Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Kinder als Ausrede vorschieben? Was spricht dafür?

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Das Kind hat 39,99° Fieber? Für unseren Elternkolumnisten noch lange kein Grund, sich krankzumelden. Illustration: Lillith BenedictDas Kind hat 39,99° Fieber? Für unseren Elternkolumnisten noch lange kein Grund, sich krankzumelden. Illustration: Lillith Benedict

Berlin. Keine Lust auf die Party? Zu müde zum Arbeiten? Wann ist es in Ordnung, die Kinder vorzuschieben? Und wo ist es sogar unvermeidlich?

In der vergangenen Woche hatte Corinna Berghahn ihren eigenen Impfstatus angeprangert und ihren Kollegen gefragt: „Schiebst Du Deine Kinder vor, wenn du Einladungen absagen willst?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna!

Ein Standardthema von Elternratgebern ist die Familiengründung als Ende des Partylebens. Für viele scheint das eine Horrorvorstellung zu sein, vor allem wahrscheinlich für diejenigen, die ihre Kinder im Taumel einer besoffenen Nacht gezeugt haben. Da kommt zum körperlichen Kater dann noch der moralische, weil die Party nun wirklich vorbei ist. Ich selbst habe allerdings nie wild gefeiert. Grundsätzlich wäre ich, genau wie Du vermutest, wohl wirklich ein Mensch, der die Kinder vorschiebt, um Einladungen zu vermeiden. Warum feiern, wenn man auch fernsehen kann? Zur ehrlichen Antwort gehört aber auch: Mich lädt gar keiner ein. Die einzigen Partys, vor denen ich mich drücken kann, sind dritte und vierte Geburtstage.

Natürlich sind Kinder auch in anderen Lebensbereichen eine willkommene Ausrede. Zum Beispiel, wenn man wieder mal keine Lust hat, seine Fernsehkritik zu schreiben. Eine Woche mit einem erbrechenden Kind ertrage ich leichter als eine Stunde mit dem „Bachelor“, in der ich dann selbst breche. Ich spreche aus Erfahrung: Mein Sohn hat sich vor exakt vier Stunden auf mein Hemd übergeben. Egal! Am Bett fiebriger Kinder versinke ich regelmäßig in profunder Ergriffenheit. Ab 39,8° werfen meine Söhne mir tiefere Blicke zu als ein Spendenplakat von Misereor. Wenn ich weinen möchte, gucke ich mir ein altes Foto an, auf dem mein erster Sohn den Scheitelpunkt seiner Grippe erlebt. Nie wurde elementare Enttäuschung intensiver gebündelt als in den Augen dieses stumm duldenden Kindes.

In einem Wort: Ich hüte gern Patienten. Es fällt mir aber schwer, mich deswegen krankzumelden. Zum einen gehört es zum Berufsbild des Journalisten, dass man Abgabetermine selbst dann einhält, wenn man gerade stirbt. Zum anderen handelt man sich mit der „Ärztlichen Bescheinigung für den Bezug von Krankengeld bei Erkrankung eines Kindes“ ein bürokratisches Bohei ein, das noch redundanter ist als der Name des Formulars. Gerade musste mein Kind neun Tage zu Hause bleiben; einen habe ich blaugemacht, den Rest mit freien Tagen und Nachtarbeit ausgeglichen. Das war immer noch entspannter. (Diesen Absatz bitte farbig markieren und diskret in der Chefetage verlieren.)

Trotzdem sind Kinder natürlich ein Vorwand für alles Mögliche: Wer alles auf die Hormone schieben kann, macht keine Diät mehr. Wer ganze Wochen im Elterncafé verbummelt, hat endlich einen Grund, den Sprachkurs, die Promotion oder das Bügeln von Oberhemden für immer abzublasen. Wer man wirklich ist, erfährt man erst, wenn Kinder da sind: Was man auch dann noch auf sich nimmt, wenn man nachts dreimal das Laken wechseln musste, das ist die wahre Substanz.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Wie gut ist denn Dein Grundschulwissen? Scheiterst Du an den Hausaufgaben Deiner großen Tochter, oder hältst Du noch mit?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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