Nutzertreue trotz Datenskandals Warum tun wir uns Facebook überhaupt noch an?

Von Meike Baars

Kaum ein Nutzer verlässt Facebook. Dabei macht das Netzwerk schon längst nicht mehr alle glücklich. Im Gegenteil. Foto: Colourbox.deKaum ein Nutzer verlässt Facebook. Dabei macht das Netzwerk schon längst nicht mehr alle glücklich. Im Gegenteil. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Facebook hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der aktuelle Datenskandal ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein. Doch die Nutzer beeindruckt das wenig. Sie bleiben dem Netzwerk treu. Dabei macht es sie schon lange nicht mehr glücklich – im Gegenteil. Warum tun sie sich das an?

Ein Aufruf machte jüngst die Runde: „Delete Facebook!“ (Lösche Facebook). Die Formulierung war natürlich irreführend, weil kein Mensch der Welt – ausgenommen vielleicht Mark Zuckerberg – beim weltweit größten sozialen Netzwerk einfach den Stecker ziehen kann. Licht aus, gute Nacht Facebook.

Ein Skandal zu viel

Nein, gemeint war lediglich das eigene Nutzerkonto. Protest per Klick: Wer seinen Account löscht, zeigt dem Netzwerk-Riesen aus dem Silicon Valley, dass eine rote Linie überschritten wurde. Dass der jüngste Skandal einer zu viel war. Dass es schlicht nicht sein darf, dass die umstrittenen Datenanalysten von Cambridge Analytica Zugriff auf zig Millionen Nutzerprofile erhielten und so mithilfe von Facebook möglicherweise die US-Wahl beeinflussen konnten.

Das Problem bei „Delete Facebook!“: Kaum einer machte mit. Offenbar wollten sich nur die wenigsten endgültig von diesem Netzwerk lossagen, das es „dir ermöglicht, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“, wie es so harmlos-verklärend im Firmenmotto heißt.

Ist Facebook zu bedeutsam?

Ist Facebook so wichtig? Könnte es ähnlich wie bei Banken sein, die Politiker nicht Pleite gehen lassen wollen, weil sie systemrelevant sind („too big to fail“)? Ist die Community sozial zu bedeutsam, um ihr für immer den Rücken zu kehren?

Ohnehin wäre der Abschied Einzelner nicht mehr als eine Kapitulationserklärung, merken Kritiker wie der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems an. Zwar hat er mehrfach mit Klagen gegen Facebook für Aufsehen gesorgt. Aber gegen die Übermacht der Datenkraken Facebook, Google und Co. hätten Einzelkämpfer schlicht keine Chance, ist Schrems trotz seiner bemerkenswerten persönlichen Erfolge überzeugt. Stattdessen sei die Politik gefragt, dem Datenmissbrauch mit sinnvoller Regulierung entgegenzuwirken.

„Fragen wie von Oma“

Dass es bis dahin noch ein weiter Weg sein wird, zeigte die erste Kongressanhörung von Mark Zuckerberg in Washington. Sie kam einem Offenbarungseid gleich – und das in doppelter Hinsicht. Die US-Senatoren ließen in ihren Fragen teils ein grundsätzliches Verständnis über die Funktionsweise von Facebook vermissen. Dabei sollten sie diejenigen sein, die diesen und andere Netzgiganten in ihre Schranken weisen. „Wie die Oma, die fragt, wie man das Internet richtig einrichtet“, urteilte Aktivist Schrems etwas flapsig in einem Fernsehinterview am Donnerstagmorgen.

Zuckerberg „gegrillt“

Lustige Videozusammenschnitte absurder Formulierungen und naiver Fragen tauchten nur Stunden später auf, nachdem die US-Politiker den zu Beginn durchaus nervösen Facebook-Chef auf dem Zeugenstand „gegrillt“ hatten. Die Clips wurden hunderttausendfach geteilt. Wo? Natürlich auf Facebook.

Aber auch Zuckerberg erschien in einem schlechten Licht. Ein paar Mal zu oft musste er auf sein Team verweisen, das Details zu klären habe. Etwa bei der Frage, wie intensiv Facebook die Onlinebewegungen seiner Nutzer „trackt“ (verfolgt und aufzeichnet). Als habe Zuckerberg wie Goethes Zauberlehrling die Kontrolle über seine Schöpfung verloren. Nur ist Zuckerberg eben kein Azubi im ersten Lehrjahr, sondern Erfinder, Gründer und CEO des Netzwerks, das fast die halbe Weltbevölkerung vereint, über zielgerichtete Werbung Milliarde um Milliarde einnimmt und wegen laxen Datenschutzes und Duldung von Fake News fraglos in der Lage ist, demokratische Wahlen mindestens zu beeinflussen, wenn nicht zu gefährden.

Nicht einmal der Chef steigt durch

Stichwort „Tracking“: Wie soll ein Nutzer verstehen, welche Daten Facebook wann sammelt und an wen es sie weitergeben darf, wenn selbst der Schöpfer nicht mehr durchsteigt? Was zurück zu „Delete Facebook!“ führt. Die versprengten Nutzer, die die Nase voll hatten und ihr Facebook-Konto löschten, sollten nicht glauben, damit hätten sie ihre Daten ein für alle Mal in Sicherheit gebracht. Nein, die lagern weiterhin auf den Servern des blauen Riesen. Für wie lange und wer sie da noch einsehen kann? Detailfragen fürs Zuckerberg-Team.

„Gegrillt“: Mark Zuckerberg musste sich vor US-Senatoren rechtfertigen. Ob das die Datensammelwut von Facebook zähmen wird? Foto: AFP

Die überwältigende Mehrheit der Nutzer bleibt Facebook ohnehin treu – auch in Deutschland. Aktuell erklärt nur eine kleine Minderheit, in dem Netzwerk künftig weniger aktiv sein zu wollen. Lassen die Datenskandale den Rest einfach kalt? Nein, sagt Bernadette Kneidinger-Müller. „Es gibt bei den Menschen durchaus ein Bewusstsein dafür, dass ihre Daten bei Facebook nicht gut genug geschützt werden“, glaubt die Soziologin mit dem Forschungsschwerpunkt Internet von der Universität Bamberg. Aber: Es fände eine Kosten-Nutzung-Abwägung statt. Die Nutzer bewerten die Vorteile von Facebook – die Kontaktpflege, die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und das Auf-dem-Laufenden-Bleiben – höher als die Gefahren von Datenklau und -missbrauch.

Privatsphäre versus Facebook-Post

„Privatsphäre-Paradox“, nennt das die Forschung. Menschen geben online Persönlichstes über sich preis, obwohl sie den Schutz des Privaten generell wichtig finden. „Was sollen die schon groß mit meinen Informationen anfangen“, sei eine bei vielen Nutzern weitverbreitete Unterschätzung der eigenen Wichtigkeit für das Unternehmen, sagt die Professorin Kneidinger-Müller.

Was gibt Facebook den Nutzern, was andere Chatprogramme und Kurznachrichtendienste nicht könnten? Es ist ein Netzwerk, das soziale Teilhabe und Vergleiche ermöglicht. Auch wenn sie im realen Leben nicht dabei sind, erfahren User, welche ihrer „Freunde“ gerade im Urlaub sind, wer heiratet, wer Geburtstag feiert oder Nachwuchs erwartet – und wie das alles aussieht.

Mit Facebook unglücklich und einsam

Glücklicher mache einen das allerdings nicht, sagt Phillip Ozimek. Im Gegenteil. Der Sozialpsychologe von der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Frage, was die Menschen bei Facebook suchen. Besonders jene User mit einem geringen Selbstwertgefühl, die über das Netzwerk Bestätigung erfahren wollen, fühlten sich nach einem Log-In oft unzufriedener und einsamer als vorher. „Sie vergleichen ihr reales Selbst mit den idealisierten Profilen der Freunde, die jeweils nur ihre schönsten Lebensereignisse präsentieren. Diesen Vergleich kann man nur verlieren“, erklärt Ozimek.

Selbst die Menschen, die am meisten Zeit auf Facebook verbringen, mögen es nicht sehr, zeigen Studien. Dennoch will kaum einer ohne sein. Wer sein Konto löscht, schneidet sich von einem Teil der Wirklichkeit ab, von einem Teil der Welt. Er verliert den Zugang zu einem Netzwerk, das zwar kein Geld kostet, aber trotzdem bezahlt werden will: mit Daten, Zeit und Aufmerksamkeit – und zunehmend mit der Angst, dass sich das alles vielleicht als ziemlich großer Fehler entpuppt.