Schnelleres Handynetz Mobilfunk-Experte: "5G wird kein Ersatz für DSL sein"

5G soll eine Datenübertragung von zehn Gigabit pro Sekunde erlauben. Foto: dpa/Boris Roessler5G soll eine Datenübertragung von zehn Gigabit pro Sekunde erlauben. Foto: dpa/Boris Roessler

Dresden. Der neue Mobilfunkstandard 5G ist bedeutend schneller als der alte. Warum das flottere Handynetz dennoch nicht einen DSL-Anschluss ersetzt, erklärt Rico Radeke vom 5G Lab Germany.

Die Erwartungen von Smartphone-Nutzern an den neuen Mobilfunkstandard 5G in Deutschland sind groß: Schnell, leistungsstark und am besten überall verfügbar soll das Handynetz künftig sein – und könnte damit sogar eine Alternative zum DSL-Anschluss bieten. Dr. Rico Radeke, Sprecher vom 5G Lab Germany, einem Forscherteam bestehend aus mehr als 600 Wissenschaftlern an der TU Dresden, bezeichnet diese Vorstellung als "völligen Quatsch".

"5G ist nicht für private Nutzer gedacht, sondern in erster Linie für die Industrie mit Autos, Robotern, Maschinen und Drohnensystemen." Rico Radeke, 5G Lab Germany

Für Anwendungen privater Nutzer sei die 4G-Technologie weiterhin "vollkommen ausreichend", meint Radeke. Durch 5G gebe es zwar Verbesserungen, die auch private Nutzer freuen könnten, etwa eine schnellere Ladezeit. "Ein wirklich neuer Anwendungsfall für den einzelnen Nutzer wird dadurch aber nicht erreicht." 

Das könnte sich noch ändern. Werden mobile Anwendungen, die bisher noch weitgehend reibungslos mit 4G/LTE laufen, weiterentwickelt, könnten sie unter Umständen nur noch mit deutlich höheren Datenströmen auskommen. Dann wäre 5G auch in der Breite nötig.

Derzeit sind aber zahlreiche LTE-Netze noch nicht mal in der Lage, die theoretisch möglichen Höchstgeschwindigkeiten überhaupt zu erreichen. Bei 5G wäre die bei den Nutzern tatsächlich ankommende durchschnittliche Datenübertragungsrate noch mal um ein Vielfaches höher als bei LTE. Erste Hersteller haben neue Smartphones angekündigt, die den 5G-Standard unterstützen sollen, im Handel sind diese Geräte bisher noch nicht erhältlich.


5G soll eine Datenübertragung von zehn Gigabit pro Sekunde erlauben. Um den Inhalt einer DVD (4,7 GB) herunterzuladen, braucht ein Nutzer über einen DSL-Anschluss mit einer gängigen Bandbreite von 50 Mbit/s  laut "Deutscher Telekom" etwa 13 Minuten. Ein 5G-fähiger Laptop könnten den Inhalt einer ganzen DVD über eine mobile 5G-Datenverbindung im Idealfall innerhalb von nur vier Sekunden laden. Laut Radeke sei bei 5G auch vorstellbar, dass Nutzer privat auf eine DSL-Leistung verzichteten, weil sie in ihrer unmittelbaren Nähe über eine ausreichende Anbindung ans Handynetz verfügten. Eine komplette Alternative zu DSL sieht Radeke in der 5G-Technik aber nicht.

"5G wird kein Ersatz für DSL sein."Rico Radeke

Mobilfunkmasten müssten auch weiterhin ans Netz angebunden sein, zum Beispiel über Glasfaser. Es müsse "massiv in die Infrastruktur hinter dem Mobilfunk investiert werden", sagt Radeke im Gespräch mit unserer Redaktion. Er sieht die großen Veränderungen nicht in der Luft zwischen Antenne und Antenne, wo schneller gefunkt werden könnte und neue Lizenzen und Frequenzen benötigt würden. Für Radeke passiert der Wechsel im Bereich 5G in den dahinter geschalteten Netzwerken, etwa in der Schaffung größerer Speicherkapazitäten.

"Die Schnelligkeit bei 5G hat nichts mit dem 'Schnell' der Vergangenheit zu tun." Rico Radeke

Hing die Schnelligkeit eines DSL-Anschlusses bisher von der Bandbreite ab – es ging darum, wie viele Megabit pro Sekunde durchkommen – sei laut Radeke künftig entscheidend, binnen wie vieler Millisekunden ein Netz antworte. "Das neue 'Schnell' bedeutet, eine geringe Verzögerung zu haben und nicht eine große Bandbreite", sagt Radeke. Das sei etwa beim autonomen Fahren besonders gefordert.

Veränderungen durch 5G für private Nutzer   

Sichtbar für private Nutzer wird 5G durch ein kleines Symbol auf dem Smartphone-Display. Statt 4G oder LTE steht dort dann 5G. "Das heißt aber nicht, dass ein Nutzer zum Beispiel ein Video schneller als zuvor anschauen kann". sagt Radeke. 4G würde auch weiterhin genutzt, die Infrastruktur baue dann allerdings auf 5G auf. 

Der neue Mobilfunkstandard ist in der Theorie zwar bedeutend schneller als der alte, private Nutzer könnten dadurch möglicherweise Inhalte mit zehn Gigabit pro Sekunde herunterladen. Radeke zufolge sei dies aber ein kaum spürbarer Unterschied zur Datenübertragung bei 4G/LTE von etwa 400 Megabit pro Sekunde.

Stadt-Land-Gefälle

Nutzer in ländlichen Gebieten werden auch nach der Versteigerung der 5G-Frequenzen bei der Datenübertragung eher auf 3G- oder 4G-Netz angewiesen sein. 

"In ländlichen Regionen brauchen wir keine 5G-Ausleuchtung." Rico Radeke

Anders sei es laut Radeke an Industriestandorten, in Ballungsräumen und großen Städten. Die aktuell zur Versteigerung stehenden Frequenzen eigneten sich wegen ihrer kurzen Reichweiten eher für städtische als für ländliche Gebiete. Weitere Frequenzen, die auch für den Ausbau in der Fläche geeignet sind, werden erst in einigen Jahren versteigert. 

"Würde man nur das 5G-Netz mit den zu vergebenden Frequenzen für eine umfassende Abdeckung aller Landstriche nutzen, müssten wohl einige Hunderttausend Basisstationen gebaut werden", sagt Torsten Gerpott, Telekommunikationsexperte an der Universität Duisburg-Essen in einem Bericht der "Stuttgarter Zeitung". 98 Prozent Haushaltsabdeckung könne man auch mit einem Ausbau der 3G- und 4G-Netze in anderen Frequenzen erreichen. Schnelleres Internet auf dem Land bleibt dadurch Fehlanzeige. 

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