Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Warum Pippi Langstrumpf ganz dringend eine Therapie braucht

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Pippi Langstrumpf (alias Schauspielerin Inger Nilsson) mit ihrem Äffchen „Herrn Nilsson“ auf der Schulter. Szenenfoto von 1968: dpaPippi Langstrumpf (alias Schauspielerin Inger Nilsson) mit ihrem Äffchen „Herrn Nilsson“ auf der Schulter. Szenenfoto von 1968: dpa

Osnabrück. Alle mögen Pippi Langstrumpf? Nein, nicht alle. Unsere Elternkolumnistin hält die Neunjährige sogar für psychisch auffällig. Mindestens.

In der vergangenen Woche hat unser Kolumnist Daniel Benedict eine Liste des Grauens der schlimmsten Kinderbuch-Reihen für Eltern erstellt – und seine Briefpartnerin dann gefragt: „Was um Gottes willen passt Dir an Pippi Langstrumpf nicht?“ Dies ist die Antwort von Corinna Berghahn:

Lieber Daniel,

„ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“, sang Andrea Nahles 2013 im Deutschen Bundestag. Womit sie das Intro-Lied der TV-Serie zu Pippi Langstrumpf wohl für ewig verbrannt hat. Aber das ist nicht der Grund, warum ich Pippi nicht mag. Auch dass ihr Vater in den älteren Übersetzungen des Buches als „Negerkönig“ bezeichnet wird, hat nichts mit meiner Aversion zu tun.

Ich mag Pippi einfach nicht, diese egomane, superstarke, irgendwie auch fiese Göre, die sich anscheinend die langweiligsten Kinder des Dorfes nur deshalb als Freunde erkoren hat, damit sie selbst noch viel wilder und unangepasster erscheinen kann.

Pippi, der Bully

Denn ist das etwa Freundschaft zwischen den Kids? Nö, das ist einseitige Bewunderung. Oh toll, Pippi kauft viele Süßigkeiten! Problem: Kinder, die nicht zu ihrer eingeschworenen Gang gehören, werden ausgegrenzt und bekommen keine Bonbons von ihr. Pippi, der Bully.

Warum hat sie das nötig? Klar, ihre Mutter ist tot, ihr Vater lebt lieber ohne Kind in der Südsee. So ein Schicksal ist schon hart. Trotzdem: Ich habe mich schon als Kind gefragt, warum sie nicht netter und verständnisvoller auf ihre Umwelt eingeht. Letztendlich kann ihr doch keiner was, schließlich ist sie stark und reich und hat immer Limonade im Baum.

Pippi will – wie Peter Pan oder Oskar Matzerath – nicht erwachsen werden. Nimmt sogar Pillen dagegen:


Sie macht alles so, wie man es nicht machen soll, beschäftigt sich nur mit sich und ihren Interessen, lässt andere Meinungen nicht gelten und bestimmt autoritär, was ihre Freunde bitte zu spielen haben, macht Erwachsene gerne lächerlich, und das nur, weil sie erwachsen sind und ihren Job als Dorfpolizist oder Zirkusringer machen...

Das ist nicht lustig, das ist überhaupt nicht sympathisch, das ist grausam. Und klingt nach ernsthafter psychischer Auffälligkeit. Ich tippe auf ADHS mit Tendenz zum krankhaften Narzissmus.

Ein Anti-Kind ihrer Zeit

Astrid Lindgren – die ich sehr schätze und deren andere Kinderbücher großartig sind – nahm in den 1940er-Jahren eine Fantasiefigur ihrer kranken Tochter und baute Geschichten um sie aus. Das ist toll. Und für die damalige Zeit, als frechen Kindern Schläge drohten und Erwachsene per se immer recht hatten, sicher revolutionär.

Aber heute ist Pippi, diese Alleskönnerin und Totalverweigerin, eben nur noch nervig und erinnert an die Art Kinder, über die sich alle so gerne aufregen: Die, die egoistisch ihren Weg gehen und ihre Umwelt in den Wahnsinn treiben.

Das einzig Gute an Pippi ist, dass sie Astrid Lindgren den Weg als Autorin geebnet hat und deshalb so tolle, ambivalente und lustige Figuren wie Ronja Räubertochter, Madita, Kalle, Michel und die sechs Kinder aus Bullerbü die Kinderzimmer besuchen. Ego-Pippi kann hingegen schön in ihrer Villa bleiben und Pillen nehmen.

Deine Corinna

P.S.: Sind die Hände Deiner Kinder auch schon weggefroren, weil sie alle drei Sekunden ihre Handschuhe vergessen?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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