„Wir sind in Tränen ausgebrochen“ Hoffen, Warten und dann das große Glück: Eine Adoptivmutter erzählt

Von Corinna Berghahn

Ein Leben ohne Kinder konnten sich die Reckes nicht vorstellen – und hatten Glück: Sie konnten zwei Kinder adoptieren. Symbolfoto: Colourbox.deEin Leben ohne Kinder konnten sich die Reckes nicht vorstellen – und hatten Glück: Sie konnten zwei Kinder adoptieren. Symbolfoto: Colourbox.de

Osnabrück. Hoffen und Bangen: Wer ein Kind adoptieren möchte, begibt sich auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Wir haben uns mit einer Mutter unterhalten, die gleich zwei Kinder adoptiert hat und uns von der Zeit im emotionalen Ausnahmezustand berichtet.

„Als mein Mann unser Kind das erste Mal im Arm hielt, ist er in Tränen ausgebrochen“, erzählt Sabine Recke*. Warum auch nicht; so ergeht es schließlich vielen Eltern beim ersten Anblick des neugeborenen Kindes. Nur dass das Kind der Reckes da schon etwa drei Wochen alt war – und im biologischen Sinne auch gar nicht ihr Kind: Die kleine Sina wurde von ihnen adoptiert. Nun lebt sie seit mehr als fünf Jahren zusammen mit ihren Adoptiv-Eltern in einer großen norddeutschen Stadt; seit drei Jahren sogar mit einem Geschwisterchen, das ebenfalls adoptiert wurde.

Sabine Recke und ihr Mann können aus medizinischen Gründen keine eigenen Kinder bekommen; das wussten beide schon sehr bald, nachdem sie zusammen gekommen waren. Genauso wie sie wussten, dass sie sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen konnten. Ihre Versuche, es trotzdem auf natürlichem Wege zu schaffen, fruchteten nicht. „Wir haben uns dann für eine Adoption entschieden. Uns war wichtig, dass wir ein Kind adoptieren und kein Pflegekind aufnehmen, damit sicher ist, dass das Kind auch bei uns bleiben kann“, berichtet Recke.

Ein Kind ist kein Statussymbol

Recke und ihr Mann arbeiten beide mit Kindern, sind verheiratet, weit unter 40 Jahren alt und haben keine Einträge in ihren erweiterten Führungszeugnissen: Alles Punkte, die es ihnen bei der Adoptionsstelle ihrer Stadt sicher leichter gemacht haben dürften, vermutet Sabine Recke: „Die Adoptionsstellen schauen schon genau, wen sie adoptieren lassen – und warum. Das ist auch gut so, denn ein Kind ist kein Statussymbol á la ,Mein Haus, mein Auto, mein Hund und dann eben mein Kind‘. Uns war es auch egal, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen kriegen. Solche Wünsche finde ich albern.“

Bewirbt man sich für ein Kind, geht das immer nur in der Stadt, in der man lebt. Der Prozess, der darauf folgt, ist jedoch überall gleich: Man meldet sich bei der Adoptionsstelle und hat mehrere Gespräche mit einem Sachbearbeiter. Die Gespräche finden in der Adoptionsstelle und dann im gemeinsamen Zuhause des Paares statt. Darauf folgen dann Einzelgespräche. „Danach schreibt man so eine Art Lebensbericht, in dem man reflektiert, wie man aufgewachsen ist und wie die eigene Kindheit war,“ berichtet Recke.

Werden Eltern mir glücklichen Kindheiten bevorzugt? Nein, glaubt Recke: „Der Bericht muss keine Heile-Welt abbilden. Aber wichtig ist, dass man mit seiner Vergangenheit gut klar kommt und eventuelle Probleme angeht oder verarbeitet hat.“ Ebenfalls aufschreiben mussten die Reckes, was sie sich für die Zukunft eines eigenen Kindes wünschen, wie es aufwachsen soll und was sie selbst für Erziehungsvorstellungen haben.

Plötzlich kam der Anruf

„Schwergefallen ist uns das Schreiben nicht, aber wir haben natürlich sehr genau überlegt, schließlich ist das für die Bewerbung um ein Kind – und das ist eine Riesensache.“ Das Bewerbungsverfahren bei der Adoptionsstelle dauerte etwa drei Monate – danach hieß es warten. „Man sagte uns, dass es nun in etwa ein bis anderthalb Jahre bis zur Vermittlung eines Kindes dauern kann. Wenn wir bis dahin nichts von der Adoptionsstelle hören würden, wären unsere Chancen nicht mehr so groß.“ Tatsächlich variieren die Chancen auf ein Kind von Stadt zu Stadt; zumeist gibt es weitaus mehr Bewerber als Kinder.

Das Treffen mit der Mutter

Doch die Reckes hatten Glück – vielleicht auch, weil sie in einer größeren Stadt leben, in der mehr Kinder zur Adoption freigegeben werden: „Nach nur acht Monaten kam plötzlich ein Anruf. ,Es gibt ein Kind zur Vermittlung und die Mutter möchte euch gerne kennenlernen‘, sagte man uns.“

Was dann passierte, war „total bewegend“, denn eigentlich war der Plan, dass die Reckes die Mutter kennen lernen und diese sich dann noch in Ruhe entscheidet, ob sie die Reckes wählt oder lieber noch andere Bewerber kennenlernen möchte. Doch die Mutter sagte schon im ersten Gespräch die magischen Worte: „Ich möchte, dass sie zu euch kommt.“

Das Kind durften die Reckes am selben Tag noch sehen, die leibliche Mutter legte es ihnen sogar in den Arm. Ein Moment, den das Ehepaar wohl nie vergessen wird: „Man kann das in dem Moment gar nicht so fassen. Mein Mann, der nicht nah am Wasser gebaut ist, ist total in Tränen ausgebrochen und ich habe die Kleine einfach nur festgehalten. Die Mutter hat sich bei uns bedankt und wir uns bei ihr. Dann ist sie raus gegangen.“

Dankbarkeit und Bewunderung

Gegenüber der leiblichen Mutter verspürt Sabine Recke neben Dankbarkeit viel Bewunderung: „Das ist eine ganz sympathische, hübsche und junge Frau, der dieser Schritt sehr schwergefallen ist und die ihr Kind in guten Händen wissen wollte. Wir haben uns lange unterhalten, und dabei gemerkt, dass sie sich für ihr Kind genau das wünscht, was wir ihm geben wollen.“ Die Frau habe ihre Schwangerschaft viel zu spät bemerkt, hatte keinen Partner und traute sich die Verantwortung nicht zu.

Am selben Tag mitnehmen konnten die Reckes das Kind jedoch nicht, denn zuerst musste der Vormund des Kindes zustimmen. Zur Erklärung: Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, erhalten einen gesetzlichen Vertreter – meist vom Jugendamt –, bis die Adoption abgeschlossen ist.

Die Babyschale fürs Kind mussten die Reckes innerhalb von 24 Stunden auftreiben. Foto: Colourbox.de

Danach wurde es für die Reckes etwas hektisch: „Wir hatten einen halben Tag, um alles für das Kind vorzubereiten. Also haben wir schnell alle Freunde angerufen und gefragt, ob jemand eine Babyschale fürs Auto oder Babybekleidung übrig hat, danach ging es in einen Laden, um alles Fehlende zu besorgen. Aber dieses Von-jetzt-auf-gleich ist typisch für Adoptionen.“

Noch war das Kind nicht adoptiert

Bis die Adoption rechtlich abgeschlossen war, dauerte es allerdings noch eine lange Zeit. „Die Mutter muss zum Notar gehen, das darf sie erst acht Wochen nach der Geburt. Damit soll ausgeschlossen werden, dass sie ihre Entscheidung später bereut. Allerdings ging Sinas Mutter erst weit später zum Notar. „Obwohl sie uns gesagt hatte, dass wir uns keine Sorgen machen müssen und ihre Entscheidung feststeht, wurden wir dann doch immer nervöser“, erzählt Recke.

Um die Situation für das Kind zu klären, werden Mütter, die sich derartig Zeit lassen, von der Adoptionsstelle oder dem Jugendamt aufgefordert, den Notar aufzusuchen. Daraufhin ging auch Sinas Mutter zum Notar. „Sie hat deshalb so lange gebraucht, weil dieser Schritt wieder bedeutet hat, sich mit ihrer Entscheidung zur Abgabe auseinanderzusetzen. Es ist ihr eben sehr schwer gefallen. Ich kann das verstehen.“

Erst dann konnten die Reckes zum Notar gehen und die Adoption für sich amtlich machen. Doch auch dann ist sie noch nicht durch: „Etwa nach Ablauf eines Jahres wird man vor das Familiengericht geladen. Dort wurden wir noch mal kurz befragt, wie es so gelaufen ist und ob wir das Sorgerecht annehmen wollen. Natürlich wollten wir! Sina war dann nach ungefähr eineinviertel Jahren gesetzlich unser Kind und hat seitdem auch offiziell unseren Nachnamen.“ Als Familie hätten sich die Reckes jedoch schon von dem Augenblick an gefühlt, als sie Sina in die Arme schlossen.

Sinas Geschwisterchen

Als Sina zwei Jahre alt war, entschlossen sich ihre Eltern, es noch einmal bei der Adoptionsstelle zu versuchen. „Dieses Mal war der Prozess der Anmeldung viel kürzer – und auch die Wartezeit auf das Kind.“ Schon drei Wochen, nachdem die Bewerbung vollständig war, gab es den erhofften Anruf. Dieses Mal war es ein Paar, dass sein Kind abgeben wollte: „Ganz tolle Menschen, die dieses Kind wirklich lieben, aber das ungeplante Kind aus familiären Gründen nicht bei sich behalten konnten – und sich sehr wünschten, dass es in eine Familie mit einem weiteren Kind aufwächst.“

Bei den Reckes geht man offen damit um, dass die Kinder adoptiert wurden: „Unserer großen Tochter haben wir schon sehr früh erzählt, dass sie nicht bei mir im Bauch war. Das hat für sie eigentlich keine große Rolle gespielt. Nur einmal gab es eine Situation, wo ein Kind gesagt hat: ,Deine Mama ist ja gar nicht deine richtige Mama und dein Geschwisterchen ist ja gar nicht mit dir verwandt‘. Das hat Sina getroffen, aber wir haben es glücklicherweise mitbekommen und konnten es mit ihr besprechen.“

Post für die leiblichen Eltern

Zudem erhalten die leiblichen Eltern der beiden Kinder regelmäßig Post mit Fotos ihrer Kinder und Berichten, wie diese sich entwickelt haben. „Die abgebenden Eltern entscheiden, ob Kontakt bestehen bleibt. Ich finde es gut, dass es bei uns so ist, denn es ist für uns schön, dass wir wissen, wo die Kinder herkommen. Und dass sie die Chance haben, später die biologischen Eltern kennenzulernen, was wir auch gerne möchten. Das ist sehr wichtig, denn dort sind ihre Wurzeln.“

Sabine Recke weiß, dass ihre Adoptionsgeschichte ideal gelaufen ist: Sie mussten nicht vergeblich oder jahrelang warten, ihre Kinder sind gesund und glücklich und zu den abgebenden Eltern besteht über die Adoptionsstelle vertrauensvoller Kontakt. „Ich kenne auch andere Fälle, in denen die leiblichen Eltern von keinem der Kinder bekannt sind. Das ist für die Familien dann schon eine ganz andere Situation. Nichtsdestotrotz sind alle Adoptivkinder, die ich getroffen habe, ganz tolle und süße Kinder.“

*Die Eltern möchte ihre Anonymität und besonders die ihrer zwei Kinder geschützt wissen. Daher wurden alle Namen im Artikel verändert.