Große Social-Media-Analyse Welche Gruppen die Gelbwesten für ihre Ziele nutzen

Seit vergangenen Oktober gehen die sogenannten "Gelbwesten" in Frankreich auf die Straße. Foto: dpa/Chen YichenSeit vergangenen Oktober gehen die sogenannten "Gelbwesten" in Frankreich auf die Straße. Foto: dpa/Chen Yichen

Paris. Die Big-Data-Firma Alto Data Analytics hat Social-Media-Posts zu den "Gelbwesten"-Protesten analysiert und so herausgefunden, wer die Bewegung mutmaßlich für seine Zwecke missbraucht.

Seit Ende Oktober 2018 gehen sie in Frankreich regelmäßig zu Hunderten auf die Straßen: Die sogenannten "Gelbwesten". Während sich der Protest ursprünglich gegen eine von Präsident Emmanuel Macron geplante, höhere Besteuerung fossiler Kraftstoffe richtete, bezieht sich dieser inzwischen auf vielfältige Themen. Gefordert werden die Senkung "aller Steuern", ein höherer Mindestlohn und höhere Renten sowie die Einführung von Volksinitativen (référendum d'initiative citoyenne). Im Großen und Ganzen geht es gegen die Reformpolitik der Mitte-Regierung Macrons. 

Politisch klar einzuordnen sind die Protestierenden dabei nicht, am vergangenen Wochenende gerieten extrem linke und extrem rechte "Gilets jaunes" in Lyon aneinander. Wie "tagesschau.de" berichtet, hat die Big-Data-Firma Alto Data Analytics deswegen in einem Zeitraum von rund fünf Wochen zwischen Mitte November und Mitte Dezember etwa zwölf Millionen auf Französisch verfasste Social-Media-Posts und Tweets zu den Protesten analysiert. Demnach beteiligen sich fünf unterschiedliche Gruppen an der Debatte in Frankreich zu den Zielen der "Gelbwesten".

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Partei von Marine Le Pen beeinflusst Debatte

Zur Kerngruppe der "Gilets jaunes" kommen deren Unterstützer, die gut die Hälfte der analysierten Beiträge ausmachten, dazu das Lager Macrons, die Nachrichtenkanäle und die extreme Rechte. Insbesondere letztgenannte würden laut dem Bericht versuchen, ihre Themen in die Debatte einfließen zu lassen und die Proteste beispielsweise mit einem Widerstand gegen das UN-Flüchtlingsabkommen verknüpfen. 

Ein wichtiger Akteur in dem Zusammenhang sei laut Analyse die extrem rechte Partei "Rassemblement National" (ehemals Front National) um Marine Le Pen. Ebenso spielten die eurokritsche Partei "Debout La France" und die linke "La France Insoumise" eine Rolle. Letztere bezeichnen die Autoren der Studie als "tief in der Gelbwesten-Bewegung verwurzelt". Unter den 50 einflussreichsten Videos zur Debatte auf Youtube befänden sich demnach zehn Beiträge des linken Politikers Jean-Luc Mélenchon.

Einzelne Nutzer veröffentlichen mehr als 700 Posts am Tag 

Aufgefallen sei außerdem, dass die Debatte von automatisch postenden Accounts beeinflusst werde. Nur 0,05 Prozent der Nutzer seien für ein Achtel der Beiträge verantwortlich. Auf der anderen Seite würden einzelne Nutzer mehr als 700 Nachrichten am Tag absetzen, einer der Bots habe mehr als 26.000 Mal innerhalb von rund einem Monat getwittert. Vor allem die extrem rechten Gruppen sowie die Unterstützer der Gelbwesten würden sich unter den mutmaßlich automatisch kontrollierten Hochfrequenz-Postern finden.

Ebenso habe die Analyse gezeigt, dass ein Großteil der Posts nicht aus Frankreich abgesetzt werde – sondern aus den USA (14 Prozent), Belgien, Spanien und anderen Ländern. Der russische Auslandsfernsehsender "Russia Today (RT)" sei besonders in Gruppen von rechten Protestlern erfolgreich, in denen die Beiträge geteilt wurden. 

Rechte Gruppen verknüpfen Themen der Gelbwesten mit Migrationsthemen

Bei "tagesschau.de" wird die Forscherin Julia Ebner vom Institute of Strategic Dialogue in London zu der Analyse zitiert, deren Ergebnisse sie bewertet hat: "Eine sehr verbreitete Taktik ist das Kombinieren von Hashtags ihrer Themen, also Themen des rechten Spektrums, vor allem was Migrationsthemen betrifft, mit den Themen und Hashtags der Gelbwesten. Und so kommen sie wirklich auch an das Publikum ran, an das sie sich richten wollen." Die Gefahr für die "Gelbwesten" sei dabei insbesondere, dass das Meinungsbild über die Protestbewegung verfälscht werde "weil es das Bild erzeugt, dass vor allem extrem rechte Aktivisten beteiligt sind, was eigentlich nicht besonders repräsentativ ist für die Gesamtbewegung." 


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