Video-App in der Kritik Mädchen und freizügige Clips: Musical.ly hat ein Missbrauch-Problem

Von dpa

Meine Nachrichten

Um das Thema Digitale Welt Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Die Video-App Musical.ly: Experten warnen vor Missbrauch, da sich unter den Milliarden Clips auch freizügigere Aufnahmen, nicht selten von jungen Nutzerinnen finden. Foto: dpaDie Video-App Musical.ly: Experten warnen vor Missbrauch, da sich unter den Milliarden Clips auch freizügigere Aufnahmen, nicht selten von jungen Nutzerinnen finden. Foto: dpa

Berlin. Die Video-App Musical.ly steht bei Kindern und Jugendlichen hoch im Kurs. Schaut man aber genau hin, finden sich auch freizügigere Clips, nicht selten von jungen Nutzerinnen. Experten warnen vor Missbrauch. Das Unternehmen spricht von einem „komplexen Problem“.

Per Smartphone zum Star. Davon träumen viele Jugendliche. Besonders beliebt bei Teenagern ist die App Musical.ly, auf der kurze Playback-Clips gedreht und mit anderen geteilt werden können. Vorbild für viele sind die schwäbischen Zwillinge Lisa und Lena. Dank ihrer lustigen Clips wurden sie weltweit bekannt. Mit mehr als 28,5 Millionen Fans sind die beiden die erfolgreichsten „Muser“, so nennen sich die Nutzer der App. Doch längst nicht alle Videos sind so harmlos, wie die Filmchen der berühmten Zwillinge mit den Zahnspangen.

Viel Haut, viel Aufmerksamkeit

Schaut man genauer hin, finden sich unter den Milliarden Clips auch vereinzelt freizügigere Aufnahmen, nicht selten von jungen Nutzerinnen. „Ein Weg zu großer Aufmerksamkeit und Anerkennung, da funktioniert Musical.ly nicht anders als das professionelle Showgeschäft, ist das Zeigen von sehr viel Haut. Bei Musical.ly handelt es sich erschreckend oft um die Haut sehr junger Mädchen“, berichtete das von der Bundesregierung unterstützte Infoportal mobilsicher.de. Die Verbraucherschützer warnten vor Missbrauch und sexueller Nötigung. (Phänomen Cyber-Grooming: Wie Pädo-Kriminelle Kinder in die Sexfalle locken)

Mädchen in knappen Hotpants

Und in der Tat: Sucht man mit einschlägigen Hashtags wie etwa #bellydancing, #bottom oder #bikini fanden sich bis Montagnachmittag Zehntausende Videos auf der Plattform. Zu sehen gab es Mädchen in knappen Hotpants auf ihrem Bett oder bauchfrei bei aufreizenden Tanzbewegungen. In den Kommentarleisten erhielten sie von Nutzern wie „daddys_girlz29“ oder „loveyourbelly13“ Komplimente wie „Du bist so heiß!“. Oder sie fordern die Mädchen auf, ihnen das Video gleich per Direktnachricht zuzuschicken, damit sie es auf ihrer Seite bewerben können. (Weiterlesen: Drei Jahre und zehn Monate Haft für Bad Iburger Cyber-Groomer)

„Einige Nutzer erstellen Sammlungen, die sich nur auf aufreizende Selbstdarstellungen von Kindern konzentrieren“, sagt Inga Pöting von mobilsicher.de. Andere würden versuchen, direkt zu den jungen Mädchen Kontakt aufzunehmen – etwa indem sie eine Telefonnummer schicken oder sie auffordern, per Messenger weiter zu kommunizieren. Einige Mädchen seien nicht älter als sieben oder acht Jahre.

Musical.ly gehört chinesischer Medienfirma

Am Montag bat die Deutsche Presse-Agentur Musical.ly um eine Stellungnahme. Wenige Stunden später war ein Teil der zitierten Hashtags nicht mehr abrufbar. Am Dienstag sprach das Unternehmen, das im November von der chinesische Medienfirma Beijing Bytedance Technology für rund eine Milliarde Euro gekauft worden war, von einem „komplexen Problem“, das es als Branche zu lösen gelte.

Und: „Musical.ly verfügt über eine Vielzahl an Schutzmaßnahmen und gewährleistet eine Moderation rund um die Uhr, um die Möglichkeiten einer missbräuchlichen Nutzung der App zu reduzieren“, hieß es. Leider seien diese Schutzmaßnahmen nicht immer tadellos. Solche Missbrauchsbeispiele spielgelten aber nicht die typischen Inhalte oder Nutzungsmuster der App wider. (Weiterlesen: Polizei warnt – nach Cybersex droht verstärkt Erpressung)

Kontrollen fehlen

Das Unternehmen versprach zudem, seine Schutzmaßnahmen weiter auszubauen. Tatsache ist dennoch, dass die Anmeldung kinderleicht ist und es keinerlei Kontrollen gibt. Zwar dürften unter 13-Jährige laut Nutzungsbedingungen nicht dabei sein, doch wird weder das angegebene Geburtsdatum noch die E-Mail-Adresse überprüft. Und: Jeder neu angelegte Account ist standardmäßig auf öffentlich eingestellt.

Musical.ly wurde 2014 gegründet und vor allem durch kurze selbstgefilmten Clips populär, bei denen die Nutzer ihre Lippen synchron zu bekannten Popsongs oder Filmzitaten bewegen. Inzwischen zählt die App mehr als 200 Millionen Nutzer weltweit.

Popstar spielen und sich zu präsentieren sei kein neues Phänomen, sondern alterstypisch bei Kindern und Jugendlichen, sagt Iren Schulz, Expertin der Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht.“. „Was früher im Freundeskreis oder bei Familienfeiern stattfand, hat jetzt über die sozialen Medien eine größere Bühne bekommen – mit weiterreichenden Konsequenzen, wenn man nicht auf seine Daten und Profile aufpasst.“

Expertin: Eltern sollten Kinder begleiten

Laut Schulz fehlt einigen jungen Nutzern das kritische Bewusstsein: „Wenn sie die Videos machen, haben viele nur ihre besten Freundinnen oder die Jungs in der Klasse vor Augen. Sie denken nicht an das große Publikum, das sich da sonst noch rumtreibt, das ist eine enorme Gefahr.“ Sie appelliert an die Eltern, ihre Kinder auf Social-Media-Plattformen zu begleiten, ein Konto gemeinsam einzurichten und die wichtigsten Privateinstellungen vorzunehmen.

Medienpädagoge Martin Müsgens von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen rät den Nutzern die Privateinstellungen von Profilen grundsätzlich genau zu überprüfen und auch die Standortdaten zu deaktivieren. Vor allem sensible Inhalte sollten nur mit engsten Freunden geteilt werden, sagt er. „Je größer der Kreis, desto schneller kann der Beitrag außer Kontrolle geraten und in Portalen landen, wo ich ihn nicht haben will.“ Und grundsätzlich sollte man sich immer fragen, ob einem ein Beitrag irgendwann mal peinlich sein könnte. Das Netz vergesse nicht. Und: „Je mehr ich von mir präsentiere, desto angreifbarer mache ich mich.“


Beim sogenannten Cyber-Grooming machen sich Erwachsene im Internet mit sexuellen Absichten an Kinder und Jugendliche heran. Der Begriff „grooming“ bedeutet im Deutschen „anbahnen“ oder „vorbereiten“. Die Täter geben sich in sozialen Netzwerken und Chats oft jünger aus als sie sind, bauen mit Schmeicheleien Vertrauen auf und belästigen ihre Opfer dann sexuell.

Die Täter sprechen über Liebe und Sex und überreden ihre Opfer oft, ihnen intime Informationen oder Fotos zu schicken. Dann machen sie mit der Drohung Druck, die Bilder im Umfeld des Betroffenen zu verbreiten und stellen weitere Forderungen.

Oft versuchen sie, das Opfer zu einem persönlichen Treffen zu zwingen, bei dem sie es dann sexuell missbrauchen. Die strafrechtlichen Folgen regelt Paragraf 176 des Strafgesetzbuches. Dort heißt es unter anderem:

(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1.sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,

2.ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen vornimmt, soweit die Tat nicht nach Absatz 1 oder Absatz 2 mit Strafe bedroht ist,

3.auf ein Kind mittels Schriften (§ 11 Absatz 3) oder mittels Informations- oder Kommunikationstechnologie einwirkt, um

a)das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll, oder

b)um eine Tat nach § 184b Absatz 1 Nummer 3 oder nach § 184b Absatz 3 zu begehen, oder

4.auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts, durch Zugänglichmachen pornographischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden einwirkt.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN