Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Kinder quälen, aber richtig: Gedanken zu Elternratgebern

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Das ist wahres Vertrauen: Wenn ein Kind blutet, weil der Vater zu wild getobt hat – und es sich trotzdem nur vom Vater trösten lässt. Illustration: Lilith BenedictDas ist wahres Vertrauen: Wenn ein Kind blutet, weil der Vater zu wild getobt hat – und es sich trotzdem nur vom Vater trösten lässt. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Jedes Kind kann schlafen lernen, Kinder brauchen Regeln: Man braucht Elternratgeber nicht mal zu lesen. Der Titel reicht schon, um zu begreifen, wie sehr man versagt. Eine Fallstudie.

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn die Strenge beschworen, mit der sie die Hausaufgaben ihrer Kinder kontrolliert, und ihren Kollegen gefragt: „Und womit quälst Du so Deine Kinder?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

die gemeinsame Tragik von Elternratgebern und solchen für besseren Sex besteht ja darin: Wenn man sie am nötigsten braucht, fehlt die Ruhe für ein gutes Buch. Erfahrene Autoren formulieren ihre Titel deshalb so, dass die Nachricht auch dann ankommt, wenn das Werk auf dem Nachttisch verstaubt. Ich selbst bringe seit Jahren weder Kraft noch Muße für pädagogische Literatur auf. Trotzdem weiß ich genau, was du meinst – wenn Du fragst, wie ich meine Söhne quäle: Jan-Uwe Rogges „Kinder brauchen Grenzen“. Leider bin ich in der Disziplin nicht sehr gut. Ich akzeptiere ja selbst keine Grenzen – Gravitation und Zentrifugalkraft mal ausgenommen, aber dazu später mehr.

Ein Maßstab für gute Erziehung ist vermutlich die Lautstärke des Protests. Mein älteres Kind hat zum letzten Mal aufgeheult, als ich ihn nicht mit seinen Lieblingsbonbons aus der Kita abgeholt habe, sondern mit denen seines Bruders. Der wiederum musste weinen, weil er – als sicherer Verlierer eines Wettrennens – erst das zweite Gute-Nacht-Buch aussuchen durfte. Beide zusammen brüllen, wenn ich unsere Einkäufe und nicht sie die Treppe rauftrage. All das sind echte Kämpfe, aber auch ohne Fachliteratur ist mir klar, was zwischen den Zeilen steht: Meine Kinder können nicht schlafen lernen, sie naschen und tragen nicht mal ihr eigenes Gewicht. Systematisches Verhätscheln.

Immerhin: Gerade gewöhne ich unserem kleineren Kind das Schmeißen ab. (Er schmeißt alles, Bücher, Brote, große Brüder.) Aus einem Kiesbeet hat er Steine geschleudert, die zwei Studenten und ihre Kaffeetassen um Zentimeter verfehlt haben. Hier war wirklich einmal Konsequenz gefragt: Stopp! Wir schlagen nur Leute, die wir kennen, habe ich sofort gerufen. Und ihn aufgefordert, sich bei den leichenblassen Fremden zu entschuldigen. Mein erster Erziehungsversuch, dem absolute Stille folgte.

Weil es ums Kinderquälen geht, muss ich noch was anderes beichten: Gerade habe ich den beiden nämlich wirklich wehgetan. Ich hatte mich bei einem Bollerwagen-Stunt überschätzt. Alles flog durcheinander, Blut floss, und zum ersten Mal hatte ich ein Kind im Arm, das aus fassungslosem Schmerz nicht mit dem Weinen aufhören konnte. (Er hatte sich nur in die Lippe gebissen, aber das konnten weder er noch ich überblicken.) Im ersten Zorn hat er mich gehauen, aber als ich ihn an seine Mutter weitergeben wollte, hat er sich an mir festgeklammert. Es war unser gemeinsamer Unfall und nur wir zwei konnten uns wieder trösten. Ich hadere oft mit mir, weil ich es den Kindern und mir zu bequem mache. Aber wie soll man seine Erziehung ändern, wenn einen im Moment des größten Selbstvorwurfs ein solches Maß an Liebe und Vertrauen trifft?

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Milchzähne, Babyschuhe, feierlich überreichte Tannenzapfen: Was bewahrst Du auf?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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