Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Taschengeld: Müssen Kinder wirtschaften können?

Von Daniel Benedict

Taschengeld: Ab wann sollten Kinder über ihr eigenes Geld verfügen? Illustration: Lilith BenedictTaschengeld: Ab wann sollten Kinder über ihr eigenes Geld verfügen? Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Ab wann muss man Taschengeld zahlen? Verstehen Kinder den Wert eines Euros? Ist da überhaupt was zu verstehen?

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn den sentimentalen Wert von Erinnerungskisten für Kinder hinterfragt und ihren Kollegen gefragt: „Verstehen Deine Kinder schon den Wert von Geld?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

nie hat mich Geld mehr interessiert als in den Jahren, als ich keins hatte. Zur Grundschulzeit bemaß sich mein Taschengeld am Kaufpreis der „Micky Maus“, sodass ich als Stammleser immer pleite war. An mehr Geld ranzukommen war fast unmöglich. Umso intensiver habe ich mich mit dem befasst, was ich trotzdem irgendwie aufgetrieben hatte. (Fundpfennige, Schuhputz-Groschen, Bettellohn.) Ich erinnere mich an die fetischistischen Rituale, mit denen ich es in sinnlosen Nachmittagen gezählt oder nach Größe, Sorten und Ausgabedatum geordnet habe. Ein oder zwei traurige Sommer lang war ich sogar Numismatiker. Noch heute besitze ich einige über Anzeigen aus Programmzeitschriften erworbene Sonderprägungen. Die hässliche Fixierung endete mit dem Tag, an dem ich über ein eigenes Einkommen verfügte. Seitdem brauchte ich nie mehr, als ich hatte.

Wenn das Auto kaputtgeht, reicht mein Erspartes immer für den guten Satz: Ist ja bloß Geld! Du kannst Dir also vorstellen, wie entzückt ich war, als ich mit meinem Kind zum ersten Mal Kaufmannsladen gespielt habe und er mir als Verkäufer erst die Ware gab – und dann den Kaufpreis auszahlte. Ganz offensichtlich geht auch er davon aus, dass Geld und alles, was damit zu tun hat – Bankberater, Rabatt-Coupons – so lästig ist, dass jeder vernünftige Mensch es schnellstens loswerden will. Trotzdem ist mein Sohn wie alle Kinder sehr habgierig. Als er wieder mal ein Lego-Männchen verlangt hat, kam mir die pädagogische Idee, ihm die Bedeutung von Geld zu erklären, anhand von Pfandflaschen. Wir hatten einen tollen Nachmittag: Schon in unseren Wohnräumen kullerten schön viele alte Flaschen rum. Auf dem Weg zum Supermarkt haben wir – ein Schatz! – noch eine PET-Flasche gefunden. Und weil der Automat im Penny keine Cola-Flaschen schluckt, hatte ein irgendein Wahnsinniger seine einfach davor stehen lassen. Wir haben sie geklaut, zum Getränkemarkt getragen und waren reich. Zum Lego konnten wir uns noch Bonbons leisten.

Vom Wert des Geldes wussten wir allerdings weniger als davor: Warum lassen Menschen Pfand verfallen? Wieso ist eine Plastikflasche wertvoller als eine aus Glas? All das erschien uns im Rausch des Tages so poetisch, schön und dunkel wie ein erfreulicher Steuerbescheid. Neulich hatte mein Kind morgens einen Euro in der Hand. Nachmittags hatte den Euro sein bester Freund, ein ausgekochtes Vorschulkind, in seinen Besitz gebracht. Als ich den Jungen zur Rede gestellt habe, hat er mir dreist noch einen Wunschzettel gezeigt. Der Geburtstag lag Tage zurück; er hat nicht mal gefeiert. Das war im Grunde traurig, also habe ich erst den einen Euro zurückverlangt und dann für vier ein Geschenk gekauft. Klingt unwirtschaftlich. Aber hier ging’s ja gerade nicht bloß um Geld, sondern um Freundschaft. Und da kennen wir uns aus.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Welche Rolle spielen in Euren Betten Kuscheltiere?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.