Wie sinnvoll sind Hausaufgaben? Warum eine Grundschule in Ostfriesland auf Hausaufgaben verzichtet

Von Corinna Berghahn


Osnabrück. Eine Grundschule im ostfriesischen Wittmund verzichtet seit dem Sommer 2016 auf Hausaufgaben. So soll für mehr Bildungsgerechtigkeit gesorgt werden. Doch es gibt auch Kritiker.

Hausaufgaben: Die wenigsten Schüler mögen sie. Auch Eltern sind nicht immer begeistert, alltäglich zu kontrollieren, ob und was ihre Kinder nach der Schule alles erledigt haben, geschweige denn ihnen zu helfen, wenn sie die gestellten Aufgaben selbst nur ansatzweise verstehen. Wie sinnvoll sind sie also?

Recht neutral verhält sich das Niedersächsische Kultusministerium mit seiner Einschätzung. „Hausaufgaben können, müssen jedoch nicht aufgegeben werden. Sie sind zum Üben und Vertiefen des Gelernten gedacht“, heißt es auf dessen Internetseite. Und: „Erziehungsberechtigte sollten keine ,Hilfslehrkräfte‘ sein“, denn „Hausaufgaben sind Kinderaufgaben“. Sprich: Von Amts her sind Hausaufgaben in Niedersachsen kein Muss, werden aber an den meisten Schulen noch aufgegeben.

Keine Hausaufgaben in Wittmund

An der Wittmunder Finkenburgschule, einer Ganztagsgrundschule, bekommen die Schüler seit dem Schuljahr 2016/17 keine Hausaufgaben mehr auf, wie Schulleiter Reinhard Rommel im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet.

Für ihn sind sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten: „Hausaufgaben gibt es, seitdem in der Kaiserzeit die Schulen vom Ganztags- auf den Halbtagsbetrieb umgewandelt wurden, damit möglichst viele Kinder, die in Haushalt oder auf dem Feld mitarbeiten mussten, der Schulpflicht nachkommen konnten. Und obwohl es nun wieder mehr Ganztagsschulen gibt, sind uns die Hausaufgaben erhalten geblieben.“

Zudem verschärften sie die Ungleichheiten im Bildungssystem – und das will Rommel nicht: „Unsere Schule ist für Schüler aller Schichten – denen wir allen gerecht werden müssen. Doch Hausaufgaben verschärfen nur den Graben zwischen Bildungsgewinnern und- verlieren.“

Ähnlich sieht es Armin Himmelrath. Eigentlich wollte der Journalist „ein stinknormales Buch über die veränderte Rolle von Hausaufgaben in den Ganzstagsschulen“ scheiben – doch nachdem er sich immer mehr mit dem Thema beschäftigt hatte, wurde daraus sein 2015 erschienenes Buch „Hausaufgaben – Nein Danke!“. Er sagt: „Es ist hochgradig zufällig, welches Unterstützungssystem Schüler Zuhause vorfinden. Ob die jetzt Eltern haben, die im Extremfall beide studiert haben oder die Hausaufgaben sogar für das Kind erledigen. Auf der anderen Seite im Extremen steht vielleicht die alleinerziehende Mutter, die noch nicht mal die Unterrichtssprache beherrscht.“

2,15 Stunden pro Woche fehlten im Unterricht

Schulleiter Rommel hat nachgerechnet: Allein das Stellen und Korrigieren der Hausaufgaben nahm an seiner Schule 2,15 Stunden pro Woche in Anspruch. „Stunden, die im Unterricht fehlten“, so der Schulleiter. Dazu kam, dass die Hausaufgaben nicht von allen erledigt wurden und daher der Lerneffekt nicht bei allen gegeben war.

Zudem belege eine Studie der Technischen Universität Dresden aus dem Jahr 2008, dass gute Schüler durch Hausaufgaben nicht besser werden und schlechte Schüler durch bloßes Wiederholen am Nachmittag auch nicht besser verstehen, womit sie am Vormittag bereits Probleme hatten, sagt er. Dabei müssten Lehrer statt Frust doch eine lebenslange Lust am Lernen vermitteln.

„Wenn wir Bildungsgerechtigkeit und vielleicht auch noch Inklusion in den Unterricht einbauen wollen, dann müssen wir umdenken“, findet der Schulleiter. An der Finkenburgschule werden die Hausaufgaben daher durch zwei in den Schulalltag integrierte Lern- und Übungsstunden ersetzt. „Mit unterschiedlichen Aufgaben, je nach Stärke der Schüler“, so Rommel. Unterstützt werden diese dabei von den Pädagogen, „also Fachleuten, die sich im Gegensatz zu Eltern mit dem Stoff und seiner Vermittlung auskennen“.

Kritik aus Teilen der Elternschaft

Sind jetzt alle zufrieden? „Im Gegenteil: Es gab und gibt viel Kritik und einige Eltern sind Sturm gelaufen“, sagt Rommel. Besonders Eltern von Schülern aus bildungsnahen Schichten würden befürchten, dass ihre Kinder sich verschlechtern könnten und sie den Überblick verlieren, was diese gerade lernen. „Gegen diese besorgte Wand kommt man mit Argumenten schlecht an“, findet Rommel.

Er selbst ist von diesem neuen Weg überzeugt: „Gerade die schwächeren reagieren sehr dankbar – und die Notendurchschnitte der Klassen sind besser geworden.“

Zudem würden einige der Aufgaben weiterhin nicht in der Schule erledigt: „Schüler der Finkenburgschule müssen sich weiterhin auch Zuhause auf Klassenarbeiten und Tests vorbereiten oder Vokabeln und Gedichte lernen“, erklärt Rommel.

„Bei Hausaufgaben geht viel schief“

Mit dem Sinn oder Unsinn von Hausaufgaben setzt sich auch die Wissenschaft auseinander: „Bei den Hausaufgaben geht viel zu viel schief“, sagt Ulrich Trautwein, Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, der sich in mehreren Studien mit Hausaufgaben auseinandergesetzt hat. „Schulen fehlt es an gemeinsamen Verabredungen, wie mit Hausaufgaben umgegangen wird, sowie an professionellen Unterstützungssystemen für Schüler, die Schwierigkeiten haben. Viele Lehrkräfte versäumen es, Kinder systematisch darin zu trainieren, Hausaufgaben effizient zu erledigen.“

Trotzdem sind die Ergebnisse seiner Studien eindeutig: „In Klassen, in denen die Lehrkräfte regelmäßig Hausaufgaben erteilten, fand sich im Durchschnitt eine günstigere Leistungsentwicklung als in Klassen mit geringerer Hausaufgabenhäufigkeit.“ Allerdings stehe und falle der Lerneffekt an der Qualität der Hausaufgabenvergabe.

Der Einsatz der Eltern sei laut Trautwein jedoch weniger wichtig, als man angenommen hatte: „Die Forschung zeigt, dass elterliche Unterstützung bei den Hausaufgaben insgesamt weniger effektiv ist, als meist angenommen wird.“

„Grundsätzlich sinnvoll“, aber...

Auch Heinz-Peter Meidinger, des Deutschen Lehrerverbandes und wie Rommel ebenfalls Schulleiter, hält Hausaufgaben „grundsätzlich für sinnvoll“ und wichtig, denn dank ihnen würden die Lücken zwischen den Lernphasen nicht zu groß: „Lernerfolge können extrem absinken, wenn man sich mehrere Tage nicht mit dem Stoff beschäftigt hat.“

Für Meidinger sind Hausaufgaben zudem ein pädagogisches Mittel, durch das Kinder lernen, selbstständig zu lernen. „Hausaufgaben abschaffen heißt ja eigentlich, diese Phasen selbstständigen Lernens der Schüler abschaffen“, befürchtet er. „Es ist auch nicht so, dass Hausaufgaben in der Ganztagsschule jetzt überflüssig sind“, findet er deshalb – und doch scheinen seine und Rommels Position keine Gegensätze zu sein.

An der Wittmunder Finkenburgschule gibt es keine Hausaufgaben mehr. Foto: Finkenburgschule

Denn dass die Hausaufgaben nun während der Zeit erledigt werden, in der die Kinder noch in der Ganztagsschule sind, findet Meidinger unbedenklich: „An der sinnvollen Funktion hat sich dadurch nichts geändert, nur der Ort ist ein anderer geworden.“ Auch Trautweins Erkenntnis, dass der Effekt von Hausaufgaben auch immer etwas damit zu tun hat, wie diese vergeben werden, stimmt er zu: „Es müssen sinnvoll gestellte Hausaufgaben sein, die dem Alter der Kinder gerecht werden“, so Meidinger. Dass es daran im Alltag hapern könne, weiß er: „Eine Hausaufgabe sollte so gestellt sein, dass sie der Schüler selbstständig und ohne Hilfe von Eltern oder anderen erledigen kann. Grundlage hierfür muss die gut vorbereitete Schulstunde sein: Sie sollte in eine gute Hausaufgabenstellung münden.“

Doch genau daran hapere es eben, findet Hausaufgabenkritiker Himmelrath: „Hausaufgaben sollen das selbstständige Lernen fördern. Sie sollen Stoff vertiefen. Sie sollen Lerneffekte erzeugen. Um das zu erreichen, sollte man sich in der Schule daher von der Idee verabschieden, Aufgaben mit dem Gießkannenprinzip auf alle gleich zu verteilen und dann auch noch mit Sanktionierungen zu drohen. Und Eltern sollen realisieren, dass die Aufgaben nicht für sie sind, sondern für ihre Kinder.“

Eltern wollen Hausaufgaben

Gute Hausaufgaben, schlechte Hausaufgaben? Eine Einschätzung bleibt schwierig, denn es spielen vom Alter des Kindes über seine Herkunft bis hin zum pädagogischen Können der Lehrkraft viele Faktoren hinein, die eine starre Vorgabe niemals alle berücksichtigen kann.

Rommel jedenfalls zweifelt die Entscheidung seiner Schule trotz aller Kritik nicht an: „Klassische Hausaufgaben wird es bei uns nicht mehr geben“, ist er sich sicher. Ob er Nachahmer findet, bezweifelt er trotzdem: „Viele Kollegen haben uns zu dem Entschluss gratuliert – und sofort gesagt: ;Das geht bei uns nicht, weil unsere Eltern sofort Sturm laufen würden‘.“


Regeln für Hausaufgaben

Von Amts her sind Hausaufgaben in Niedersachsen kein Muss, werden aber an den meisten Schulen aufgegeben. Doch es gibt Regeln, an die Lehrer sich halten müssen:

Richtwerte für den maximalen Zeitaufwand zur Erstellung von Hausaufgaben außerhalb der Schule sind im Primarbereich (Grundschulen) 30 Minuten, im Sekundarbereich I eine Stunde und im Sekundarbereich II zwei Stunden. Zudem dürfen im Primarbereich keine und im Sekundarbereich I grundsätzlich keine Hausaufgaben vom Freitag zum folgenden Montag und über Ferienzeiten gestellt werden – mit Ausnahme der Aufgabe einer Lektüre. Darüber hinaus dürfen Hausaufgaben nicht mit Noten bewertet werden.

(Quelle: Niedersächsisches Kultusministerium)