Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Waffen in Kinderhänden an der Grundschule? Die gibt es – leider

Von Corinna Berghahn

Waffen haben in Kinderhänden – und sehr vielen Erwachsenenhänden – nichts verloren, findet unsere Elternkolumnistin. Foto: Colourbox.de.Waffen haben in Kinderhänden – und sehr vielen Erwachsenenhänden – nichts verloren, findet unsere Elternkolumnistin. Foto: Colourbox.de.

Osnabrück. Waffen sind an Schulen verboten. Das wissen die Eltern, das wissen auch Kinder. Mitgebracht werden sie trotzdem – und mitgegeben manchmal sogar von den Eltern, wie unsere Elternkolumnistin berichtet.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict über sich gegenseitig verprügelnde Eltern und die ihn prügelnden Söhne gestöhnt – und seine Kollegin gefragt: Haltet Ihr Euch an das Waffenverbot an Niedersachsens Grundschulen? Dies ist Ihre Antwort:

Lieber Daniel,

tatsächlich mussten wir bei der Einschulung von Kind 1 einen Zettel unterschreiben, der uns über das „Verbot des Mitbringens von Waffen, Munition und vergleichbaren Gegenständen sowie von Chemikalien in Schulen“ aufklärte. Haben wir auch, denn Waffen haben in der Schule schließlich nichts zu suchen.

Das ist aber nicht Allgemeingut, wie mir eine Freundin berichtete. Sie ist Lehrerin in einer Grundschule in einer Großstadt in Niedersachsen. Der Fall: Kind, acht Jahre, bedroht Schulkameraden mit Pistole, nachdem dieser ihn geärgert hat. Die Pistole war nicht geladen – aber echt.

Die Polizei wird gerufen, der Papa vom Pistolen-Kind muss seinen Sohn abholen. Und sagt: „Wenn mein Kind geärgert wird, dann darf es sich auch verteidigen.“ Daher hatte er dem Kleinen seine Pistole mitgegeben. Was tun, wenn die Eltern derart stumpf sind? Der Papa musste Strafe zahlen, aber ob er daraus gelernt hat? Er scheint eher im Sinne der National Rifle Association in den USA zu denken, die das Waffenrecht für alle hochhalten und ernsthaft behaupten, dass so manches Schulmassaker zu verhindern gewesen wäre, wären Lehrer und Kinder nur bewaffnet gewesen.

„We need to talk about Kevin“

Aber früher war auch nicht alles besser: Als ich jung war, schoss der mir unsympathische, weil stets laut nach Aufmerksamkeit buhlende Nachbarsjunge einem kleinen Mädchen mit Pfeil und Bogen das linke Auge aus. Er war etwa neun Jahre jung, das Mädchen vier. Es passiert natürlich „aus Versehen“, weil man ja einfach mal so auf kleine Menschen zielt beim Spielen... Seine Eltern mussten Geld an das Kind und seine Familie zahlen. Irgendwie konnte sogar das Auge gerettet werden, wenn auch nicht zu hundert Prozent.

Das ist über ein Vierteljahrhundert her, hat mich aber sehr beeindruckt: Als später in dem Horror-Familienfilm „We need to talk about Kevin“ der namensgebende Junge mit Pfeil und Bogen Vater, Schwester und Schulkameraden erschießt, konnte mich das nicht mehr schocken.

Dann war da noch der Junge aus meiner Klasse, dessen Vater Jäger war. Auf dem Kindergeburtstag haben wir mit einem Luftgewehr auf eine Zielscheibe geschossen. Ich war recht gut, trotzdem war es seltsam – besonders, als der Jäger-Papa mir vorschlug, das nächste Mal mit ihm und seinem Sohn auf Tauben zu schießen.

Zu diesen Erinnerungen aus meiner Kindheit könnte man sagen: Die Amokläufe in Columbine, Erfurt und Winnenden waren noch nicht passiert, es waren die unbedarften 80er, Jungs sind eben Jungs oder ähnlicher Quatsch. Ich finde aber, niemand sollte mit Waffen auf Menschen zielen, geschweige denn schießen. Und in Kinderhänden – und den meisten Erwachsenenhänden auch – haben sie nichts verloren.

Herzliche Grüße!

Deine Corinna

PS: Alle lieben Pippi Langstrumpf? Ich nicht. Hast Du auch einen Kinderbuchhelden, bei dem sich Dir die Nackenhaare sträuben?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.