Wirbel um Cambridge Analytica Worum es bei dem Facebook-Skandal geht

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dpa/lod San Francisco/London. Über Facebook tobt nach dem Skandal um die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica ein Sturm. Gründer und Chef Mark Zuckerberg schweigt bisher. Investoren stießen schon mal die Aktien des Online-Netzwerks ab. Die Hintergründe.

Wie ist die Lage aktuell?

Investoren und Anleger des größten sozialen Netzwerks Facebook erhöhen den Druck auf den Konzern. Aktionäre haben Facebook verklagt. Nutzer des Netzwerks verlangten in einer Petition der Mozilla-Stiftung, Facebook müsse mehr für den Schutz der Daten tun und seine Nutzer respektieren. Rufe nach mehr staatlicher Aufsicht über Online-Plattformen werden lauter. Die Aktie fiel um rund sieben Prozent, und das löschte über 35 Milliarden Dollar Börsenwert aus.

Angesichts der Vorwürfe will das EU-Parlament von Facebook-Chef Mark Zuckerberg persönlich Aufklärung. Parlamentspräsident Antonio Tajani schrieb am Dienstag im Kurznachrichtendienst Twitter, das Parlament habe Zuckerberg „eingeladen“. Facebook müsse „vor den Vertretern von 500 Millionen Europäern klarstellen, dass persönliche Daten nicht dazu benutzt werden, um Demokratie zu manipulieren“.

Was ist passiert?

Am Wochenende war bekannt geworden, dass die britische Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica illegal an einige Informationen von bis zu 50 Millionen Facebook-Nutzern gekommen war. Um sie zu sammeln, hatte ein Professor eine Umfrage zu Persönlichkeits-Merkmalen aufgesetzt, die bei Facebook als wissenschaftliche Forschung angemeldet wurde. Die Daten gingen dann ohne Wissen der Nutzer an Cambridge Analytica. Facebook sperrte die Analyse-Firma aus, weil sie die unrechtmäßig erhaltenen Nutzerdaten entgegen früheren Zusicherungen nicht gelöscht habe. Cambridge Analytica suspendierte ihren Chef Alexander Nix bis zu einer vollständigen, unabhängigen Untersuchung mit sofortiger Wirkung von seiner Aufgabe entbunden, teilte das Unternehmen am Dienstagabend mit.

Was wird Cambridge Analytica vorgeworfen?

Cambridge Analytica wurde bekannt als die Firma, deren Datenauswertung Donald Trump zum Sieg bei der US-Präsidentenwahl 2016 verholfen haben soll. Die Firma soll im US-Wahlkampf mit als Werbung geschalteten gezielten Botschaften bei Facebook Anhänger des heutigen Präsidenten Donald Trump mobilisiert und zugleich potenzielle Wähler der Gegenkandidatin Hillary Clinton vom Urnengang abgebracht haben.

Cambridge Analytica geriet außerdem unter Druck, nachdem ihr Chef vor versteckter Kamera mit Erpressungsversuchen von Wahlkandidaten geprahlt haben soll. Ein Reporter des britischen Senders Channel 4 hatte sich für den Vertreter eines potenziellen reichen Kunden ausgegeben, der für den Erfolg mehrerer Kandidaten bei einer Wahl in Sri Lanka sorgen wolle.

Der Undercover-Reporter traf sich mit Cambridge-Analytica-Chef Alexander Nix und anderen Top-Managern mehrfach in Londoner Hotels von November 2017 bis Januar 2018. An einer Stelle antwortete Nix dem Channel-4-Bericht zufolge auf die Frage nach der Möglichkeit, negative Informationen über politische Opponenten zu beschaffen, seine Firma könne „Mädchen zum Haus des Kandidaten schicken“. Ukrainerinnen seien „sehr schön, ich finde, das funktioniert sehr gut“. Eine weitere Vorgehensweise sei, einem Kandidaten viel Geld für seinen Wahlkampf anzubieten, zum Beispiel mit Land als Gegenleistung - und das ganze auf Video aufzunehmen und später zu veröffentlichen.

Was sagt Cambridge Analytica dazu?

Cambridge Analytica erklärte am späten Montag, der Bericht sei irreführend zusammengeschnitten, die Darstellung entspreche nicht der Vorgehensweise der Firma und versuche, den Spieß umzudrehen: Man führe routinemäßig Unterhaltungen mit potenziellen Kunden, um bei ihnen mögliche unethische oder illegale Absichten aufzudecken. Nix erklärte dem „Wall Street Journal“, er habe lediglich in der Konversation „mitgespielt“ und bereue das.

Was sagt Facebook dazu?

Das Unternehmen erklärte, es werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen. Facebook hat seinen Sicherheitschef Alex Stamos auf einen anderen Posten versetzt. Stamos habe bereits im Sommer 2016 erste Untersuchungen eingeleitet und zum November klare Hinweise auf die Einmischung aus Russland gehabt. Laut der „New York Times“ habe die Firmenführung jedoch damit gezögert, die Informationen öffentlich zu machen. Gründer und Chef Mark Zuckerberg und seine rechte Hand Sheryl Sandberg würden sich erst zu dem Fall äußern, wenn interne Untersuchungen abgeschlossen seien, berichtete der Finanzdienst Bloomberg.

Auf welche Daten hatte die Firma Zugriff?

Über das Ausmaß des Datenzugriffs gibt es unterschiedliche Angaben. Die „New York Times“ berichtete am Wochenende unter Berufung auf frühere Mitarbeiter von Cambridge Analytica, die Firma habe Zugriff auf Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Mitgliedern ohne deren Zustimmung erhalten. Aus den Erklärungen von Facebook geht hervor, dass allerdings beim absoluten Großteil dieser Nutzer nur Grund-Informationen zum Profil zugänglich gewesen seien.

Vertieftes Wissen erhielt Cambridge Analytica laut Facebook aber über Menschen, die eine die 270.000 Mal herungeladene Umfragen-App ausfüllten. Die scheinbar harmlose Umfrage mit dem Namen „thisisyoudigitallife“ versprach Nutzern einen Persönlichkeitstest. Ihr Initiator, Professor Alexandr Kogan von der Cambridge-Universität, habe dafür von den Nutzern die Erlaubnis zum Zugriff auf ihre Informationen erhalten. Dann habe aber Kogan „uns belogen“ und Daten an Cambridge Analytica und SCL sowie den Datenanalytiker Christopher Wylie weitergegeben, erklärte Facebook.

Zusätzlich zu den Informationen der Nutzer, die direkt an der Umfrage teilnahmen, bekam die App eingeschränkten Zugang zu Profildaten ihrer Facebook-Freunde, die entsprechend lockere Datenschutz-Einstellungen haben, erklärte das Online-Netzwerk. Das ist in solchen Fällen bei Online-Plattformen oft üblich und könnte die Zahl von Millionen in Mitleidenschaft gezogenen Mitgliedern erklären. Es wären aber deutlich weniger wertvolle Informationen. Facebook machte seinerseits keine Angaben zur Gesamtzahl der betroffenen Nutzer.

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Wer hat das Datenleck enthüllt?

Der heute 28-jährige Christopher Wylie tritt jetzt als Whistleblower auf und legte Informationen zur Zusammenarbeit mit Cambridge Analytica unter anderem der „New York Times“ und der britischen Zeitung „Guardian“ offen. Wylies Unterlagen enthüllen eine noch tiefere Verstrickung von Cambridge Analytica in den Wahlkampf als bisher bekannt: So habe die Firma Wikileaks Hilfe bei der Verbreitung der gestohlenen E-Mails von Hillary Clinton angeboten. Sie waren nach Erkenntnissen westlicher Sicherheitsbehörden von russischen Hackern gestohlen worden und ihre Veröffentlichung trug mit dazu bei, dass Trump die US-Präsidentenwahl im November 2016 gewann. Auch habe Cambridge Analytica der russischen Ölgesellschaft Lukoil eine Zusammenarbeit angeboten. Wylie verletzte mit seinen Enthüllungen Stillschweige-Vereinbarungen und könne verklagt werden, hieß es.


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