Mit dem Handy zu guten Schulnoten Ist YouTube der bessere Nachhilfelehrer?

Die Videoplattform YouTube dürfte eine der meistgenutzten Apps auf den Smartphones von Kindern und Jugendlichen sein. Foto: dpa/Martin SchuttDie Videoplattform YouTube dürfte eine der meistgenutzten Apps auf den Smartphones von Kindern und Jugendlichen sein. Foto: dpa/Martin Schutt 

Berlin. Laut einer neuen Studie versucht jeder zweite YouTube-Nutzer, mit Hilfe der Videoplattform seine Schulnoten zu verbessern.

Es ist noch keine zwei Wochen her, da war der YouTuber Rezo in aller Munde: In seinem einstündigen Video mit der Überschrift "Die Zerstörung der CDU" knöpfte sich der 26-Jährige kurz vor der Europawahl das Parteiprogramm der Christdemokraten vor – und katapultierte sich selber in den Mittelpunkt einer politischen Diskussion. Der Fall Rezo bewies einmal mehr: Längst sind auch Politik und Bildung auf der Videoplattform zuhause und erreichen nicht selten ein Millionenpublikum. Ein Beispiel dafür ist auch die Chemikerin, "Quarks"-Moderatorin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die ihre Karriere ebenfalls auf YouTube startete, und dort wissenschaftliche, komplexe Themen für ein junges Publikum aufbereitete. Die meisten ihrer Videos haben weit mehr als 200.000 Aufrufe. 



Mit einem Klick zur Mathematik-Nachhilfe 

Jetzt belegt auch eine neue Untersuchung, welch hohen Stellenwert die Plattform mittlerweile bei der Vermittlung von Wissen spielt. Für viele Kinder und Jugendliche ist sie nicht mehr einfach nur ein Zeitvertreib: Jeder zweite junge Nutzer sieht YouTube sogar als Hilfsmittel für die Schule an. Das zeigt eine repräsentative Studie im Auftrag des "Rats für Kulturelle Bildung", die am Dienstag in Berlin vorgelegt wurde. 

Fast die Hälfte der befragten YouTube-Nutzer zwischen 12 und 19 Jahren (47 Prozent) sagt demnach, die Videos seien wichtig oder sehr wichtig bei Themen, die in der Schule behandelt werden. Ein Großteil davon nutzt die Clips für Hausaufgaben oder um sich Dinge erklären zu lassen, die im Unterricht nicht verstanden wurden. YouTube als Nachhilfelehrer. 



Zudem zeigt die Umfrage Zusammenhänge zwischen dem Konsum von Youtube-Videos und bestimmten Hobbys und kreativen Tätigkeiten. So können die Videos das Interesse von Kindern und Jugendlichen für Musik, Film und Fotografie oder Tanzen steigern. Youtube kommt bei den 12- bis 19-Jährigen bei der Nutzung gleich an zweiter Stelle nach WhatsApp und landet noch vor Instagram, Facebook oder Snapchat. 86 Prozent sagen, dass sie YouTube nutzen. (WhatsApp 92 Prozent, Instagram 61, Facebook 61, Snapchat 46).  

Ist YouTube mittlerweile der bessere Lehrer? 

Die Studie zeigt nach Einschätzung des Rats für Kulturelle Bildung, dass YouTube die Bildungslandschaft im Ganzen berühr und verändere. "Man kann, wenn man das Medium schulseitig bewusst einsetzt, Unterricht anders aufbauen und auf diese Weise mehr Platz für individuelle Fragen und für Reflexion im Unterricht finden", sagt der Vorsitzendes des Expertengremiums, Eckart Liebau. Dabei stellt sich aber auch eine andere Frage: Wenn so viele junge Leute YouTube als Nachhilfe- und zusätzliches Erklärmedium nutzen: Machen dann die Lehrer etwas falsch?

Dazu sagt Heinz-Peter Meidinger vom deutschen Lehrerverband der Deutschen Presse-Agentur: "Ich sehe das relativ entspannt". Früher hätten sich Schüler von Klassenkameraden oder Eltern Dinge, die sie nicht verstanden haben, erklären lassen. "Und da kommen eben jetzt als neues Element die Erklärvideos dazu". Den echten Unterricht ersetzen könne so etwas aber nicht.

Im Gegensatz zum Akteur in einem einzelnen Video habe "eine Lehrkraft immer auch eine Gesamtverantwortung für eine ganze Klasse und muss auf viele verschiedene Schüler eingehen". Wichtig sei außerdem das Feedback durch Lehrerinnen und Lehrer. Bei YouTube gibt es nach Ansicht Meidingers sehr gute Lernvideos, es sei aber "auch viel Schrott dabei". Meidinger ermutigte Lehrer dazu, offensiv mit dem Thema umzugehen. "Es bricht sich keiner einen Zacken aus der Krone, wenn er Schüler auf ein gutgemachtes YouTube-Video hinweist".

Bundesbildungsministerin rät zur "gesunden Skepsis"

Die Studie zur YouTube-Nutzung zeigt neben den Fragen zur inhaltlichen Nutzung noch ein paar andere interessante Dinge. Zum Beispiel, wie Kinder und Jugendliche eigentlich auf Videos bei YouTube stoßen. Mehr als die Hälfte der Nutzer (53 Prozent) sucht gezielt nach Inhalten, gut jeder Dritte (36 Prozent) klickt sich durch Vorschläge, die von YouTube selbst angezeigt werden und 12 Prozent gehen bei YouTube immer zuerst auf Channels, die sie abonniert haben. Fast jedem (91 Prozent) sind Tipps von Freunden/Bekannten/Mitschülern wichtig bei der Auswahl von YouTube-Videos. Das dürfte zumindest zum Teil erklären, warum sich bestimmte Videos in bestimmten Gruppen rasend schnell verbreiten.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) rät Lehrern, Eltern und Schülern zu einer gesunden Skepsis bei der Nutzung von YouTube-Videos. Hintergrund ist eine am Dienstag veröffentlichte Studie, in der fast die Hälfte aller jungen YouTube-Nutzer zwischen 12 und 19 angaben, ihnen sei die Videoplattform wichtig oder sehr wichtig für Schule, Hausaufgaben und Nachhilfe. Karliczek sagte der Deutschen Presse-Agentur, Lehrer, Eltern und Schüler müssten immer hinterfragen, ob die Informationen in den Videos tatsächlich zutreffend sind.

Auch die Schulen müssen Verantwortung übernehmen

"Videos werden als Wissensquelle immer beliebter, weil Wissen in Videos oft sehr anschaulich vermittelt wird", sagte die CDU-Politikerin. Die Schulverantwortlichen müssten den Schülern beibringen, wie sie nutzbringend, aber auch kritisch mit Informationen daraus umgingen. 

Schleswig-Holsteins Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) befürwortet die Nutzung von YouTube-Lernvideos durch Schüler. "Sie suchen sich die Hilfe und den Weg, der ihnen hilft zu lernen und zu verstehen", sagte Prien am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Für Bildungspolitiker dürfe diese Erkenntnis "nicht in einem 'ja, aber!' enden". 

Mit dpa.


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