Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Geheimtipp: Abschnullern mit Schnullerbett



Berlin. Auch unser Elternkolumnist hat sich zum neuen Jahr was vorgenommen – für seine Kinder. Sein Zweitgeborener wird abgeschnullert.

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn den Zuckerkonsum ihrer Weihnachtsferien gebeichtet – und ihren Kollegen gefragt: „Hast Du Dir für 2018 ein familiäres Projekt vorgenommen? Den Kindern Angeln beibringen? Oder endlich irgendwas anders zu machen?“ Das ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

meine Kindheit habe ich im Schlagschatten älterer Geschwister verbracht, die mir in allen wichtigen Disziplinen voraus waren: Aufs Töpfchen gehen, Lego-Anleitungen begreifen, peinliche Liebesbriefe schreiben – bei allem, was im Leben wirklich zählt, hatten sie einen Vorsprung von sechs beziehungsweise acht Jahren. Die Grunderfahrung der Unterlegenheit hat mir nicht nur ein übles Konkurrenzgefühl eingepflanzt, sondern auch die noch stärkere Überzeugung: Um welche Herausforderung es sich auch handelt – ich sollte mich nie übermäßig ins Zeug legen, weil andere es sowieso besser können.

An Silvester immunisiert mich das von jeher gegen die Idee, ich müsste in meinem Leben irgendwas anders machen als im letzten Jahr. Noch nie habe ich einen guten Vorsatz gefasst. Mit Kindern ist das natürlich was vollkommen anderes. An denen gibt es immer was zu verbessern. Elternratgeber kartografieren die Kindheit nicht ohne Grund in Meilensteinen. Die für uns wichtigsten: Unsere Kinder sollen die drei Stockwerke in die Wohnung auf ihren Füßen statt auf meinen Armen zurücklegen, sie sollen – bitte, bitte – endlich allein einschlafen, und nicht mehr so oft ihre Mahlzeiten durch die Küche werfen. Das alles nehmen wir uns eigentlich jedes Jahr vor; besser werden nur die Parodien, mit denen die Kinder meine Wutreden veralbern, wenn wieder ein Wurstbrot an der Wand klebt. Zumindest hier haben wir eine Lösung: Mit Wirkung vom 1. Januar sitzen die beiden an der wandabgewandten Tischseite, wo sie nur noch ihre eigenen Stühle buttern können.

Ein anderer Vorsatz ist weniger mein eigener als der unserer Tagesmutter. Die gewöhnt unserem kleinen Kind seit Monaten den Schnuller ab. Mir ist eigentlich völlig egal, wie lange er nuckelt; in den ersten acht Monaten hat er es gar nicht gemacht. Von mir aus dürfte er das jetzt ruhig an die empfohlene Höchstdauer ranhängen. Aber ich halte dem strafenden Tagesmutter-Blick nicht mehr stand, wenn ich ihm beim Abholen den Schnuller gleich wieder zustecke. Deshalb haben wir das „Schnuller-Bett“ aufgestellt, in das er morgens die ganze Sammlung reintun muss. Inzwischen braucht er nämlich immer drei Schnuller, einen im Mund, zwei in der Hand. Und wenn er nachts aufwacht, will er nicht einen Schnuller, sondern einen bestimmten; ich verliere derzeit viel Schlaf beim Suchen. Es gibt also gute Gründe für den Neujahrsvorsatz: Schnuller-Entzug. Leider fällt er mir noch schwerer als ihm: Mit 43 Jahren muss ich zum ersten Mal etwas entwickeln, das andere sich zumindest einmal im Jahr für ein oder zwei Wochen abverlangen: Konsequenz.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Gibt es was, das Du heute genauso machst wie Deine Mutter – obwohl Du es als Kind gehasst hast?

Das Buch zur Kolumne gibt es jetzt auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kenne das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer einen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die andere ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine fast zwei und vier Jahre alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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