Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Conni? Leo? Welcher Kinderbuch-Star ist der schlimmste?

Von Daniel Benedict

Kinder lieben Leo Lausemaus. Aber wie steht’s mit den Eltern? Illustration: Lilith Benedict nach den Büchern aus dem Lingen VerlagKinder lieben Leo Lausemaus. Aber wie steht’s mit den Eltern? Illustration: Lilith Benedict nach den Büchern aus dem Lingen Verlag

Berlin. Leo Lausemaus? Conni? Welche Kinderbuch-Reihe ist für Eltern die Schlimmste? Nachtgedanken über Wohl und Wehe der Gute-Nacht-Geschichte.

In der vergangenen Woche hat unserer Kolumnistin Corinna Berghahn über den Waffengebrauch in der Schule nachgedacht – und ihren Kollegen gefragt: „Alle lieben Pippi Langstrumpf? Ich nicht. Hast Du auch einen Kinderbuchhelden, bei dem sich Dir die Nackenhaare sträuben?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

dass ich überhaupt Kinder gezeugt habe, hängt auch mit meiner Überlegung zusammen: Wenn ich Abend für Abend Gute-Nacht-Geschichten vorlesen muss, kann ich endlich all die Klassiker nachholen, die ich in meiner eigenen Kindheit verpasst habe: Tolkien, die Mumins, sämtliche Seefahrer-Romane und vor allem den ganzen Phil Dick. Mir war damals nicht klar, wie lange es dauert, bis man über die Bilderbücher hinweg ist.

Wenn du mich fragst, welcher Star in diesem Segment der schlimmste ist: Marius van Dokkums Opa Jan. Die blass aquarellierten Bilder zelebrieren in der unangenehmsten Weise einen behaglichen Niedergang – alle Dächer sind schief, alle Schrauben locker, die Socken wurmstichig. Wenn’s lustig wird, futtert Opa Bohnen und pupst sich ins All. Pointen, bei denen in mir der Verdacht aufkeimt: Der Autor weiß am Anfang seiner Bücher selbst nicht, wie es ausgehen soll.

Viele Eltern würde die Frage nach scheußlichen Helden sicher mit Conni oder Leo Lausemaus beantworten. Ich glaube ja selbst, dass all die Leos in meinem Bekanntenkreis nicht zufällig Erstgeborene sind. Kein Mensch nennt seinen Sohn noch so, wenn er zwei, drei Bände des mausigen Vorzeige-Spießers hinter sich hat. Trotzdem gebe ich zu: Auch ich nehme ihn hin und wieder aus der Bücherei mit. Vorlesen ist Mittel zum Zweck; und mit Konsensliteratur wie der Lausemaus lassen Kinder sich widerstandslos in den Schlaf langweilen.

Die Alternative ist auch viel unbequemer: Am allerliebsten hören meine Kinder nämlich meine Memoiren. Opa Jan kann ich noch lesen, wenn ich selbst längst schnarche. Für gute Kindheitserinnerungen muss man hellwach sein. Wenn ich meinen sprechenden Dackel beschwöre und die Geheimgänge unter meinem Bett kartiere, wenn ich noch einmal jene Erbsaussaat ausmale, bei der ich einst auf Knochen stieß, in denen Frau Dr. Diseldusel vom Naturkundemuseum den prähistorischen Fleischfresser erkannte – dann, ja dann gefährdet der kleinste Fehler meine Glaubwürdigkeit.

Das Beste an den Geschichten von „als ich klein war“: Mein älterer Sohn kontert sie immer mit Geschichten von „als er groß war“. Für mich bringt die geniale Umkehrung das ganze Paradoxon der Elternschaft auf den Punkt: dass man sich in Kindern selbst als Kind fühlt, dass man die eigenen Eltern in ihnen erkennt und den Erwachsenen, der sie mal sein werden. Und dass sie einen beschützen, dadurch dass man sie schützt.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Was um Gottes willen passt Dir an Pipi Langstrumpf nicht?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.