgabenstellung?

Das lässt sich pauschal nicht sagen, ohne dass es banal klingen würde. Je nach Fach, Klassenstufe und pädagogischer Zielstellung müssen Hausaufgaben unterschiedlich ausfallen.

Und wie sollte es nicht laufen?

Bei den Hausaufgaben geht viel zu viel schief. Einige Beispiele: Schulen fehlt es an gemeinsamen Verabredungen, wie mit Hausaufgaben umgegangen wird, sowie an professionellen Unterstützungssystemen für Schüler, die Schwierigkeiten haben. Viele Lehrkräfte versäumen es, Kinder systematisch darin zu trainieren, Hausaufgaben effizient zu erledigen. Und viele Eltern, die ihr Kind bei der Hausaufgabenerledigung unterstützen wollen, fördern stattdessen dessen Unselbstständigkeit.

Sollten Eltern dann überhaupt helfen?

Auch hier gibt es kein Patentrezept. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass Lehrkräfte ihre Erwartungen an die Eltern klar kommunizieren – das ist aber nicht die Regel. Die Forschung zeigt, dass elterliche Unterstützung bei den Hausaufgaben insgesamt weniger effektiv ist als meist angenommen wird und es zudem häufig zu Streit zwischen Eltern und Schülern kommt. Meine Empfehlung: Wenn Sie helfen, überlegen Sie immer auch, wie Sie dem Kind helfen können, langfristig weniger Elternhilfe zu benötigen.

Also Hilfe zur Selbsthilfe?

Genau.

Wie lange sollten die Kinder an den Arbeiten sitzen?

Hierfür gibt es in allen Bundesländern Vorgaben. Aber man darf nicht übersehen, dass solche Vorgaben schwierig zu treffen sind: Schüler brauchen für ein und dieselbe Aufgabe sehr unterschiedlich viel Zeit. Soll der langsamere Schüler dann insgesamt weniger Aufgaben erledigen? Das würde das Risiko erhöhen, dass die Leistungsschere weiter aufgeht.

Was halten Sie von Schulen, die auf Hausaufgaben verzichten wollen?

Ich würde den Schulen raten, gut zu überlegen, welche alternativen Maßnahmen geeignet sind, die Lernziele auch ohne Hausaufgaben zu erreichen, und ich würde den Schulen raten zu prüfen, ob die Abschaffung der Hausaufgaben wirklich den gewünschten Erfolg hat.

Haben Sie selbst eigentlich gerne Hausaufgaben gemacht?

Manche ja, manche nein. Heute weiß ich, wie wichtig es ist, dass man lernt, gerade auch diejenigen Hausaufgaben ordentlich zu erledigen, die keinen Spaß machen. Denn dann hat man Strategien entwickelt, die einem das ganze Leben lang noch nützlich sein können.

Ulrich Trautwein ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Foto: Mira Keßler

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