zuletzt aktualisiert vor

Softwarehersteller Das Einhorn aus Schwaben - Teamviewer geht an die Börse

Von dpa

Der Eigner von Teamviewer konnte für die 84 Millionen Aktien 2,21 Milliarden Euro einstreichen. Foto: Andreas ArnoldDer Eigner von Teamviewer konnte für die 84 Millionen Aktien 2,21 Milliarden Euro einstreichen. Foto: Andreas Arnold

Frankfurt/Göppingen. Weltmarktführer? Da winkt man in Baden-Württemberg eigentlich müde ab - so viele gibt es davon im „Ländle“. Der Börsengang der Softwareschmiede Teamviewer aus Göppingen ist aber nicht nur für die abgeklärten Schwaben eine kleine Sensation.

Die Entwicklung geschah eigentlich aus Eigennutz. Um sich mittels Ferndiagnose von Computer zu Computer die oft langen Wege zu Kunden seiner Softwarefirma zu ersparen, hatte Tilo Rossmanith 2005 die Software Teamviewer entwickelt.

Aus dem gleichnamigen Unternehmen ist Rossmanith längst ausgestiegen - möglicherweise zu früh. Denn inzwischen beschäftigt Teamviewer rund 800 Mitarbeiter in Europa, den USA und Asien und ist mehr als fünf Milliarden Euro wert. Ein Einhorn, wie man Start-ups nennt, die einen Milliardenwert erreichen, war Teamviewer schon vor Jahren.

Am Mittwoch wagte sich das Technologieunternehmen auf das Parkett der Frankfurter Börse - mit Erfolg. Der Eigner von Teamviewer, der Finanzinvestor Permira, konnte für die 84 Millionen Aktien 2,21 Milliarden Euro einstreichen. Damit hat sich die Investition für Permira mehr als gelohnt. Permira hatte Teamviewer 2014 für 870 Millionen Euro gekauft. Nun konnte der Investor mit dem Teilverkauf seiner Aktien Kasse machen - und bleibt gleichzeitig mit gut 60 Prozent als Großaktionär engagiert.

Zum Handelsstart am Mittwoch lagen die Papiere zwar unter dem Ausgabepreis von 26,25 Euro. Dennoch sind die Aussichten gut. Für dieses Jahr erhofft sich Teamviewer Wachstumsraten von bis zu 39 Prozent bei den in Rechnung gestellten Umsätzen und war zuletzt äußerst profitabel. Vom Emissionserlös sieht die Firma selbst nichts, der geht an Permira. Die Milliarden benötigt Teamviewer nach den Worten von Finanzchef Stefan Gaiser aber auch nicht. „Wir brauchen ja kein zusätzliches Geld für unser Wachstum. Das schaffen wir aus eigener Kraft.“

Das Unternehmen bietet nicht nur die Software zur Fernwartung, sondern auch Programme für Videokonferenzen. „Wir rechnen nach dem Börsengang mit mehr Aufmerksamkeit, vor allem im Großkundenbereich“ sagte Gaiser. Die Konjunkturabkühlung fürchtet die Firma nicht. Denn ihre Programme werden von Firmen gerade in Zeiten des Abschwungs gerne genutzt, um Reisekosten zu sparen.

Teamviewer bietet seine Programme bereits im Abo-Modell an - eine Umstellung, die andere Softwareunternehmen noch vor sich haben. Derzeit haben die Göppinger rund 368.000 Abonnenten - mehr als doppelt so viele wie Ende Juni 2018. Die Software, die in der Basisversion für Privatkunden kostenlos ist und bleiben soll, wurde schon zwei Milliarden Mal installiert. Mehr als 360.000 Abonnenten zahlen für das Programm laut Börsenprospekt.

Mit großem Interesse wird der Börsengang von Teamviewer in Göppingen verfolgt - bekannt unter anderem als Sitz des Modellbahnproduzenten Märklin, des nach eigenen Angaben weltweit führenden Pressenherstellers Schuler und als Geburtsstadt von Fußballidol Jürgen Klinsmann. Angesichts des beeindruckenden Wachstums von Teamviewer war man sich in der Stauferstadt einig: So eine moderne Firma sollte in dem Industriestandort, der sich im 19. Jahrhundert mit dem Bau der württembergischen Eisenbahn am Rande der Schwäbischen Alb entwickelt hatte, unbedingt gehalten werden.

„Wir haben alles darangesetzt, dass Teamviewer in Göppingen bleibt“, sagt Oberbürgermeister Guido Till (CDU). „Da stand Stuttgart als Konkurrenz an“, berichtet der 64-Jährige. Teamviewer suchte dringend einen modernen und ausreichend großen Hauptsitz für allein dort mittlerweile 400 Mitarbeiter aus rund 50 Nationen.

„Daraufhin hat der Gemeinderat unseren Vorschlag angenommen, dass wir unser eigenes im Bau befindliches Verwaltungszentrum unweit des Bahnhofs dauerhaft für Teamviewer zur Verfügung stellen“, sagt der Oberbürgermeister. Abgewickelt wurde der Verkauf über die örtliche Sparkasse.

„Für uns ging es dabei auch darum, wie Göppingen sich als Wirtschaftsstandort in Zukunft behaupten kann“, sagt Till. Er verweist auf den globalen Trend, dass große Exportfirmen Teile ihrer Produktion in ihre Absatzmärkte in Asien und Amerika verlagern. Davor sei auch Göppingen in den kommenden Jahren kaum gefeit. „Wir begrüßen deshalb auch den Börsengang von Teamviewer, denn wir meinen, dass Streubesitz auch gut für die Standortsicherheit ist.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN