Urlaub in World of Warcraft Computerspielsucht: Bin ich schon süchtig oder zocke ich noch?

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Osnabrück. Einfach in Ruhe ein Computerspiel spielen. Zum Abschalten gibt es für mich manchmal nichts Schöneres. Besonders Online-Games faszinieren mich, seitdem es sie gibt. Ich tauche gern in digitale Welten ein und muss mir dabei doch die Frage stellen: Bin ich schon süchtig oder zocke ich noch?

Ende August treffe ich endlich wieder meinen alten Kumpel Malikk. Wir kennen uns schon seit elf Jahren, sehen uns in letzter Zeit aber eher sporadisch. Malikk ist etwas Besonderes: Er ist knapp drei Meter groß, trägt niemals Schuhe, hat riesige Ohren und zwei noch größere Hauer, die ihm aus dem Mund ragen. Er ist Jäger, er ist ein Troll und er ist mein Avatar in World of Warcraft (WoW).

Urlaub in World of Warcraft

Als das Online-Rollenspiel World of Warcraft 2005 in Europa erschienen ist, fiel meine Wahl beim Erstellen eines Charakters auf einen Troll-Jäger. Seitdem durchstreife ich mit Malikk die Welt von WoW, das sogenannte Azeroth. Am 30. August erscheint die mittlerweile sechste Spielerweiterung „Legion“. Malikk und ich sind dann verabredet. Ich mache Urlaub bei ihm, Urlaub in World of Warcraft, einem Spiel, dem man eine erhöhte Suchtgefahr beimisst.

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Pinta-Studie

Bis heute gibt es keine verlässlichen Statistiken zu Computerspielsucht in Deutschland. Eine der wenigen Studien dazu veröffentlichten die Universitäten Lübeck und Greifswald im Jahr 2011 zusammen mit dem Bundesministerium für Gesundheit: die „Pinta-Studie“. Demnach waren 2011 etwa ein Prozent der 14- bis 64-jährigen in Deutschland internetabhängig. 4,6 Prozent wurden als problematische Internetnutzer angesehen. Die Zahlen in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen waren am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Internetnutzer wies die Studie vor fünf Jahren auf.

Symptome von Computerspielsucht

Eine weitere Studie der Universitäten Hohenheim und Münster aus dem Jahr 2014 legt hingegen nahe, dass überraschend wenig Zocker dauerhaft ein problematisches Spielverhalten haben. Über den Zeitraum von zwei Jahren wurden Probanden zu ihrem Nutzerverhalten befragt. Dabei zeigten nur ein Prozent der befragten Computerspieler Symptome von Computerspielsucht, während mehr als 90 Prozent im Untersuchungszeitraum unauffällig in ihrem Spielverhalten waren.

Killerspiel-Debatte

Meine Computerspiel-Karriere begann mit einem Commodore C64, mit Spielen, die man noch von Kassetten abspielen musste, mit Joysticks, die nach intensivem Gebrauch schnell auseinanderfielen. Das war Ende der 80er Jahre. Es folgten der erste Gameboy, ein Sega Gamegear, ein Super Nintendo und schließlich Mitte der 90er Jahre mein erster PC. Das Schrauben an der Hardware, das erste Windows, die ersten Spiele: Die Evolution der PCs habe ich hautnah mitbekommen.

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Damals wurde man häufig schräg angeschaut, wenn man sich öffentlich zum Zocken bekannte. Die unsägliche Killerspiel-Debatte Anfang der 2000er tat daran ihr Übriges. Im Grunde waren wir Zocker entweder potenzielle Amokläufer, spielsüchtig, oder schlicht „Nerds“.

Keine Männer-Domäne

Das ist heute zum Glück anders. Computer- und Videospiele haben sich laut einer aktuellen Umfrage in Deutschland über alle Altersgruppen hinweg fest etabliert. 42 Prozent der Bevölkerung spielen heute regelmäßig, sagt Martin Börner, Präsidiums-Mitglied des Digitalverbands Bitkom. Das seien 30 Millionen Menschen ab 14 Jahren. Auch, dass Games eine Männer-Domäne seien, stimme nicht mehr. Laut der von Bitkom Research in diesem Jahr durchgeführten Umfrage liegt der Anteil der männlichen Spieler mit drei Prozentpunkten nur knapp vorn.

WoW macht süchtig, oder?

Zum Glück bin ich nicht allein. Doch auch trotz dieser Erkenntnis bleibt das Thema Computerspielsucht akut. In diesem Zusammenhang wird auch häufig das Spiel World of Warcraft genannt. WoW stammt aus der Schmiede von Blizzard Entertainment, einem Spieleherausgeber und -entwickler aus den USA, der es wie kein anderer versteht, Spiele zu veröffentlichen, die über Jahre hinweg einen erhöhten Wiederspielwert bieten. Das zeigen Blizzard-Games wie Diablo, Hearthstone oder Starcraft, die vor allem dann Spaß und Erfolg bereit halten, wenn man viel Zeit investiert.

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Potenziell süchtigmachend

Seit der Veröffentlichung vor mehr als zehn Jahren ist WoW auch Vorbild für viele andere Spiele gewesen. Zu nennen sind hier etwa Guild Wars, der Herr der Ringe Online oder The Elder Scrolls Online. Alle folgen einem ähnlichen Spielprinzip wie WoW, alle gelten zudem als potenziell süchtigmachend.

In diesen Spielen gibt es immer etwas zu tun, sie stehen nicht still, warten nicht auf die Gamer, wenn der PC ausgeschaltet ist. So entsteht schnell ein gewisser Druck, jederzeit online sein zu müssen – um alles zu schaffen und nichts zu verpassen.

Erhabenes Gefühl des Sieges

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Siege gegen sogenannte Boss-Gegner in World of Warcraft und an das erhabene Gefühl danach. Warum erhaben? Die Endgegner in WoW konnte ein Spieler damals auf keinen Fall alleine besiegen. Man brauchte Unterstützung, und zwar von 39 anderen WoW-Spielern. Nur so hatte ich überhaupt den Hauch einer Chance. Und um meinen Avatar Malikk dafür zu rüsten, waren viele Spielstunden nötig.

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So ein Boss-Kampf dauerte mitunter eine ganze Nacht lang. Es galt, gemeinsam taktisch klug vorzugehen, die Spielerrollen gut zu verteilen und konzentriert zu bleiben. 40 Spieler ziehen zusammen die Schwerter, Keulen und Zauberstäbe, für ein gemeinsames Ziel.

Raus aus meinem Kopf

Dieses Gemeinschaftsgefühl, der Spielfortschritt, das Sammeln der Gegenstände und das steigende Charakterlevel: World of Warcraft schafft es, die Belohnungszentren in meinem Hirn anzusprechen. Dabei gilt: Je mehr Zeit ich investiere, desto bessere Schwerter oder Rüstungen erhalte ich und desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich im Spiel.

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Die Süddeutsche übertitelte 2011 einen Artikel mit „Heroin aus der Steckdose“. Darin ging es um Christoph und Christine Hirt, die ihren Sohn an WoW verloren. Sie erkannten seine Sucht und versuchten, diese zu bekämpfen. Symptome für eine Computerspielsucht liefert die American Psychiatric Association (APA), die das Krankheitsbild als „Internet Gaming Disorder“ festlegte und folgende Kriterien bestimmte: Andauernde Beschäftigung mit Online-Spielen, Entzugssymptome, wenn das Spiel nicht zur Verfügung steht, Toleranzentwicklung mit dem Bedürfnis, zunehmend Zeit für Online-Spiele aufzubringen und der generelle Kontrollverlust über das Spielen.

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Pokémon Go auf dem Vormarsch

Aber nicht nur Spieltypen wie WoW sind suchtgefährdend. Auch sogenannte Casual Games, also leicht zugängliche Spiele wie etwa Pokémon Go oder Candy Crush, haben Suchtpotenzial. Laut der von Bitkom Research durchgeführten Umfrage aus diesem Jahr spielten 85 Prozent der Gamer auf dem Smartphone.

Die Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Dorothee Bär, sagte der Zeitung „Die Welt“, sie wolle „das Thema ‚Digitale Spiele in Kinderhänden‘ aus dem Schatten der Halbwahrheit und Dämonisierung herausholen“. Sie setzt sich dafür ein, dass Kinder ab drei Jahren an digitale Spiele herangeführt werden. Schließlich seien Online-Games „Teil der Lebensrealität vieler Familien“, sagte Bär.

Neue Beratungsstelle Oasis

Sollten Spieler in eine Computerspielsucht abdriften, gibt es mittlerweile einige Beratungsstellen. Mit einem neuen Hilfsprojekt wollen Mediziner der Universitätsklinik Bochum Internetsüchtige online erreichen und ihnen helfen. Der Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige (Oasis) soll Betroffene in Webcam-basierten Sprechstunden beraten. Das Projekt wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert. Vorgestellt wird Oasis am Mittwoch auf der weltgrößten Computerspielmesse, der Gamescom 2016 in Köln.

100 Tage in WoW

Mich hat die Frage, ob ich nicht vielleicht zuviel Zeit meines Lebens in Computerspiele investiert habe, schon oft beschäftigt. Schaue ich in Malikks und meine Statistik, sehe ich, dass ich insgesamt knapp 100 Tage mit ihm durch Azeroth gereist bin. Das sind 2400 Stunden in elf Jahren und knapp 218 Stunden pro Jahr, was knapp 0,6 Stunden pro Tag entspricht. Klingt viel. Trotzdem will ich keine Sekunde missen. Ich freue mich bereits auf das Wiedersehen mit Malikk Ende August. Es wird wie ein Kurzurlaub in einer anderen Welt, der mir vor allem eines bereiten wird: Spaß beim Spielen.


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